die Erlösung des Verzeihens

Nachdem ich ein Burnout, eine Erschöpfungsdepression - oder wie man das heutzutage auch nennen möchte hatte, bin ich lange in meinem Groll, meiner Wut und meinen Verletzungen und Kränkungen gefangen gewesen. Erst verschiedene Techniken des aktiven Verzeihens und Vergebens haben mir geholfen, wieder zurück in ein aktives, ausgeglichenes, glückliches und zufriedenes Leben zu finden. 

Kürzlich bin ich am Kiosk über das Heft "PSYCHOLOGIE HEUTE" gestossen, in dem ein guter Artikel über das Verzeihen drin steht, den ich hier nun teilweise zitieren möchte. Weil dieses Thema meines Erachtens extrem wichtig ist, um gute Beziehungen und ein glückliches und zufriedenes Leben führen zu können.

 

Zitat aus "PSYCHOLOGIE HEUTE" vom September 2018, Artikel von Silke Pfersdorf, "Die Kraft des Verzeihens" 

 

http://www.psychologieheute.de/lppnm/index.php

 

***Ein Familientreffen, wie schön. Für Tanja Radler das erste Wiedersehen mit ihrer Schwester Laura, seit diese sieben Jahre zuvor mit ihrem Mann nach Australien gezogen war. Die erste gemeinsamen gemeinsamen Stunden der Schwestern mit ihren Eltern, Cousinen und Tanten in dem alten hessischen Dorf ihrer Jugend waren richtig nett. Bis es um die Kindertage ging. "Weisst dun noch, wie wir dich damals in die Scheune gesperrt haben?" fragte Laura ihre Schwester lachend. "Du hattest es echt nicht leicht mit mir", kicherte sie und tätschelte Tanjas Hand. Ihre Mutter lachte. Tanja lächelte. Aber sie hätte heulen können. So, dachte sie, war es immer. Laura war der Liebling, egal was sie anstellte. Und sie hatte diesen Joker stets gnadenlos eingesetzt. Was lange her schien, war plötzlich ganz nah. Verdrängt vielleicht - aber unvergessen.

(...)

Verzeihung, Entschuldigen Sie bitte. Bei den Kleinigkeiten des Alltags gehen uns diese Worte leicht von den Lippen. So beiläufig, dass wir nicht einmal über die Bedeutung nachdenken. "Sag Entschuldigung", soufflieren wir unserem Nachwuchs schon auf dem Spielplatz, wenn er mit der Schaufel nach seinem Kindergartenfreund geschlagen hat. Damit, suggerieren die Floskeln, ist alles wieder gut, alles Unrecht beseitigt, sind die Falten im Beziehungsgefüge glattgebügelt. Auch in Hollywoodfilmen oder Liebesliedern ist der Akt des Verzeihens stets kaum mehr als die Ouvertüre für ein herzerwärmendes Happy End.

 

Die Psychologie hätte da einiges gerade rücken können - tat es aber nicht. Vielleicht weil sich jahrhundertelang eine andere Disziplin - eine höhere Instanz sozusagen - für das Vergeben zuständig erklärte: die Religion. "Vergebung war über Jahrhunderte moralisiert und spiritualisiert", sagt Sozialpsychologe Masi Noor von der britischen Seele-Universität. "Die Psychologie musste das Verzeihen aus der religiösen Ecke herausnehmen, um konkrete Antworten geben zu können: wie Verzeihen funktioniert, was Menschen dazu befähigt oder was sie daran hindert zum Beispiel. Inzwischen hat man erkannt: Dass wir einander vergeben, ist ein entscheidender Schlüsselfaktor in unserem Verhalten." ***

 

Verzeihen ist also nicht mehr das verkorkste Beichten im Beichtstuhl - sondern es hat eine unglaubliche Kraft und kann Erlösung bringen - ganz ohne Kirche, Dogmen und Angst....

Es ist ein tolles Mittel, uns zu erleichtern, unser Leben zu entflechten und aufzuräumen, zu entrümpeln...

 

Verletzungen und Kränkungen passieren so oft - manchmal ohne dass der Kränkende es überhaupt bemerkt und somit auch ohne Absicht. Manchmal passieren Kränkungen aus Überforderung, aus Stress, weil man selbst so sehr mit seinen Themen verstrickt ist, dass man nicht bemerkt, dass man verletzend reagiert. 

 

Im Familienstellen, aber auch ganz im Allgemeinen kommt dieses Thema sehr oft zum Tragen. Schuldgefühle und nicht stattgefundenes Vergeben kann Menschen manchmal über Generationen belasten, was dann bei einer Familienaufstellung zum Vorschein kommen kann. Die Erlösung, die diese Menschen dann Erfahren dürfen, wenn endlich Vergebung, aber manchmal auch das blosse Hinschauen auf Geschehenes stattfinden kann, ist extrem machtvoll und schön!

 

(Über diese Themen habe ich auch schon länger auf meiner Webseite einige Techniken und Informationen veröffentlicht: "Heile dich selbst")

 

Hier möchte ich noch ein paar Abschnitte aus oben erwähntem Artikel mehr zitieren, weil es so passend ist:

 

***Wer verletzt wurde, leidet gleich mehrfach

 

Viele Menschen betrachten die Geste der Verzeihung noch immer als Geschenk desjenigen, der verletzt wurde, an denjenigen, der ihm übel mitgespielt hatte: Das Opfer springt sozusagen über seinen Schatten, um den Täter freizusprechen. Ein Verständnis,  bei dem vor allem der Täter profitiert. Neuere Forschungen zeigen, dass dies ein grosses Missverständnis ist, denn es geht zunächst nicht um den Täter, sondern um die Person, die verzeiht:" Zu verzeihen ist eine Kunst, die zu grösserer Freiheit führt und uns das Leben aktiv gestalten lässt. Man tritt damit aus der Opferrolle heraus", erklärt die Zürcher Psychotherapeutin Verena Kast.

Eine enorme Anstrengung und mehr als nur ein einzelner Schritt: Wer betrogen, verletzt, verleumdet oder beleidigt wird, leidet schliesslich gleich vielfach: Durch die Ungerechtigkeit selbst, die negativen Gefühle wie Wut, Frustration, Traurigkeit, durch die Scham anderer gegenüber. Weitere Nebenwirkungen: Alles zusammen erschöpft einen Menschen, zwingt ihn oft noch lange, ständig darüber nachzudenken, sich als vom Schicksal benachteiligt zu sehen und womöglich in seiner gesamten Grundeinstellung dem Leben gegenüber pessimistischer zu werden.

Emotional bugsiert uns diese Mehrfachbelastung erst einmal in eine Sackgasse - und die zwei Wege, die üblicherweise eingeschlagen werden, um wieder heraus zu kommen, machen nicht glücklich. Der erste: Rache üben (...), der zweite: Verdrängen (...)***

 

 

Beide dieser Strategien führen nicht zur Befreiung und Erlösung all der negativen Gedanken und Gefühle... 

 

Die Wunden werden so nicht heilen können, sondern platzen immer und immer wieder auf. Besonders wenn man wieder mit ähnlichen Situationen oder der Person konfrontiert wird, die einen verletzt hat.

 

Mit dem Ritual des Verzeihens kann man Geschehenes oder Gesagtes verarbeiten, loslassen und in sein Leben integrieren. Es geht nicht darum zu vergessen - gerade bei schlimmen Kränkungen oder gar Verbrechen - ist es weder das Ziel noch nötig zu vergessen. Aber durch das Ritual des Verzeihens wird die Tat / werden die Taten in ein anders Licht gerückt. Man befasst sich mit dem Verursacher und seinen Motivationsgründen, man leitet die Selbstheilung ein. Es gibt Online ein REACH-Modell von Everett Worthington, ein vor einem Jahr emeritierter Psychologieprofessor der Commonwealth-Universität von Virginia, das man kostenlos herunterladen kann. Es ist ein von ihm entwickelter Sieben-Stunden-Vergebungsworkshop, wobei man lernt, sich den Schmerz bewusst zu machen, ohne sich als Opfer zu bemitleiden oder den Verursacher als Täter zu hassen. Man übt, sich in den anderen einzufühlen - und ihm auf dieser Grundlage schliesslich zu vergeben.

 

Die wichtigsten Fragen an sich selbst lauten: 

 

  • Was schuldet mit der andere noch?
  • was genau schmerzt mich eigentlich so?
  • Was müsste ich vom anderen bekommen, um wirklich loslassen zu können?

Die Antworten, die man sich selbst gibt, setzen den eigentlichen Klärungsprozess erst in Gang. Das Ziel ist, einen Strich unter das Geschehene zu ziehen - für sich selbst.

 

Was sehr erlösend, befreiend wirkt. Eine grosse Last fällt von den Schultern und man kann wieder frei atmen...

 

Probieren sie es aus! ;-)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0