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Systemische Arbeit

Am letzten Samstag habe ich an einem systemischen Aufstellungsseminar bei Sascha Zimmermann teil genommen. Wie immer hat sie die Aufstellungen mit viel Feingefühl, Herzensenergie und Professionalität geleitet.
 
https://saschazimmermann.ch
 
Die Aufstellungen an sich möchte ich hier nicht erklären oder kommentieren. Aber da sind Themen zu Tage gefördert worden, die mich extrem schockiert, genervt, traurig gestimmt, aber auch zuversichtlich und hoffnungsvoll hinterlassen haben. Und es hat in mir viele philosophische Fragen aufkommen lassen, die ich hier in den Raum stellen möchte:
 
 

Wie kann es sein, dass die Person – die Mutter, die einem am meisten Schutz und Geborgenheit geben sollte - so oft für Angst, Chaos, Hilflosigkeit und Verletzung verantwortlich ist? 
 
Was ist passiert in der Natur des Menschen, dass das Natürlichste auf der Welt  - die urige Mutterrolle - so in Schieflage geraten ist? Oder war die Mutterrolle bei unseren Vorfahren – den Sammlern und Jägern - auch so oft ambivalent? Warum hat die Natur vorgesehen, dass ein Menschenkind so stark und fast ausschliesslich von einer einzigen Person - der Mutter - abhängig ist? Dass das Kind so extrem von der psychologischen Prägung der Mutter beeinflusst wird?  
 
 

Es gibt kein Tier, das seine Jungen so lange pflegt und hegt wie der Mensch. Menschenkinder leben +/- 20 Jahre mit den Eltern / einem Elternteil, werden von ihnen versorgt und sind von ihnen abhängig. Zu Urzeiten mag das Sinn gemacht haben, da bot die erweiterte familiäre Gemeinschaft Schutz, man jagte und sammelte Nahrung zusammen, man zog die Kinder zusammen auf, pflegte die Alten und Kranken. So wie andere Säugetiere, die in kleinen Familienbanden und -rudel unterwegs sind.
 
Doch werden Säugetiere auch während ihrer Zeit bei der Mutter / den Eltern so oft traumatisiert? Es gibt keine Hinweise, dass Tierkinder Schaden nehmen vom Verhalten ihrer Mütter/Eltern - wenn sie sich zum Beispiel von der Mutter trennen müssen und ihren eigenen Weg gehen müssen.
 
Ist dies also ein Phänomen des Homo Sapiens und seiner Entwicklung vom Affen zum heutigen Menschen?
 
 

Wo ist der übergeordnete Sinn hinter dieser Entwicklung? Hat Gott das so gewollt? War das in seinem Sinn und nach seinem Plan, dass die heutigen Menschenkinder all zu oft mit psychischen Folgen von der frühesten Kindheit zu kämpfen haben? Manchmal ein Leben lang? Ist das eine „neue“ natürliche Auslese, wo nur die stärksten überleben können? Doch was gilt in dieser neuen Welt als Stark? 
 

Jemand der viele finanzielle Mittel zur Verfügung hat und narzisstisch veranlagt ist, so wie Donald Trump?
 
Oder ist derjenige stark, der Selbstmord begeht und damit selbst entscheidet und die Kontrolle behält? 
 
Oder gilt diejenige als stark, die immer wieder an sich und ihren Mustern und Traumas arbeitet, um sich weiter zu entwickeln? 
 
Oder ist diejenige stark, die fähig ist alles Schwierige und Unangenehme so rasch wie möglich zu verdrängen oder schön zu reden?
 
Wie definiert man überhaupt Stärke? Ist Stärke überhaupt noch ein Attribut, das es sich lohnt zu pflegen und zu erweitern? Oder ist es an der Zeit den Fokus auf andere Eigenschaften und Qualitäten zu richteten?
 
Was wäre wenn wir in Gesellschaft und Schule weniger Wert darauf legen würden „starke Kinder“ zu züchten und stark sein zu müssen? Gäbe es dann weniger Machtkämpfe, Gockelkämpfe, Mobbing und Verletzungen? Was wäre wenn wieder vermehrt die Gemeinschaft anstatt der Egoismus tragend wäre? Was, wenn das Mutterwerden und Muttersein wieder als das anerkannt und gewürdigt würde, was es ist? Wenn dem Mutterwerden und Muttersein wieder die Zeit und der Raum zugestanden würde, der ihm zusteht? Könnten sich dann Mütter wieder vermehrt darauf konzentrieren ihren Kindern das Urvertrauen mitzugeben, das sie brauchen? Der Bärenmutterinstinkt aktivieren? Oder gab es auch zu Urzeiten bereits Mütter, denen diese Rolle nicht zusagte und die damit überfordert waren? Waren die Frauen damals mehr bei sich und konnten sie sich zugestehen, dass sie nicht zum Muttersein geboren wurden, dass sie andere Aufgaben in der Gemeinschaft inne hatten und dies mit allen Konsequenzen umsetzen?
 
Ist unsere Gesellschaft, sind wir als Menschen fähig, das Muttersein zu würdigen und dem Muttersein den Platz einzuräumen, den es braucht und gleichzeitig das Moderne und Fortschrittliche weiter zu pflegen und zu fördern? Das Natürliche am Muttersein wieder zu erwecken und stolz darauf zu sein, dass die Natur uns dieses Geschenk gemacht hat?
 
 
 
 

Wenn man sich genauer mit der Evolution befasst, dann macht es durchaus Sinn dass das hilflose Neugeborene die Überlebens-Strategien der Mutter übernimmt - besonders mit dem Wissen, dass wir Menschen in gewissen Bereichen immer noch so funktionieren, wie unsere Vorfahren aus der Urzeit. 
 
Zu dieser Zeit war es für das hilflose und von der Mutter abhängige Baby und Kleinkind überlebenswichtig, sich die Strategien der Mutter einzuprägen und anzueignen, die der Mutter das Überleben gesichert haben. Es musste nicht nur lernen, welche Pflanzen essbar oder giftig waren, wo man guten Unterschlupf fand und wie man sich verhalten musste, wenn man Wildtieren begegnete, sondern es musste auch in der sozialen Struktur der Gemeinschaft und im Zusammenleben lernen, sein Überleben zu sichern. Das war bestimmt für Mädchen anders als für Jungen. z.B. in Bezug auf Hierarchie, Inzucht, etc. War es das Mädchen, das die Stammfamilie verliess und einem Mann eines anderen Clans folgte, oder war es der Junge, der eine neue Familiengemeinschaft gründete und seine Stammfamilie verliess? So oder so herrschten in der neuen Gemeinschaft andere Regeln und Hierarchien, als in der Stammfamilie.
 
 
 
 

Über die Jahrzehnte und Generationen hinweg hat jede Mutter neue Strategien entwickelt, manche Strategien überdauerten Generationen, andere wurden nur für eine bestimmte Gegebenheit (z.b. Vulkanausbruch nur einmal in hundert Jahren) gebraucht, trotzdem waren sie im Gehirn und im Nervensystem der Nachkommen gespeichert. 
 
Unser Hirn und Nervensystem funktioniert immer noch nach dem selben Prinzip. So verwundert es nicht, dass wir als Baby und Kleinkind die Überlebens-Strategien unserer Mutter und allen anderen weiblichen Vorfahren einverleiben. Und uns z.T. eigene Strategien aneignen um in der aktuellen Situation zu überleben - die uns später im Erwachsenenalter nicht mehr helfen, oder sogar hinderlich sind. Auch unsere Mutter hat dies so gemacht, genauso wie ihre Mutter zuvor, etc. Und so kann es sein, dass gewisse Strategien, Verhaltensmuster und psychologische Prägungen über Generationen weiter gegeben werden - und dass sie uns heute nicht mehr nützlich sind.
 
Doch wie haben sich unsere Vorfahren von solchen, nicht mehr nützlichen Strategien befreit? Haben sie das überhaupt realisiert?
 
 
 
Wenn wir jetzt also im Erwachsenenalter realisieren, dass uns diese Strategien der Kindheit oder der Mutter nicht mehr helfen, oder sogar hinderlich und störend sind, ja manchmal sogar sehr belastend - dann ist es an der Zeit, daran zu arbeiten und diese Prägungen zu ändern. Oftmals ist es sehr anstrengend diese Verhaltensmuster zu erkennen, zu durchbrechen und aufzulösen. Manchmal weiss man auch gar nicht wo die Ursache liegt.
 
Eine systemische Aufstellung kann da sehr viel Klarheit bringen und bewegen. 
 
 
Das Wichtigste aber ist, nicht Schuldige zu suchen, sondern vielmehr das Zusammenspiel von Ursache und Wirkung zu erkennen. Um dann die Verantwortung für sich und sein Leben zu übernehmen, mit dem Wissen, dass wir die Möglichkeiten und die Macht haben, unser Leben zu ändern, diese Verhaltensmuster zu durchbrechen und wie Phönix aus der Asche mit neuer Kraft und neuem Potential hervorzubrechen. Denn wenn wir in einer Aufstellung oder auf andere Art und Weise die Ursache, den Ursprung erkannt haben, ist es oftmals gar nicht mehr so schwer, die Wirkung in unserem zu ändern... oftmals passiert das auch ganz von selbst.
 
 
 
viele herzliche Grüsse von einer Yvonne, die gerade mitten in einem Prozess steckt und weiss wovon sie spricht...
 
 

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