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Chancengleichheit

Chancengleichheit - Schulsystem

 

Chancengleichheit - Was bedeutet das? 

 

Heutzutage wird sehr viel Effort erbracht um Kinder mit Migrationshintergrund und andere „benachteiligte“ Kinder zu fördern und zu unterstützen. In einer Durchschnittsklasse finden sich im Schnitt 22 Kinder wider. Jedes Kind bringt einen anderen Background und einen anderen Rucksack mit. Von den Kindern, welche integrativ gefördert werden müssen, über die Kinder, die eine schwierige Situation zu Hause bewältigen müssen, zu Kindern die zu viel gefördert werden vom Elternhaus bis zu Kindern, die eine Hochbegabung aufweisen - 22 Kinder unter einem Dach. Wie soll da eine Lehrperson (LP) ihrem Auftrag - dem vermitteln von Wissen - gerecht werden? 

 

Wenn wir von Chancengleichheit sprechen - wie soll dies in einer solchen Durchschnittsklasse überhaupt möglich sein?

 

Wie sieht denn Chancengleichheit in der Natur aus? 

 

 

 

Haben alle diese Wasservögel die selbe Chance an Nahrung zu kommen? Haben alle diese Gartenrotschwanz-Küken die Chance zu Überleben oder wird eines von einer Katze erwischt? Was macht den Unterschied? Ist es einfach nur Glück, dass ein Küken, wenn es flügge ist, überlebt, und das andere nicht? Oder war das eine Küken von Anfang an frecher und stärker und hat dadurch mehr Fressen von den Eltern bekommen?

 

 

Wer definiert denn den Raster der Chancengleichheit? Was ist eine erstrebenswerte Chance und was nicht? Ist es nicht ganz normal auf unserer Welt, dass die einen Lebewesen erfolgreicher erscheinen als andere? Was ist das Ziel der Chancengleichheit? Was ist das Ziel eines jeden Lebewesens? Überleben. 

Wer oder was definiert, ob ein Baum einem Sturm trotzen kann, oder ob er umknickt, so wie dieser Nadelbaum? Gott? Das Schicksal? Glück oder Unglück?

 

 

Wer oder was definiert, ob ein Kind stark, selbstbewusst und erfolgreich ist und zu einem gesunden und erfolgreichen Erwachsenen heranwächst?

Schulklasse in Sote, Fiji, wo ich Englisch unterrichtet habe.
Schulklasse in Sote, Fiji, wo ich Englisch unterrichtet habe.

Von der Vergangenheit zur Gegenwart - lasst uns das Spiel „was wäre wenn“ spielen…

 

Weil die Schulzeit für mich keine allzu schöne Zeit war, ist es mir ein grosses Anliegen, dass Kinder heutzutage diese so wichtige Zeit besser durchlaufen können. Dass sie Spass haben, dass sie optimal gefördert und gefordert werden, dass sie aus dem Vollen schöpfen können und ihre Potentiale entfalten können, dass sie Erfolgserlebnisse erleben dürfen und dadurch die Kraft finden, auch langweilige oder uninteressante Themen zu erarbeiten und trotzdem daraus zu lernen. Und zwar JEDES Kind, ganz egal was für einen Rucksack es mitbringt.

 

Zu viel verlangt von der Schule? Zu utopisch? Zu idealistisch? 

 

Mir fällt auf, dass sich zwar sicherlich einiges geändert hat seit ich selbst in der Schule war, aber dass es immer noch viele Baustellen gibt.

 

Die Kluft in einer Klasse zwischen den Kindern, die Defizite haben und denjenigen die besonders begabt sind, scheint oft riesig. Zudem sind die Klassen oft sehr gross und heterogen (zweiteres war aber schon immer so!!), was dazu führt, dass die Lehrperson mehr Troubleshooter ist, als dass sie sich auf ihre Kernaufgaben - nämlich das vermitteln von Wissen - konzentrieren kann. Auch fällt mir auf, dass man nach wie vor sehr auf Defiziten und Fehlern herum reitet und diese zu „korrigieren“ versucht. Warum ist das so?

 

 

Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch - jedes Kind über besondere Talente und Interessen verfügt. Indem man diese Talente explizit förderte, den Kindern in jeder Altersstufe Erfolgserlebnisse ermöglichte, würden sich auch diejenigen Bereiche normal entwickeln, die auf den ersten Blick defizitär erschienen. Womöglich könnte sich das Kind sogar in allen Bereichen gut entwickeln, wenn man mehr auf Talente bauen würde, als auf Defiziten herumzureiten. Und wollen wir denn nicht zukünftige Erwachsene in unserer Gesellschaft, Wirtschaft und Forschung, die aus dem Vollen schöpfen und die mit ihren Talenten und Potentialen genau am richtigen Ort landen?

 

Doch das Kategorisieren und Vergleichen fängt ja bereits bei der Geburt an. Das Baby wird gewogen und gemessen und wenn es nicht der Kurve entspricht, fordert der Kinderarzt Gegenmassnahmen. Doch (sofern keine wirkliche Krankheit vorliegt) bin ich der Meinung, dass jedes Kind seinen eigenen Entwicklungsprozess durchläuft und deshalb nicht vergleichbar mit irgend einem anderen Kind oder einer Kurve ist. Was ist daran so schlimm, wenn ein Kind zuerst seine geistigen und sprachlichen Fähigkeiten entwickelt und mit einem Jahr bereits quasselt wie ein Buch, dafür aber noch nicht gehen kann? Haben wir kein Vertrauen mehr in die Natur, dass alles seine Richtigkeit hat und das Kind sich gesund und normal entwickelt, bloss weil seine grobmotorischen Fähigkeiten vielleicht nicht der Kurve seines Alters entsprechen??

 

Gerade wenn man weiss, dass wir Menschen uns Schubweise weiterentwickeln - im Babyalter scheint dies für alle Erwachsenen ganz klar zu sein, hört man doch immer wieder „Mein Kind hatte gerade einen Entwicklungsschub“. Warum vergisst man diese Tatsache, sobald das Kind älter wird? Es liegt in unserer Natur, dass wir nicht alles gleichzeitig erfassen und entwickeln können. Mal werden geistige Fähigkeiten weiterentwickelt, in einem nächsten Schritt sind es dann physische, psychische, grobmotorische, feinmotorische - oder Fähigkeiten, von denen wir noch gar nichts wissen… Unser Körper, unser Dasein ist so wundervoll und genial - unsere Forschung und Wissenschaft weiss noch lange nicht alles, was uns als Menschen ausmacht und antreibt…

 

Deshalb plädiere ich für ein Umdenken in Schulen und Politik. Unser Schulsystem ist zur Zeit zu sehr damit beschäftigt, Fehler auszumerzen und auszubügeln, anstatt Talente zu fördern. Dabei bin ich überzeugt, dass das Fördern von Talenten alle bereichern würde - Schule, Kinder, Erwachsene, Wirtschaft und Politik.

 

Kritiker und Verfechter des aktuellen Schulsystems mögen jetzt sagen: „Wie soll das gehen Frau Hiltebrand?“ 

 

Das wäre ganz einfach! Man müsste weg kommen vom aktuellen System, wo die Klassen aus gleichaltrigen Kindern zusammengesetzt sind - hin zu Klassen, wo der Wissens- und Entwicklungsstand zentrale Kriterien sind. Wo Kinder mit dem selben Niveau in einem Fach zusammen unterrichtet werden - ganz egal wie alt sie sind. Das kann dann sein, das ein siebenjähriges Kind mit Affinität zur Mathematik in diesem Fach mit viel älteren Kindern unterrichtet wird, in Deutsch oder Französisch besucht es dann aber die Klasse, die nach heutigem Verständnis seinem Alter entspräche. Ein Kind mit hervorragenden sportlichen Leistungen verbringt vielleicht von Anfang an mehr Zeit mit Sport, dafür absolviert es in anderen Fächern lediglich die Pflichtzeiten. Ein Kind mit Hochbegabung im sprachlichen Bereich hat dafür die Möglichkeit, ausserhalb der Pflichtzeiten zusätzliche Stunden in Linguistik, etc. zu besuchen… ein Kind mit Defiziten könnte in einem geschützten Rahmen seine Talente ausbauen und es würde darin bestärkt, ohne dauernd an seinen Defiziten arbeiten zu müssen. Dies würde dem Kind erlauben auch seine Schwächen zu minimieren und korrigieren - ganz beiläufig. Dies weil es Erfolgserlebnisse hätte und dadurch Selbstbewusstsein aufbauen könnte (anstatt so wie heute gemobbt würde und sich dauernd schlecht und unzureichend fühlen wird) etc. Kinder hingegen, die bei Schuleintritt noch kein Deutsch sprächen, könnten intensiv in diesem Fach gefördert werden.

 

Ähnliche Philosophien werden bereits in einigen Privatschulen in der Schweiz umgesetzt. Warum nicht auch in der öffentlichen Schule?

 

Vielleicht müssten wir auch wegkommen vom klassischen Frontalunterricht - hin zu Lernwerkstätten und flexibleren Modellen des Lernens. Kinder sind von Natur aus sehr entdeckerfreudig und neugierig. Das sollte man sich zu Nutze machen, und sie vermehrt das Thema/den Stoff entdecken und erforschen lassen, anstatt sie mit dem Spritzkannenprinzip zu übergießen und mit langweiligem Auswendig lernen zu belästigen. (Ich weiss, dass bereits heute an einigen Schulen andere Modelle praktiziert werden - leider aber noch viel zu wenig)

 

Klar wird es auch in einem anderen System immer Kinder geben, die auffallen (wollen), die Schwierigkeiten, Defizite, Krankheiten haben, die ihre Entwicklung beeinträchtigen, ein schwieriges Umfeld, etc. haben. Doch in einem anderen System müsste nicht die ganze Klasse unter einzelnen solcher Schüler leiden. Womöglich wäre das allgemeine Klima an den Schulen auch viel respektvoller und wohlwollender, weil dann nicht mehr immer die Schwächen der Einzelnen hervorgehoben werden, sondern ihre Talente. Und vielleicht könnten Kinder, die in einem Fach nicht so stark sind, sich dann automatisch an solchen Kindern orientieren, die gut darin sind, was zu gegenseitigem Unterstützen und zusammen Lernen führen könnte.

 

Kommt dazu, dass mit dem heutigen Integrationsauftrag viele Kinder in Normalklassen kommen, die Defizite haben. Leider ist es so, dass wir Menschen dazu neigen - von Natur aus - Schwächere auszumerzen. Früher war das legitim, konnte eine Sippe nur überleben, wenn Kranke und Schwache sie nicht belasteten. Daher wundert es nicht, dass gerade Kinder mit auffälligen Defiziten oftmals unter Mobbing leiden. Dabei wäre gerade diesen Kindern besonders geholfen und ich bin überzeugt, dass sie sich besser entfalten könnten, wären sie nicht dauernd diesem Stress, geplagt und gehänselt zu werden, ausgesetzt. 

 

Ist es denn das Ziel unserer Gesellschaft nur logisch-mathematisch denkende oder sportliche Erwachsene heranzuzüchten? Macht die Qualität einer Gesellschaft nicht eben die Diversität aus? Ist es nicht erstrebenswert viele Persönlichkeiten mit Qualifikationen, Stärken und  Talenten in allen Bereichen, die eine Gesellschaft ausmacht, vorweisen zu können? 

 

 

Ich bin überzeugt, 

 

  • dass Kinder dadurch viel zufriedener und weniger auffällig wären, 
  • dass es für Lehrpersonen entspannter und befriedigender wäre, so zu unterrichten - zumal sie dadurch auch die Fächer unterrichten könnten, in denen sie selbst besonders gut sind. Burnouts wären keine Tagesordnung mehr.
  • dass Eltern ihre Kinder weniger privat fördern müssten, da die Kinder in der Schule bereits ihre Talente fördern können. (Natürlich müssten Eltern dann auch akzeptieren, dass ihre Kinder nicht unbedingt in dem Fach talentiert sind, das für die Eltern das wichtigste Fach ist…)
  • dass dies zu weniger Überforderung und Stress auf allen Ebenen führen würde. 
  • dass Kinder, die nach heutigem Verständnis „integriert werden müssen“, gar nicht mehr in diese Schublade gesteckt werden müssen, da man von Anfang an weiss, dass jedes Kind seinen eigenen Rucksack mitbringt und es darin bestärkt, seine Talente zu finden und diese zu fördern - ganz egal woher es kommt und was es mitbringt. Womöglich gäbe es dann auch nicht mehr unsere klassische Einteilung von Kindergarten bis Oberstufe, sondern die Kinder würden einfach eine gewisse Anzahl Jahre Schule durchlaufen, bis sie dem Niveau entsprächen, das für eine Berufslehre oder das Gymnasium erforderlich wäre.

 

 

 

Heute ist es ein Boom nach „seiner Berufung“ zu suchen und sie zu leben. Doch müssten wir denn überhaupt jetzt so krampfhaft nach unserer Berufung suchen, wenn wir als Kinder optimal gefördert worden wären? Wenn man uns als Kinder in unseren Talenten bestärkt hätte - wüssten wir ja bereits, was unsere Stärken sind - und womit wir sehr gut unser Geld verdienen könnten. Kommt noch dazu, dass viele Erwachsene viel zufriedener durchs Leben gehen würden.

 

Jetzt werden Skeptiker und Realisten wohl entgegnen, dass es kaum möglich sei, dass jeder seinen Traumjob ausüben könne. Mag sein, dass sich für gewisse Berufe nicht unbedingt Menschen finden liessen, die ihn mit Leidenschaft ausübten. Sicher sein können wir nicht, denn unser System funktioniert seit Jahrzehnten so wie jetzt. Vielleicht gäbe es im anderen Fall ganz viele innovative Ideen und Lösungen, mit denen man unbeliebte Jobs gar nicht mehr bräuchte, oder anders erledigen könnte… 

 

So oder so bin ich der Meinung, dass unser heutiges Schulsystem viele aktuelle Baustellen nicht behebt und dass man ganz im Allgemeinen eine Umstrukturierung und ein Umdenken anstreben sollte - nicht nur im Schulsystem, sonder auch in Wirtschaft und Politik!

 

Ist das in einer westlichen Welt, wo die Reichen, Konservativen und Machtsüchtigen das Sagen haben, zu utopisch?