Die Naturwissenschaftler gleichen dem Fischer, der mit seinem Netz immer nur Fische fängt, die grösser als 5cm sind. Daraus schliesst er dass alle Geschöpfe des Meeres mind. 5cm gross sein müssen, anstatt sich zu fragen, ob vielleicht sein Netz zu grobe Maschen aufweise. Zitat Hans-Peter Dürr, Physiker
Die Schweiz funktioniert in gewissen Bereichen noch wie Anno dazumals. Zum Beispiel beim Thema Frauen, Mutterschaft und Beruf.
Die Schweizer rühmen sich immer wie modern, fortschrittlich und neutral sie doch seien. Doch in oben erwähnten Bereichen funktioniert die Schweiz noch wie im Mittelalter! Firmen sind sehr rückständig organisiert. Einer Frau, die eine höhere Ausbildung abgeschlossen hat und ein Kleinkind zu Hause hat, können sie keinen Teilzeit-Job anbieten, der geistreiche Arbeit bietet und flexibel genug ist, damit die Frau Arbeit, Haushalt und die Kinderbetreuung unter einen Hut bringen kann.
Fremdbetreuung ist unglaublich teuer - sofern sie nicht von Grosseltern übernommen wird - und zudem gibt es Kinder, wie das meine, das sich nicht einfach so fremdbetreuen lassen. Also war ich gezwungen, mich dafür zu entscheiden, zu Hause zu bleiben. Mutter und Hausfrau 200% zu sein. Und dieser „Job“ ist weit anstrengender, als mein Bürojob oder mein Aussendienstjob es jemals gewesen waren.
Man muss nonstop präsent sein, die Hausarbeit erledigt man quasi nebenbei, zwischendurch und immer wieder von Neuem. Man hat weniger soziale Kontakte, aber vor allem hat man nur noch selten Gespräche mit Erwachsenen, bei denen man frei von der Leber sprechen kann. Wenn das Kind dabei ist und zuhört kann man nicht alles besprechen. Also das ist meine Meinung und Eltern, die vor ihren Kindern schlecht über die Kinder reden, finde ich ätzend! Das ist beschämend und verletzend für das Kind! Gewisse Dinge sind nicht für die Ohren von kleinen Kindern gedacht.
Anderer Rhythmus, neue Herausforderungen. Jede Frau und jeder Mann, die den 100% Hausfrau- und Mutter-Job belächeln, oder sich sogar darüber mokieren, lustig machen und diese „Arbeit“ als nichtig klein reden, sind arrogant und ignorant. Komischerweise begegne ich mehr Frauen, die dies verurteilen, und uns Mütter, die nicht noch 100% arbeiten, für dumm und einfältig hinstellen. Vielleicht wünschten sich einige Männer und Frauen insgeheim, ihr Partner würde auch nach dem klassischen Modell 100% zu Hause bleiben. Denn dieses altmodische Modell bietet doch auch sehr viele Vorzüge. So wie alles in der Welt Vor- und Nachteile hat…
Weniger Hektik, die Organisation von Terminen, Fremdbetreuung und Verabredungen gestaltet sich einfacher. Wenn das Kind krank ist, muss man sich nicht mühsam um eine Betreuung kümmern. Mehr Stabilität und Ruhe. Aber natürlich nur, wenn diejenige Person, die zu Hause bleibt und keiner Arbeit nachgeht dies auch entsprechend selbst fühlt und lebt. Sollte diese Person mit ihrer Aufgabe nicht glücklich und zufrieden sein, dann merkt das natürlich auch das Kind und es kommt unweigerlich innerhalb der Familie zu Konflikten.
Was ich in der Schweiz sehr bedauernswert finde ist, dass es für Familien zu wenig Wahlmöglichkeiten gibt. Die Strukturen sind sehr starr und unflexibel. Gleichzeitig erwartet man von den Mitarbeitern absolute Flexibilität. Ist das nicht etwas einseitig und unfair?
Ich möchte hier weder das eine noch das andere Modell speziell hervorheben und als „das Richtige“ betiteln. Denn jeder Mensch, jede Familie, jede Organisation ist einzigartig. Und so plädiere ich dafür, dass auch die Modelle viel flexibler sein sollten. Für Einzelne, für Familien und für Firmen. Für jedes System gibt es das Richtige, aber das, was für das eine System gut ist, ist nicht automatische für alle anderen Systeme genauso gut. Jede Familie muss für sich selbst den „richtigen“ Weg finden. Es gibt keine allgemein-gültige Vorgehensweise oder Lebensweise.
Wenn man sich andere Wege sucht und nicht der allgemeingültigen Norm entspricht, dann wird man allerdings leider oft verurteilt und abgeschrieben. Was aber hierzulande sehr zu wünschen übrig lässt, ist die Tatsache, dass ganz egal für welches Modell sich Frau entscheidet - 100% Mama, Teilzeit berufstätig oder Vollzeit berufstätig mit Betreuungslösung, oder der Papa bleibt zu Hause - nie kann Frau es richtig machen. Immer ist irgendetwas falsch. Arbeitet sie viel, dann ist sie eine Rabenmutter. Bleibt sie Vollzeit zu Hause, ist sie eine Glucke. Bloss weil man die Beweggründe von jemandem nicht verstehen kann, heisst ja grundsätzlich nicht, dass sein Handeln falsch ist. Schade dass so viele Menschen so kategorisch denken und alles was anders ist, ablehnen und verurteilen. Und gerade wenn man ein Kind hat, das anders denkt und fühlt als der Grossteil der Menschheit, muss man andere Wege suchen, um innerhalb des Systems und innerhalb der Gesellschaft bestehen zu können.
Wenn ich mich heutzutage bewerbe, dann wird meine Bewerbung vom HR automatisch aussortiert - meine Mutterpause dauerte zu lange. Schade, dass die Schweizer Wirtschaft Mütter, die mehrere Jahre nicht gearbeitet haben, automatisch abstempelt und denkt, sie wären nun nicht mehr fähig zu arbeiten. Oder zumindest keine geistreiche Arbeit mehr zustande bringt. So als würde man verblöden, bloss weil man Kinder zur Welt gebracht hat. Schade dass es nicht mehr Modelle gibt, die Familie, Kinderbetreuung und Arbeit einfacher und besser unter einen Hut bringen lassen. Schade dass man einen Stempel aufgedrückt bekommt, ganz egal wie man seine Familie und seinen Job organisiert. (Anm. Ich habe in den letzten Jahren mind. 50 Bewerbungen geschrieben. Auf manche habe ich nicht mal eine Antwort bekommen. Bei den restlichen waren es Standard-Absagen. Manche haben sich nicht mal die Mühe gemacht, meinen Namen richtig zu schreiben… da kommt man sich schon ein bisschen affig vor...)
