Dieser Begriff ist in den letzten Jahren der Hype und extrem zum Modewort geworden. Wer sich noch nicht auf die Suche nach seiner Berufung gemacht hat, ist voll out und verpasst sein Leben. Doch könnte man auch den Eindruck bekommen, dass manche auf der Suche nach ihrer Berufung das Leben zu leben verpassen. Ungeduldig warten sie auf DAS ZEICHEN. Manchmal suchen sie schon fast verzweifelt danach. In Kursen und mittels Bücher hoffen sie darauf, der emporgestiegene Meister möge sie einweihen und ihnen ihre Berufung offenbaren. Dabei vergessen sie komplett in der Gegenwart ZU LEBEN und das Leben zu GENIESSEN.
Was ist denn überhaupt mit Berufung gemeint? Was heisst das? Be-Ruf-ung. In der modernen Esoterik-Literatur versteht man darunter die Tätigkeit, die einen Menschen als Aufgabe in dieses Leben (von früheren Leben und als Seele) mitgebracht hat. Eine Aufgabe, die dieser Mensch besonders gut kann und die Erfüllung bringen soll. Idealerweise auch Wohlstand, Schmerzfreiheit, Erlösung von allem Leiden.
Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch bestimmte Gaben und Talente hat, die ihm helfen, sein Leben zu meistern und vor allem zu leben. Talente und Gaben, die richtungsweisend sein können in Bezug auf Beruf, Geld verdienen, zufrieden und glücklich sein. Ich kann mir auch vorstellen, dass der eine oder andere während einer Meditation, bei einer Wanderung oder wie und wo auch immer, eine klare Vision empfangen hat, die sein Leben verändert hat. Aber diese Menschen sind eher die Ausnahme. Ich denke, gewisse Literatur verführt hingegen viele Suchende (das sind wir ja alle..) dazu, zu weit zu suchen und sich falsche Hoffnungen zu machen. Ich glaube, eine Berufung ist nichts Unbekanntes, nichts Neues und Wundersames das vom Himmel fällt, sondern etwas, das man an sich bereits gut kennt. Etwas das man gut kann und gerne tut. Etwas in dem man aufgeht, die Zeit vergisst und das man tagelang, stundenlang ohne Pause tun kann. Und eine Berufung muss auch nicht zwingend als Beruf ausgeübt werden können und viel Geld einbringen. Natürlich ist es wunderbar, wenn dies alles zutrifft. Aber es ist auch schön, wenn man in seiner Berufung einfach einen Ausgleich zum Alltag findet und seine Seele baumeln lassen kann.
Über den Spruch „Es geht nicht darum nur das zu tun, was man gerne tut, sonder darum, das was man gerade tut gerne zu tun“ habe ich lange nachgedacht. Ist es denn einem Menschen, der am Existenzminimum oder in Armut lebt und sich täglich verausgabt, um genug Geld zu verdienen, um sich und seine Familie zu ernähren, überhaupt möglich zu wählen? Ist es diesem Menschen möglich Freude und Genugtuung in dem zu finden, was er tut? Oder sind die Bedingungen der Gesellschaft und seine persönlichen Umstände nicht zu erdrückend? Nun wir haben immer die Wahl… zu jederzeit und in jeder Lebenssituation. Also liegt die Kunst darin, im Kleinen des Alltags seine Berufung zu finden? Eine alleinerziehende Mutter, die eine schwere Kindheit hatte mit einem gewalttätigen und alkoholabhängigen Vater und einer psychisch kranken Mutter, die sie psychisch misshandelte, kommt vielleicht am Abend müde von der Arbeit nach Hause und findet ihre Berufung darin, in den Abendstunden, wenn ihre Kinder im Bett sind, noch etwas Schönes zu stricken oder zu nähen. Oder hat sie dann gar keine Energie mehr dazu? Womöglich gibt ihr diese Tätigkeit genau die Energie, die sie braucht, um weiter zu machen. Oder vielleicht kann sie gut und gerne malen? Oder mit ihren Kindern basteln. Oder kochen.
Etwas, das ihrer Seele gut tut, bei dem sie entspannen und abschalten kann und ihre Batterien wieder auftanken kann. Ist das nicht viel mehr Berufung? Als dieses Aufgebauschte, das man eh nie erreichen kann? Oftmals macht man sich dann falsche Hoffnungen. Da gaukeln einem manche vor, man könne ganz leicht und ohne Probleme Milliardär werden, wenn man nur endlich die Berufung gefunden hätte und fleissig visualisiere. Der Irrglauben, dass wenn man erst die Berufung gefunden hätte, würde dann automatisch der Geldsegen kommen, so wie ein Regen, der sich genau nur über meinem Kopf ergiesst. Die Befreiung aller Probleme und Schmerzen und der Beruf wäre von da an nur noch Spass und Freude. Ja das Leben wäre nur noch Spass und Freude. Friede, Freude, Eierkuchen. Keine Schmerzen mehr, keine Herausforderungen mehr.
Das sind Illusionen. Denn so spielt das Leben nun mal nicht. Sind wir ehrlich mit uns selbst, dann realisieren wir, dass es selbst bei Tätigkeiten, zu denen wir uns berufen fühlen, Aktivitäten und Aufgaben gibt, die uns weniger Spass machen. Unterdessen glaube ich, Berufung - so wie sie in aller Munde ist, gibt es nicht. Viel mehr geht es darum, einen gesunden Ausgleich in allen Lebenslagen zu finden.
Dazu gehört einerseits, dass wir wieder lernen die Zeichen unseres Körpers zu erkennen und umzusetzen. Wenn wir Stresssymptome wahrnehmen, dann sollten wir unserem Körper und unserem Geist Ruhe gönnen. Eine Pause einlegen. Einen gesunden Ausgleich finden im Beruf, im Privaten, in der Familie - IN ALLEN BEREICHEN.
Jeder Bereich hat seine eigene Dynamik und in jedem Bereich kann ein gesunder Ausgleich etwas anderes bedeuten. Auch wird man diesen Ausgleich immer wieder neu austarieren müssen, denn der ist ja nicht starr und einmal festgelegt wie in Stein gemeisselt, nein der ist dynamisch und verändert sich - genauso wie wir uns dauernd verändern. Wir sind heute nicht der selbe Mensch, den wir gestern waren.
Ausserdem ist das auch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. So wie der Mond seine Phasen durchläuft, so durchlaufen auch wir Phasen. Für den Betrachter mag etwas als einseitig oder übertrieben aussehen. Doch für den Einzelnen ist es stimmig. Es gibt Tage, da sind wir voller Tatendrang und brauchen weniger Schlaf, an anderen Tagen sind wir erschöpft und brauchen Erholung. Es ist wichtig, dies wieder wahr und ernst zu nehmen! Die Kunst des gesunden Ausgleichs besteht darin, diese Zeichen wahrzunehmen und dann sich selber das zu geben, was man jetzt gerade braucht. Wenn der Körper nach Ruhe verlangt, ist es kontraproduktiv ihn mit Koffein oder anderen Stimuli vollzupumpen. Es wäre besser, ihm die Ruhe zu gönnen, nach der er verlangt.
Doch was tun, wenn das Kind schulpflichtig ist, es aber mit den täglichen Herausforderungen oft, ja fast dauernd, überfordert ist? Wenn der Schulalltag zu Stresssymptomen führt? Diese Herausforderungen gilt es täglich aufs Neue, immer wieder, zu überwinden.
Eine Berufung verstehe ich als die Fähigkeit, eine Tätigkeit zu finden ,die einen gesunden Ausgleich ermöglicht. Die zu Gesundheit, Ausgeglichenheit und Zufriedenheit führt und den eigenen Stärken, Gaben und Talenten entspricht - und vor allem SPASS macht. Aber nicht als Dauerbespassung. Es soll eine Tätigkeit sein, die einem leicht fällt, die wenig Anstrengung fordert und die man oft, sehr gerne und ausdauernd ausüben kann. Und dies wiederum ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Jemand ist DER geborene Koch. Eine andere Person fühlt sich gestresst, wenn sie kochen muss. Dies zu erkennen ist der erste Schritt…
Dies könnten wir bereits unseren Kindern mit auf den Weg geben. In unseren Schulen sollte mehr Augenmerk auf diese Thematik gelegt werden. Kinder sollten nicht mehr täglich irgendwelche vorgegebenen Stunden absitzen müssen. Sondern sie sollten den Lernstoff individuell erarbeiten können. Frühaufsteher gehen früh zur Schule. Kinder, die am Morgen noch nicht bereit sind, kommen später. Dann könnten die Kinder, ihre Lernziele dann erarbeiten, wann sie motiviert, fit und gesund sind. Gleichzeitig gäbe es Gruppenaktivitäten. Stärkere Schüler könnten schwächere Schüler unterstützen. Altersgemischt. Mit Respekt, Fürsorge, Spass und Akzeptanz. Die Kinder könnten entdecken, worin sie gut sind und was ihnen Spass macht, anstatt dass man immer auf ihren Schwächen und Unzulänglichkeiten herumhackt. Weg von Druck, Strafen, Belohnungssystem, straffen Stundenplänen und Eintönigkeit.
