
Aus dem Buch „Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?“ von Franca Parianen
In ihrem Buch erklärt Franca Parianen auf sehr witzige - ja fast ironisch sarkastische Art von den neusten Entdeckungen aus der Hirnforschung im Kontext des Zusammenlebens. Wie schon andere Autoren und Autorinnen vor ihr, weist auch sie darauf hin, dass wir unserem Gehirn nicht alles glauben sollten und dass wir in gewissen Situationen bewusst vorsichtig sein sollten. Dass wir also achtsam mit unserem Gehirn, dessen Schaltkreisen und Reaktionen und unseren Gedanken und Gefühlen umgehen sollten. Sie beschreibt grundsätzlich auf wissenschaftlicher Forschung basierend das, was Mönche und Nonnen, die seit Jahrzehnten Achtsamkeitstraining üben, bereits vor hunderten von Jahren herausgefunden haben. Allerdings ohne Hirnscans und moderne Technik. Hier eine kurze Zusammenfassung auch in Bezug auf Hochsensibilität und Hochbegabung:
Die Hirnforschung hat unterdessen herausgefunden, dass wir Menschen andere Menschen immer spiegeln. Unsere Spiegelneuronen sind quasi dauernd aktiv und dies war offenbar zu früheren Zeiten überlebensnotwendig. Daraus entsteht auch die Empathie. Es wurde in verschiedenen Tests erforscht, dass wir Schmerzen, die andere Personen erleiden, selbst mitfühlen, auch wenn uns der selbe körperliche Schmerz nicht zugefügt wird. Eine hochsensible Person nimmt dies noch viel intensiver wahr, als andere Menschen. Bei hochsensiblen Menschen scheinen die Zentren im Gehirn extra zu feuern, wenn es um die Spiegelung von Gefühlen und Emotionen anderer Menschen geht. Und oftmals scheint das Gehirn beim analysieren „was-zu-wem-gehört“ kräftig etwas durcheinander zu bringen. Was kann man nun also tun, um in gewissen Situationen die Wahrnehmung und Spiegelung der Gefühle und Emotionen von anderen zu kontrollieren oder zu lenken?
Und wieder - wer hätte es gedacht - landen wir bei der Achtsamkeit. Im Fachjargon gibt es einen Begriff - Emotionsregulation - also „Gefühle bändigen“. Im Achtsamkeitstraining macht man nichts anderes - die Gefühle und Emotionen wahrnehmen und sachlich neutral betrachten. Ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen… Manche mögen jetzt denken, dass Achtsamkeitstraining wohl dann gefühlskalt macht und man gar nichts mehr fühlen kann. Mag sein, dass das in gewissen Zeiten durchaus passiert. Aber mit der Zeit lernt man, alles so zu lenken, dass man die Gefühle wahrnimmt, sich aber nicht mehr von ihnen überwältigen lässt, sonder dass man sie kontrolliert „ausleben“ kann. Und vor allem lernt man, dass man von anderer Menschen Gefühle nicht mehr angesteckt wird. Wie man sich besser abgrenzen und „schützen“ kann. Normalerweise filtert unser Gehirn ganz viele Eindrücke und Reize, bevor wir überhaupt etwas bewusst wahrnehmen. Doch bei hochsensiblen Menschen scheint dieses Filtern weniger ausgeprägt zu sein oder weniger gut zu funktionieren. Was dazu führt, dass sie von einem regelrechten Schwall von Eindrücken überrollt werden.
Das fühlt sich in etwa so an, als würde man, kaum hat man seinen Körper wieder vom Asphalt abgekratzt, erneut von einer Walze überrollt werden. Das führt dann natürlich dazu, dass man schneller erschöpft, überreizt, ja total platt ist. Und ein weiterer Faktor ist, dass man dann all die Eindrücke, Worte und Reize zuerst in aller Ruhe sortieren, ein- und zuordnen muss. Dies kann offenbar das Gehirn eines Hochsensiblen nicht gleichzeitig. Es braucht dazu Ruhe und einen „sicheren Ort“, wo man keinen fremden Reizen ausgesetzt ist. Sprich, eine hochsensible Person braucht viel mehr Ruheinseln, Ruhepausen und viel Zeit für sich. Zeit zum Nachdenken, zum Sortieren und zum Analysieren.
Es ist bekannt, dass unsere Gefühle viel leichter unseren Verstand beeinflussen können, als anders herum. Dies lässt womöglich auch erklären, warum wir Menschen oft irrational emotional reagieren.

Das Erstaunliche an uns Menschen - im Vergleich zu anderen Lebewesen ist -dass wir die Empathie unterdrücken können. Oder sollte ich vielleicht eher sagen - das Tragische und Traurige an uns Menschen? Es scheint so, als wären wir Menschen ganz gut in der Lage, anderer Menschen Schmerzen zu spüren - also Empathie zu empfinden - dann aber diese auszublenden oder zu überwinden. Wenn es dafür Gründe gibt. Oder etwas, das wir für gute Gründe halten. In unserem Gehirn können viele Sachen schief laufen - neben Egozentrik (Egocentricity Bias) und Überforderung eben auch die Fähigkeit, Empathie zu unterdrücken. Dies führt im sozialen Zusammenleben - wie wir ja alle wissen - zu vielen kleineren bis grösseren Schwierigkeiten.
Bei allen sozialen Fähigkeiten, die uns unsere höhere Kognition so schenkt - und das sind eine ganze Menge -, bringt sie uns eben vor allem Flexibilität. Im Guten wie im Schlechten. Wir können natürlich Empathie unterdrücken, aber wir müssen auch nicht mehr jeder Provokation mit Gewalt begegnen und halten unseren Sexualtrieb die meiste Zeit gesellschaftsfähig in Schach. Wir können selbst dafür sorgen, dass wir mehr Mitgefühl empfinden. Emotionsregulation ist keine Einbahnstrasse.
Bekannt ist laut Franca Parianen, dass wer bessere Selbstkontrolle mitbringt, erfolgreicher ist in Karriere und Sozialleben und seltener krank oder abhängig von fragwürdigen Substanzen wird.
<<Die Kontrolle bietet uns eine ganze Palette von Handlungsoptionen, inklusive Bemitleiden, Beruhigen und gekonnt Ablenken; aber auch Intrigieren, Lügen, Morden und passiv-aggressives Schulterzucken. Sozial heisst nicht unbedingt „nett“. Auch nicht freigebig oder gutherzig. Nur halt zwischenmenschlich. Gesellschaftlich. (…) Jetzt wissen wir zwar schon ziemlich gut, wie unser Gehirn mit den Gefühlen der anderen umgeht, wie es sie erst mal übernimmt, dann ihrem Urheber zuordnet und letztlich versucht, sie unter Kontrolle zu bringen. Wir wissen, dass wir dabei aufpassen müssen, uns von den Gefühlen nicht überfordern zu lassen, sie nicht zu stark mit unseren eigenen zu vermischen und sie nicht komplett zu unterdrücken. Doch was uns noch fehlt, sind die Konsequenzen, die unser Gehirn daraus zieht. Die Handlungsoptionen. Was machen wir mit diesen Gefühlen?>>
In diesem Kontext scheint es so, als ob das Gehirn von hochsensiblen Menschen diesen Ablauf weniger gut hinkriegt. Normalerweise ist ja Denken nicht gleich Tun. Wenn wir jedem, der uns nervt, auch gleich eine reinhauen würden, wäre das ja nicht gerade ideal, nicht wahr? Wir kontrollieren also unser Handeln. Manchen Menschen gelingt dies besser, anderen weniger gut. Und gerade bei neurodiversen Kindern (also ADHS, ADS, ASS, hochsensiblen und hochbegabten Kindern) ist dieser Regulationsmechanismus noch sehr „rudimentär“. Sie reagieren oft viel heftiger und können ihre Emotionen weniger gut und länger nicht regulieren. Dieser Mechanismus „Denken ist nicht gleich Tun“ funktioniert weniger gut. Besser gesagt, ihre Emotionen gelangen gar nicht erst ins „Denken“ sondern auf direktem Weg vom Fühlen ins Tun. Sie werden also sehr oft überwältigt von ihren Emotionen, das Denken wird ausgeschaltet und sie tun in diesem Moment Dinge, die sie vielleicht sogar später bereuen, wenn sie wieder „bei klarem Verstand“ und nicht mehr von den überschwappenden Emotionen überwältigt sind.

Die Entwicklungen in der Welt legen nahe, dass viele Menschen mit der Empathie überfordert sind. Es laufen extrem viele Dinge schief in unserer Welt und wenn wir 24h am Tag Mitgefühl für all das Leid aufbringen wollen, dann rennen wir schnurgerade in ein Burnout. Das scheint womöglich auch die Erklärung dafür zu sein, dass es Menschen gibt, die an einem Bahnsteig stehen und zusehen wie ein Mann verprügelt wird - und nichts tun. Nur wegschauen. Starr. Gläsernen Blickes und beten, dass der Zug heute früher oder zumindest pünktlich kommen möge.
<<Weil jede Gefühlsregulierung, -unterdrückung oder -umorientierung anstrengend und ressourcenintensiv ist, nutzen wir oft ganz praktische Methoden, um uns selbst aus der Schusslinie zu bringen. Vor allem durch Sichtschutz.>>
Kann es sein, dass wir durch die heutige Überflutung von Informationen total ausgereizt sind und dass dies bereits Kleinkinder betrifft? Dass viele Menschen plötzlich weniger sensibel sind und ein gewisses Mass an Gewalt, Ungerechtigkeit und Leid als „normal“ sehen und deshalb nicht eingeschritten werden muss? Wenn sich zwei Kinder im Sandkasten zoffen, weil das eine dem anderen den Bagger weggenommen hat und das andere das erste Kind nun mit Sand bewirft - dann kommt es sehr häufig vor, dass die Eltern diesen Konflikt versuchen zu ignorieren und so tun, als wäre nichts. Sie konzentrieren sich provokativ auf ihr Handy oder ihre Unterhaltung und schauen explizit weg. Den Lärm der Kinder versuchen sie zu überhören. Nun es herrscht bei manchen Eltern die Meinung, dass Kinder selbst lernen müssten, mit Konflikten umzugehen. Es herrscht in manchen Kreisen eine Art laisser-faire Erziehungsstil, der suggeriert, dass Kinder untereinander den Streit selbst lösen sollen, und dass die Erwachsenen nicht eingreifen sollten.
Meine Frage diesbezüglich ist aber - woher soll ein Kind lernen und wissen, wie man eine Streitigkeit konstruktiv und „gut“ löst, wenn ihm das niemand zeigt und vorlebt? Wenn es keine geeigneten Vorbilder oder Begleiter hat und sich schutzlos dem Konflikt ausgeliefert fühlt? Wie soll es lernen, mit den hochschwappenden Emotionen im Streit sozial umzugehen und keine Gewalt anzuwenden? Oder ist „ab und zu mal dreinschlagen, wenns für das eigene Wohl dient“ für die Eltern OK? Machen es sich manche Eltern nicht etwas zu einfach? Stehlen sie sich damit nicht aus der Verantwortung? Oder ist dies bloss ein Zeichen der Überforderung, die offenbar weit landläufiger grassiert, als allgemein angenommen?
Wo zwei Menschen aufeinander treffen, sind Missverständnisse und Konflikte sozusagen vorprogrammiert - auf Grund unserer Gehirne und deren Funktionsweise. Leider. Ist es nun also die bessere Strategie, diese Tatsache einfach zu ignorieren und jeden seiner natürlichen Impulsivität zu überlassen, oder wäre es nicht viel sinnvoller, wenn wir alle mal einen Schritt zurück treten würden und uns überlegen würden, was besser funktionieren könnte?
Denn soziale Interaktion ist anstrengend. Für alle. Für manche ganz besonders. Aber einfach ignorant durch die Welt zu spazieren scheint mir auch nicht die beste Lösung zu sein…
Und offenbar ist es extrem anstrengend, sich 24h am Tag selbst zu reflektieren und verantwortungsbewusst zu handeln. Ethisch, ökologisch, sozial, klimaneutral, und so weiter und so fort. Das kann ganz schnell in Überforderung umschwappen und die Menschen wünschen sich einfach nur noch in Frieden gelassen zu werden und die Verantwortung irgend jemand anderem übergeben zu können. Die Verantwortung für die Betreuung der Kinder, die eigene Gesundheit, den Klimawandel und Umweltschutz sollen andere regeln, solange ich bloss so weiter machen kann wie bisher. Oftmals führt die Überforderung dazu, dass wir in Passivität verfallen.
Hierzu nochmals eine Passage aus dem Buch „Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?“ von Franca Parianen: <<Hilfsbereitschaft braucht ein Gefühl von Eigenwirksamkeit - das Gefühl sich selbst als jemanden wahrzunehmen, der helfen kann und will. Einige Neurowissenschaftler gehen deshalb davon aus, dass dafür ein ganz neues Empfinden notwendig ist. Eines, das es uns erlaubt, negative Gefühle zuzulassen, aber sie mit einer positiven Handlungsmotivation zu kombinieren. Der Name, den sie für dieses besondere Gefühl vorschlagen, ist Compassion. Übersetzt also „Mitgefühl oder Fürsorge.>>
Und hier wären wir wieder bei vielen buddhistischen Praktiken angelangt. <<Im Idealfall schaffen Sie es, liebevolle Gefühle zu generieren, und die soziale Unterstützung setzt ganz wunderbar Endorphine und angstlösende Hormone frei. Beides hilft, die Stresssituation zu überwinden. Das geht so weit, dass wir nach sozialen Aktivitäten unempfindlicher gegenüber Schmerzen sind. Und dieser Effekt gilt nicht nur beim Händchenhalten im Krankenhaus, sondern auch für Sing- und Tanzgelage. Gute Gefühle helfen uns nun mal durch harte Zeiten. So macht uns auch eine Viertelstunde lustige Videos gucken schmerzunempfindlicher. Zusammengefasst. Wenn wir mit Problemen anderer konfrontiert sind, ist die Handlungsoption Helfen prosozialer als Weglaufen. Doch damit es dazu kommt, reicht es nicht, auf der Stufe „Empathie“ stehenzubleiben. Wir müssen noch ein paar eigene Gefühle generieren. Vorzugsweise positive. (…) Vielleicht kann man es sich ein bisschen wie eine Zwei-Stufen-Leiter vorstellen, mit Empathie auf der ersten und Fürsorge auf der zweiten Stufe. Die erste Stufe zu erreichen hilft schon mal, ist aber kein Automatismus für die zweite.>>
EXKURS
Unverhofft spielt das Radio eines meiner Lieblingslieder. Ich drehe ganz laut auf, singe laut (hey und total richtig im Ton!) mit und trommle mit den Fingern aufs Lenkrad. *Dopamin-Ausschüttung ist auf sicher!* Ich fühle mich glücklich und zufrieden.
Zurück zum Thema…
Dieses Fürsorge-Gefühl ist bei manchen Menschen ausgeprägter als bei anderen. Und besonders wenn es mit positiven Emotionen in Verbindung gebracht wird, führt es zur Motivation anderen etwas Gutes zu tun. Es könnte also durchaus sein, dass die Menschen, die gerne anderen helfen, als Kinder sehr oft positive Gefühle im Belohnungszentrum unseres Gehirns generiert haben, wenn sie anderen geholfen haben. Denn wenn wir anderen ganz ohne Anlass etwas Gutes tun, ist unser Belohnungszentrum dabei und Dopamin wird ausgeschüttet.
Selbsterkenntnis ist der Schlüssel zum Erkennen anderer. Auch das ist in der buddhistischen Tradition keine Neuheit. Deshalb praktizieren Buddhisten intensive Meditation - um sich selbst zu beobachten, besser zu verstehen, und schlussendlich besser mit anderen Menschen interagieren zu können. (Unter anderem natürlich)
<<Beten regt ebenfalls unser Belohnungszentrum an. Beten ist belohnend. Ein persönliches Gebet. Wer das Vater unser aufsagt, der regt in etwa die selben Hirnregionen an wie „hoppe, Hoppe, Reiter.“>> so Franca Parianen.
Unser Gehirn ist also darum bemüht, nicht nur die Emotionen des Gegenübers zu spiegeln, sonder es unternimmt einiges, um auch die Gedanken und Motive des Gegenübers zu erfassen und zu interpretieren. Bei meinem Sohn und mir fällt mir auf, dass wir, sobald wir uns in der Öffentlichkeit bewegen, extrem darum bemüht sind, unsere eigenen Gedanken und Gefühle zurück zu nehmen und den Fokus auf extreme Weise auf unsere Umwelt zu richten. Wir scannen alles wie eine 360 Grad Kamera (wir versuchen’s zumindest) und nehmen alles in uns auf. Gleichzeitig versuchen wir unser Verhalten optimal an unsere Umgebung anzupassen.
Wenn wir dann wieder im sicheren Hafen unseres Zuhauses sind, dann schalten sich die Hirnareale ein, die denken und analysieren. Dann kann es durchaus vorkommen, dass mein Sohn mich total zuquatscht mit allem, was ihm so im Kopf herum schwirrt - manchmal auch total wirr und ungeordnet - und dass er mich nicht mehr wahrnimmt. Das heisst er bemerkt dann nicht, dass ich müde bin, oder etwas lese, oder am Telefon bin - und quasselt wie ein Wasserfall. Weil er diese Eindrücke sortieren und teilen muss, um sie zu verarbeiten.
Beim Lesen von Biografien von sogenannten Genies ist mir auch aufgefallen, dass viele dieser berühmten Menschen manchmal sehr zurückgezogen gelebt haben und zum Teil tagelang an einer Idee getüftelt haben. Dass sie oftmals eine „schwierige“ Kindheit hatten, besser gesagt als herausfordernde Kinder wahrgenommen wurden. Dass sie aber auch in einer Gemeinschaft sozial eingebunden gewesen waren. Auf ihre Weise.
Wieder Franca Parianen: <<Damit kommen wir zu einem Aspekt der Intelligenz, der unterschätzt wird, obwohl wir ihn gerade in der sozialen Kognition so dringend brauchen: die Herausforderung, lange genug zu denken. (…) ein Beispiel dafür, wann das System an seine Grenzen gerät, ist das „Ball and Bat“-Problem. Sie möchten einen Baseball und einen Baseballschläger kaufen und beides zusammen kostet 1 Euro und 10 Cent, wobei der Schläger einen Euro mehr kostet als der Ball. Wie viel kosten die beiden einzeln? Denken Sie einen Moment darüber nach.
Na, was haben Sie gemacht? Haben sie gleich 1 Euro (Schläger) und 10 Cent (Ball) gerufen? Oder haben Sie sich gesagt, dass Sie das bestimmt lösen können, aber jetzt gerade keinen Stift und keine Zeit haben und einfach unauffällig weiter gelesen? Ha! So oder so, selbst wenn Sie auf die richtige Lösung gekommen sind (der Ball kostet 5 Cent und der Schläfer 1 Euro und 5 Cent), hatten Sie wahrscheinlich einen kurzen Moment, in dem irgendwo ein Teil Ihres Gehirns gerufen hat: „Ich weiss es!“ und sie mussten laut denken: „Natürlich ist es nicht 1 Euro und 10 Cent.“
Das ist eine Art von Doofheit, die uns alle treffen kann. Wie die Grippe. Das heisst nicht, dass wir dabei völlig blind durch die Gegend stolpern. Reaktionszeit und die Frage „Wie sicher bist du dir bei deiner Antwort?“ zeigen uns, dass den befragten Studenten „Ein Euro und Zehn“ als Antwort schon merkwürdig vorkommt. Aber manchmal ist diese Antwort eben alles, was uns gerade zur Verfügung steht. Wie ein Geburtstagsgeschenk auf den letzten Drücker. (…) Im Nachhinein bereuen wir impulsive Entscheidungen, kurzfristiges Denken und Ichbezogenheit, können uns aber nicht mehr so genau erinnern, warum wir diese Wahl überhaupt getroffen haben. Wie schafft man es also, nicht schon bei der falschen Entscheidung abzubiegen oder übers Ziel hinauszuschiessen?
Dazu gibt es eine passende Theorie. Das eine System ist der Autopilot. System zwei kommt zu Hilfe wenns knifflig wird. Es zapft stärker das Arbeitsgedächtnis an und erlaubt uns abstraktes und hypothetisches Denken. Je nachdem welche Aufgabe vor uns liegt nutzen wir das eine oder das andere.
Bist du 1% schlau oder 1% dumm?
Diese zwei Systeme sind noch zu wenig detailliert erforscht, um Genaueres zu wissen. Womöglich ist das auch je nach Person unterschiedlich. „Menschen die über eine höhere flüssige Intelligenz besitzen (also abseits vom Allgemeinwissen ganz grundsätzlich logisch und problemlösend denken können), sind eher bereit, auf arbeitsintensives Denken zurückzugreifen.
Es ist bekannt, dass Menschen, die ein gutes Arbeitsgedächtnis haben, auch besser darin sind, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Die Frage ist also: „Wie viel Kapazität hat ihr Arbeitsgedächtnis im Allgemeinen? Und wie viel davon können Sie gerade erübrigen?“ Es kommt auf die Situation an. Mal passieren uns mehr, mal weniger Denkfehler: Wenn die Kontrolle gerade verhindert ist, weil wir abgelenkt sind, die Aufgabe unwichtig oder langweilig ist oder wir unwillig sind, tendieren wir zum Vorzimmerdenken. Das Gleiche gilt, wenn das Arbeitsgedächtnis gerade anderweitig ausgelastet ist. Und je nachdem, mit wen wir es zu tun haben, strengen wir uns mehr und mal weniger an. (…) Wir lernen also, dass Perspektivenwechsel immer eine anstrengende Aufgabe ist. Je nach Kapazitäten und Motivation geraten wir dabei gerne mal ins Schlingern und fallen dann auf unsere Momentane eigene Perspektive zurück. Aber wir können eben auch an uns arbeiten.
Indem wir ein Tagebuch schreiben oder uns unsere Zukunfstwünsche aufschreiben und dies dann immer wiedermal lesen, um zu kucken, ob es sich bewahrheitet hat, dann kann man vielleicht die Veränderung sehen. So machen wir uns unserer Gefühle und Gedanken mehr bewusst.
Unsere eigenen Gefühle und Einstellungen sind universell. Unser eigenes Können ist die Messlatte zur Bewertung aller anderen und lustigerweise auch die Messlatte, nach der wir glauben, selbst beurteilt zu werden.>>

Dies erklärt auch, warum hochbegabte Menschen so oft anecken und sich unverstanden fühlen. Weil deren Messlatte ganz woanders angesiedelt ist als bei 95-98% der Bevölkerung. Und gerade im Schulalltag kann dies für Kinder extrem frustrierend sein, wenn die Messlatte der Lehrperson viel zu tief angesetzt wird… und da wir Menschen davon ausgehen, dass die anderen Leute wissen, was wir wissen, kann es für Hochbegabte ernüchternd bis frustrierend sein, wenn wir merken, dass dem nicht immer so ist. Einen spannenden und äquivalenten Gesprächspartner auf selbem Niveau zu finden, ist dann eine ebenso grosse Herausforderung, wie zum Mars zu fliegen. Was bedeutet - je mehr sich unser Wissen von dem der Leute in unserer Umgebung abhebt, desto mehr müssen wir uns anstrengen, sie zu verstehen. Das kann für Hochbegabte und Hochsensible oft mit einem geistigen Marathonlauf verglichen werden. Und für Lehrpersonen anders herum ein guter Grund, ihrem Denken und Interpretieren im Unterricht mit mehr Vorsicht und Achtsamkeit zu begegnen. Allzu schnell denkt man in Prototypen und Schubladen..
Exkurs - ich zum Beispiel - ich erarbeite und erschliesse mir neues Wissen und neue Techniken, indem ich experimentiere, ausprobiere - das berühmt-berüchtigte „learning by doing“. Autodidaktisch. Denn Anleitungen und Anweisungen sind mir oft zu kompliziert, zu unlogisch, zu weit ausholend, zu langweilig, nicht aufs Wesentliche beschränkt und nicht auf den Punkt gebracht. Schlichtweg unbrauchbar. Für mich zumindest. Betriebsanleitungen für Geräte allerdings - die lese ich pingelig genau durch. Die Art und Weise, wie ich in der Schule und all meinen Ausbildungen hätte lernen müssen, behagte mir nie. Auswendiglernen und ins Kurzzeitgedächtnis speichern kann ich zwar - aber ich mag es lieber im Langzeitgedächtnis, all das Wissen. Dort scheint es mir doch viiieeel besser aufgehoben. Sonst wäre die Mühe des Lernens ja verschwendete Zeit. Wenn Sie nun also als Primarlehrperson einen Schüler haben, der genauso denkt - huuuiiii dann könnte es eine kleine (oder eine grosse) Herausforderung heraufbeschwören. Die Frage ist jetzt einfach, für wen - nicht wahr? Leider meistens für den Schüler… Denn es fehlt an Wissen und an Verständnis für hochbegabte Kinder. Vielleicht können normalbegabte Menschen schlichtweg nicht nachvollziehen, was in einem hochbegabten Kopf vor sich geht?

Fortsetzung Buch von Franca Parianen:
<<Hormone spielen eine grosse und wichtige Rolle in unserem Körper. In den letzten Jahren hat die Forschung diesbezüglich auch aufgeholt und heute ist mehr über deren Wirkweise bekannt. Allerdings ist es nicht ganz einfach, dies am menschlichen Körper zu erforschen. Unser Körper verfügt über ein ausgeklügeltes System, das Ereignisse, die genauso eingetroffen sind, wie erwartet, mit positiven Gefühlen belohnt. Wenn wir erwarten, dass ein Essen gut schmeckt, zu dem Zeitpunkt, wenn wir es bestellen, und es dann tatsächlich gut schmeckt, dann schüttet unser Körper entsprechende Hormone aus, um dies zu belohnen und um unserem Gehirn zu signalisieren: „das nächste Mal können wir das genau so machen“. So verknüpft unser Hirn Ereignisse, mit Erwartungen.
Ist nun aber das Essen in einem Restaurant unerwartet nicht geniessbar, dann wird auch das entsprechend abgespeichert. Diese negative Rückmeldung wirkt zum teil viel nachhaltiger, als wir meinen. Vielleicht nicht unbedingt wenns ums Essen geht - dann werden wir einfach nie wieder in diesem Restaurant einkehren. Doch bei anderen Ereignissen kann dies zu nachhaltigen Schwierigkeiten führen. Dieser Enttäuschungskreislauf ist dann extrem schwer zu durchbrechen.
Enttäuschte Gefühle sind grundsätzlich sinnvoll, weil sie uns davon abhalten, doofe Dinge zu wiederholen. So sollte es auf jeden Fall sein. Leider kann auch hier in unserem Gehirn einiges schief laufen. Erstens: Sie erwarten gar nichts mehr von dem Verhalten, aber Sie können aus anderen Gründen nicht damit aufhören.>>
Zum Beispiel bei der Arbeit oder in der Schule. Wenn sich ein Kind, oder ein Angestellter von der Lehrperson oder vom Chef, geistreiche und fordernde Aufgaben wünscht, aber immer nur mit langweiligem Kram abgespeist wird - und sich die Situation trotz Intervention und Gesprächen nicht verändert, dann wird man immer und immer wieder enttäuscht. Man fühlt sich nicht ernst genommen, man fühlt sich hilflos und man rutscht in ein deprimierendes Dopamintief. Wenn dies zu lange andauert, haben wir nicht nur keine Motivation mehr, sondern erwarten sogar schlechte Gefühle - in der Schule oder am Arbeitsplatz. Unser Gehirn hat diesen Ort und die damit verbundene Tätigkeiten mit den negativen Gefühlen verknüpft. Da wir aber hier in der Schweiz eine Schulpflicht haben, oder im Falle des Arbeitnehmers einen gültigen Vertrag, den man nicht von heute auf Morgen beenden kann - kommt man nicht einfach aus dieser Situation wieder heraus.
Wenn hochbegabte und leistungsfähige Menschen zu „Low-Performer“ werden, kann genau das passiert sein. Eine derart negative Erwartung lässt sich dann nur noch durch ganz viel positive Erfahrung verlernen. Doch sobald wieder etwas ähnliches passiert, ist die Enttäuschung sofort wieder auf Platz. Es ist Knochenarbeit diesen Enttäuschungskreislauf zu durchbrechen, wenn er ursprünglich über eine zu lange Zeit angedauert hat. Wenn also ein Kind bereits in der Primarschule in diese Spirale gedrängt wird, könnte es - je nach Kind - extrem schwierig werden, dass es wieder daraus aussteigen lernt. Denn ganz ohne Motivation und Erwartung ist nicht nur Schule sondern auch Arbeit ganz schön anstrengend - wenn nicht sogar psychisch krank machend. Es ist ja erst die Zuversicht, die uns überhaupt dazu bringt, irgendetwas zu tun.
In einer Partnerschaft könnte dies übrigens ebenfalls eintreffen, wenn sich die Partner in ihren Erwartungen ständig enttäuscht fühlen.
Zurück zu Franca Parianen:
<<Zweitens: Unser Lernverhalten ist durcheinander. Wie in allen Bereichen gibt es auch hier individuelle Unterschiede. Manche Menschen passen ihr Verhalten schnell und einfach neuen Gegebenheiten an, während andere dazu tendieren, an bewährten Strategien festzuhalten. Bis zum bitteren Ende.
Drittens: wir wollen das gute Gefühl nicht missen. Und ausserdem haben wir das immer so gemacht. Ganz intensive Erwartungen, solche, an die wir zutiefst gewöhnt sind, oder solche, die ein Urbedürfnis sind, verlernt man nicht einfach so. Soll heissen, der Vorhersagefehler-Prozess wird so lange wiederholt, bis die Belohnung in der versprochenen Grösse da ist. Das Gleiche gilt für Verhaltensweisen, die uns in unregelmässigen und doch verführerischen Abständen belohnen. Je unvorhersehbarer, desto grösser ist der Lerneffekt.>>
Das selbe gilt demzufolge auch fürs Essen. Wenn wir gelernt haben, dass das Essen von Schokolade zu Glücksgefühlen und Stressreduktion in ganz nervigen Situationen führt, dann schreit unser Gehirn in jeder auch nur halbwegs stressigen Situation nach Schokolade. Wenn wir also als Kinder oft von unseren Eltern mit Essen beruhigt und getröstet - ja verführt - wurden, werden wir im Erwachsenenalter relativ viel Energie und Konzentration darauf verwenden müssen, um uns diese Essgewohnheiten wieder abzugewöhnen.
Ein Kind das also in der Schule dauernd über- oder unterfordert ist, das braucht ebenfalls sehr viel Konzentration, Durchhaltewillen und ein lohnendes Ziel, um sich aus dieser Spirale der Belohnung wieder zu lösen. Dazu braucht es meistens professionelle Hilfe, denn ohne dieses Hintergrundwissen und Unterstützung wird es das nicht schaffen können. Wenn das Kind noch klein ist, liegt es auf der Hand, dass dies schwierig werden könnte. Aber hey - ein lohnendes Ziel zu finden ist zwar individuell aber nicht unmöglich!
Denn unser Gehirn kann sich zum Glück umgewöhnen. Das Problem bei kleinen Kindern in dieser Beziehung ist nun allerdings, dass ihnen all das nicht bewusst ist und sie gar noch nicht wissen (können) was da schief läuft. Sie werden einfach von ihren Gefühlen überrannt und verstehen sich selbst nicht. Wenn dann die Eltern und/oder Lehrpersonen immer sagen „du musst zur Schule gehen, das ist Pflicht, jetzt stell dich nicht so an!“ und kein Verständnis für die Gefühlsausbrüche, Verweiguerung oder anderes sogenanntes „schwieriges“ Verhalten aufbringen können, dann gibt es die Kinder, die sich anpassen und brav hingehen - oder die Kinder, die psychosomatische Beschwerden bis ernsthafte Krankheiten entwickeln.
Angst, Stress und Emotionalität sind eher hinderlich, sich differenziert in andere hinein zu versetzten. Wenn also ein Elternteil oder eine Lehrperson oft gestresst ist, dann wird es schwierig, dass sie sich in das Kind hineinversetzen können, um herauszufinden, wo der Schuh drückt. Das Kind spürt dies natürlich und wird - früher oder später - nicht mehr bereit sein, über seine Gefühle zu sprechen. So erfährt man womöglich viel zu spät, was für Sorgen das Kind mit sich herum trägt. Ausserdem kann dies dazu führen, dass sich das Kind völlig fremd und unverstanden fühlt, was sehr einsam machen kann.

Franca Parianen schreibt des weiteren: <<Es ist unterdessen aus der Forschung bekannt, dass die Oxytocin-Ausschüttung zu Entspannung führt und dadurch die Aktivität des Parasympathischen Nervensystems ankurbelt. Und in diesem Ruhezustand arbeitet auch das Immunsystem besser. Passend dazu verstärkt Oxytocin die Ausschüttung von Proteinen, die die Signale des Immunsystems lenken. Liebe hat also auch viel mit dem Zu-Hause-Gefühl zu tun, das wir brauchen, um runterzukommen und zu regenerieren.>>
Gerade deshalb ist es für alle Menschen - aber ganz besonders für hochsensible und hochbegabte Menschen extrem wichtig, dass sie einen „sicheren Hafen“ haben, wo sie sich zu Hause fühlen, einen Ort, der stressfrei ist und von viel Liebe, Akzeptanz und Kuscheln geprägt ist, um den sozialen Rummel des Alltags zu verarbeiten und wieder Kraft zu tanken. Nur so ist gewährleistet, dass ein Mensch psychisch und physisch gesund bleibt.
<<Oxytocin scheint zudem unsere Sensitivität für soziale Signale zu verstärken. Wir sind aufmerksamer dafür, wenn jemand von einem Spiel ausgeschlossen wird, und tendieren eher dazu, ihn mit einzubeziehen.
Mit hohem Oxytocin - Spiegel sind wir in einem Streit weniger feindselig und benutzen mehr positive Kommunikation beziehungsweise streiten wir sehr viel produktiver.>>
Dies könnte auch bedeuten, dass der Oxytocin - Spiegel von hochsensiblen Menschen in der sozialen Interaktion höher ist, als bei anderen Menschen. Und im Umkehrschluss ist er bei gestressten Menschen sehr niedrig, weshalb sie schneller die Nerven verlieren und das Ausgrenzen von Kindern auf dem Schulhof weniger wahrnehmen…
Auf jeden Fall deutet es darauf hin, dass Menschen mit hohem Oxytocin-Spiegel sensibler dafür sind, wie sich die Mitglieder der eigenen Gruppe verhalten und was sie von uns denken. Und sie passen sich eher an. Und damit geht womöglich auch ein gewisser Beschützer-Instinkt einher. Darum wurde das Hormon auch das „Herden-Hormon“ genannt. Dies könnte auch mit ein Grund sein, warum sich mein Sohn sehr oft für benachteiligte und gemobbte Kinder einsetzt. So kann Oxytocin in bestimmten Situationen zu erhöhter Aggression führen.
<<Männer und Frauen reagieren anders auf Oxytocin. Und so ist es gerade in der Eltern-Kind-Beziehung sehr spannend zu sehen, dass Mütter Oxytocin ausschütten, wenn sie zum Beispiel ihr Kind streicheln, während Männer dies eher tun, wenn sie Spass haben oder Dinge zeigen können. Von der Mutter die emotionale Stabilität, vom Vater die Balance. Deswegen rennen viele Kinder zu ihren Vätern, wenn sie glücklich sind und spielen wollen, fallen dann auf halber Strecke hin und laufen zurück zu ihrer Mutter, um sich trösten zu lassen. Es muss sich also kein Elternteil zurückgesetzt fühlen. Kinder sind einfach sehr opportunistisch in ihren Vorlieben und holen sich immer genau das, was sie brauchen - mit gleicher Wichtigkeit.>> (Und vorausgesetzt sie haben genügend Bezugspersonen um alles zu bekommen)
Dank diesem Buch verstehe ich jetzt: Wenn Lehrpersonen oder Seminarleiter/innen - ganz egal ob in der Grundschule oder in der Erwachsenenbildung - erwarten, dass ihre Schüler und Schülerinnen dumm und unwissend sind, dann werden sie auch nach mehreren Stunden und Tagen nicht in der Lage sein, umzuschalten, wenn sie eine Schülerin in der Klassen haben, die bereits Wissen zum Thema mitbringt. Sobald jemand von sich ausgeht und erwartet, dass er lauter dumme Anfänger vor sich hat, verfügt dieser jemand oftmals nicht über die nötige Flexibilität, die Perspektive zu wechseln und umzudenken. Unser Hirn und unseren Hormonen sei dank…
Des weiteren schreibt Franca Parianen:
<<Es ist unterdessen auch erwiesen, dass wir Menschen von Natur aus kooperativ sind. Wir wollen hilfreich sein. Wir wollen kooperieren. Es gibt uns ein gutes Gefühl aus dem Belohnungszentrum und diese guten Gefühle wollen wir haben. Es ist für uns überlebenswichtig innerhalb der Gemeinschaft zu kooperieren. Nur dank dem sind wir Menschen überhaupt zu dem geworden, was wir heute sind.>>
Wenn also ein Kind Auffälligkeiten wie Widerstand, Verweigerung, etc. zeigt, dann ist das nicht natürlich und nicht normal. Was passiert also, wenn ein Kind zu Hause oder in der Schule, oder wenn ein Mitarbeiter auf der Arbeit nicht bereit sind zu kooperieren. Was läuft dann schief?
Kooperation braucht Vertrauen. Eine wissenschaftliche Definition von Vertrauen lautet, dass wir uns absichtlich verletzbar machen, wenn wir jemand anderem vertrauen, weil wir langfristig glauben, dass dies allen Involvierten nützt. Kooperation und Vertrauen gehen also quasi Hand in Hand. Vertrauen wiederum geht oft schleichend verloren - vorausgesetzt es war überhaupt jemals vorhanden (Es gibt auch Situationen und Menschen, denen wir von Anfang an nicht vertrauen).
Das selbe Spiel kann auch schief gehen in der Eltern - Schule - Beziehung. Wenn man sein Kind einer Schule anvertraut (anvertrauen muss) und dann merken muss, dass die Personen, die dort arbeiten, nicht optimal arbeiten, um ihr Kind zu integrieren und zu fördern, obwohl man das zu Beginn geglaubt hat. Denn grundsätzlich sind wir gutgläubige Menschen und bei einem System, wie der Schule, gehen wir von Haus aus davon aus, dass dort lauter Profis arbeiten, und dass die Bescheid wissen. Sie wissen Bescheid, wie sie Kinder mit einer anderen Sprache als Muttersprache optimal begleiten und integrieren können, sie wissen, wie man Kinder mit Sprach- oder Rechenschwierigkeiten unterstützt, genauso wie sie wissen, was hochbegabte und hochsensible Kinder ausmacht und was diese brauchen, um integriert zu sein und sich gesund zu entwickeln. Und zwar nicht nur aus pädagogischer Sicht, sondern auch kognitiv, emotional, psychologisch und sozial. Ooops - war das etwas zu viel verlangt von mir von Pädagogen??

Aber spielt sich das Zusammensein in einem Klassenzimmer und einer Schule nicht genau auf all diesen Ebenen ab? Und ist es nicht das Ziel der Schule, unsere Kinder im Zusammenleben zu begleiten und zu unterstützen, während dem sie auch noch ganz nebenbei Schulstoff erlernen sollen?
Es fängt in vielen Schulen ja schon an zu hapern, wenn es ums Thema Lernen geht… aber dazu kommen wir später. Jetzt gehts zurück zur Kooperation und was schief läuft, wenn ein Kind „auffällig“ wird.
Spannend zu wissen ist auch, dass unser Gehirn den Lerneffekt oft verzögert, wenn uns jemand oder eine Institution als vertrauenswürdig vorgestellt wird. Auch beim Gegenteil - also wenn uns jemand als nicht vertrauenswürdig beschrieben wird, funktioniert das. Das ist dann wohl auch der Grund, warum wir - sobald wir realisiert haben, dass wir uns getäuscht hatten, von Enttäuschung, Wut oder Scham überflutet werden. Das macht unser Gehirn, damit wir bestimmt kein zweites Mal den selben Fehler begehen.
Kooperation scheitert also unter anderem, weil wir sie entweder gar nicht in Erwägung gezogen haben oder weil wir, dank unserer Vorerfahrungen die Entscheidung getroffen haben, dass sie uns nichts bringt.
Des weiteren schreibt Franca Parianen: <<Natürliche Vorlieben hin oder her: Wir halten uns eher an die Regeln, wenn alle das machen. Wenn aber alle mogeln, machen wir das natürlich auch eher. Und wenn einer bei Rot geht, denken wir alle nochmal darüber nach, ob wir stehen bleiben. Das hat wieder mit Reinforcement Learning zu tun. Und so breitet sich das Verhalten aus.
Wenn also die Kooperation nicht funktioniert - dann funkt die Angst dazwischen. Ja genau, die Angst… Angst vor dem Risiko wieder verletzt zu werden, wieder blossgestellt zu werden, etwas zu verlieren, blamiert zu werden, beschämt zu werden, ausgebeutet, etc. - und all diese negativen Gefühle, die damit einher gehen wieder fühlen zu müssen.
Und um Gemeinschaft innerhalb einer Klasse und einer Schule zu schaffen, braucht es Verständnis. Verständnis dafür, dass jeder Mensch einzigartig ist, und dass es nicht sehr sinnvoll ist, Noten und Können in einzelnen Fächern zu vergleichen. Es wird immer Kinder geben, die das Rad schlagen können, und andere nicht. Warum sowas benoten??!! Es wird immer Kinder geben, die Rechenaufgaben schneller kapieren, als andere und solche, die langsamer lesen, als andere. So what!!?? Warum kategorisieren, vergleichen und benoten?
<<Ein anderer Grund, warum wir manchmal keinen gemeinsamen Nenner finden, ist der, dass wir nicht genau wissen, was der gemeinsame Nenner ist.>>
Und auch das ist an vielen Schulen ein Problem. Man sollte meinen, dass der gemeinsame Nenner innerhalb einer Schule „gemeinsam lernen“ sein sollte. Doch leider spielen dort so viele Dinge auf anderen Ebenen ab, dass sich viele Kinder gar nicht aufs Lernen konzentrieren können, geschweige dann gemeinsam. Weil ein Konkurrenzkampf vorherrscht. Weil sie vielleicht gemobbt werden und dadurch unter Dauerstress stehen - wie sie ihren Peinigern in der nächsten Pause oder sogar im Klassenzimmer aus dem Weg gehen können. Und viele andere Gründe mehr.
<<Alles Vertrauen hilft nichts, wenn Zusammenarbeit uns verwirrt. (…) Wenn wir also ein Umfeld mit möglichst viel Zusammenarbeit wollen, sollten wir dafür sorgen, dass alle offensichtlich von der Zusammenarbeit profitieren. (…) Nicht alle Menschen ticken gleich. Auch Psychopathen könnten sich in dieser Hinsicht von anderen unterscheiden. Die zusätzliche Energie, die die meisten Menschen zum Lügen und Betrügen brauchen, scheint bei ihnen nicht wirklich notwendig zu sein. Vielleicht erklärt das, warum einige Studien feststellen, dass sie in unserem Berufsleben so überproportional häufig in Führungspositionen aufsteigen. Es ist interessant, dass in der menschlichen Entwicklung Zusammenarbeit offensichtlich eine erfolgreiche Strategie war (sonst sollten die Alternativen uns leichter fallen), wir aber eine Arbeitswelt geschaffen haben, in der sich das Gegenteil durchsetzt. Was lernen wir also aus diesen ganzen Fehlschlägen? Was können wir ändern? Tatsächlich können wir den Aufbau von Vertrauen begünstigen oder erschweren, je nachdem, welchen Rahmen wir dafür schaffen, welche Spielregeln wir aufstellen. Dann benehmen sich die Teilnehmer mal mehr, mal weniger kooperativ. (…) Der Mensch ist bestens ausgestattet für Kooperation. Er versteht die Regeln schon als Kind, nutzt die Möglichkeiten und hat dabei noch mehr Spass. Wenn Kooperation also schief läuft, beruht das häufig auf Koordinationsschwierigkeiten, Furcht oder eingefahrenen Mustern und seltener darauf, dass das Gegenüber versucht, uns aktiv auszubeuten. Das System funktioniert öfter, als dass es versagt. Auch wenn ein Strandurlauber eine Badeliege mit einem Handtuch blockiert und darauf vertraut, dass sie jetzt ihm, und nur ihm, gehört, steht er damit in der Tradition von über zwei Millionen Jahren Evolution. Wenn derselbe Tourist anschliessend drei Stunden mit einem anderen Urlauber hierüber diskutiert, um sein Anrecht auf die besagte Badeliege durchzusetzten, folgt er noch einem anderen evolutionären Instinkt: Dem Verlangen, soziale Regeln zu verteidigen. Er möchte, dass sie eingehalten werden. Regelbruch ist eine ziemlich reale Bedrohung in einer Welt, in der man versucht, gemeinschaftlich Tiere zu jagen, die sehr viel grösser und sehr viel stärker sind als man selbst. Denn wo kämen wir da hin, wenn einer wegrennt und man plötzlich ganz alleine vor dem Mammut steht. Irgendetwas sagt uns, dass unsere Zivilisation nicht mehr funktionieren würde. Darum müssen Regeln durchgesetzt werden. Fragt sich nur wie.>>
Franca Parianen macht sich auch Gedanken darüber, ob Bestrafen und Belohnen überhaupt zum Ziel führen, nämlich das Verhalten eines anderen zu beeinflussen. Studien haben gezeigt, dass ungefähr die selben Areale im Gehirn aktiv werden, ganz egal, ob man bestraft oder belohnt wird. Das sollte einem zu denken geben. Ausserdem wurde gezeigt, dass Bestrafung die Motivation zu gutem Benehmen untergraben kann. Gerade wenn sie nicht hoch genug ist, ist sie völlig ineffektiv. Wir nehmen sie einfach in Kauf. Das sieht man sehr oft in Schulklassen. Ein Kind vor die Tür zu setzen um auffälliges Benehmen zu bestrafen, führt oftmals nicht dazu, dass sich das Kind in Zukunft am Riemen reisst, und nicht mehr laut ist, oder die Klasse stört. So eine Strafe führt also zu gar nichts. Dann kann man sie gerade so gut weg lassen. Oder etwa nicht? Bestrafung führt bei den meisten Menschen dazu, dass sie sich als Mensch in ihrem So-Sein nicht geliebt und akzeptiert fühlen. Sie denken, sie wären nicht OK. Denn die Bestrafung begrenzt sich nicht auf das Verhalten des Kindes, sonder das Kind als Mensch wird bestraft. Und wenn solche Bestrafungen dauernd vorkommen, kann dies dazu führen, dass das Kind sich früher oder später als falsch und nicht liebenswert empfindet.
Des weiteren erklärt Franca Parianen: <<Diese Kombination aus unserer Fehlannahme, dass alle ständig über uns nachdenken, und der Angst, dass sie dabei etwas Schlechtes denken, macht uns zu enorm vorsichtigen Wesen, die immer nach dem nächsten sozialen Fehltritt Ausschau halten. Unser Gehirn belohnt uns, wenn wir uns gut einfügen, und bricht in Panik aus, wenn wir alleine dastehen. Gemeinschaft ist gut fürs Gefühl. Wenn wir sehen, dass jemand das gleiche Objekt mag wie wir, dann mögen wir es erst recht. Soziale Zurückweisung verursacht dagegen Schmerzen, die den körperlichen ziemlich ähnlich sind. Die beiden Arten von Schmerzen liegen so dicht beieinander, dass unsere Sensibilität für körperliche Schmerzen auch vorhersagen kann, wie stark wir soziale Schmerzen spüren. (Stichwort psychosomatische Beschwerden)
Positive Rückmeldung von anderen ist dagegen fast so schön wie Geld. Findet jedenfalls ihr Belohnungszentrum. Das selbe Netzwerk, das sich einschaltet, wenn unsere Erwartungen nicht zutreffen, schaltet auch die Alarmglocken an, wenn wir von der Norm abweichen. Wenn wir uns eine eigene Meinung gebildet haben, werden die Gehirnzentren aktiv, die uns Vorhersagefehler anzeigen. Als hätten wir etwas falsch gemacht. Es folgt ein hochroter Kopf, heiss-kalte Panik und eine schnelle Evolution der Möglichkeiten, spontan im Boden zu versinken. Es wird im Gehirn ein Konflikt gemeldet. Ein Dopamintief folgt. Und unsere Glücksgefühle sinken in den Keller. Je nachdem, wie prägnant dieses Muster im Gehirn zu sehen war, desto eher passen die Probanden übrigens danach ihre Meinung der Allgemeinheit an.
In Erwartung dieser Belohnung oder Bestrafung variieren wir unser Verhalten schon im Vornherein, und zwar mit Hilfe derselben Areale, mit denen wir auch finanzielle Belohnung und Verluste verarbeiten. So riskieren wir es, einen Witz zu machen, in der Hoffnung auf das gute Gefühl, einen Lacher zu ernten, oder halten eine Frage zurück aus Angst, uns zu blamieren. Die reinste Selbstzensur.>>
Was passiert also im Gehirn derjenigen Menschen, die sich eine eigene Meinung bilden, die nicht blindlings alles glauben, was die Politiker oder Medien berichten und die manchmal sogar protestieren oder sich gegen etwas auflehnen? Diese Menschen riskieren, dass sie nicht vom Belohnungszentrum belohnt werden und auf Grund ihrer anderer Meinung in ein Dopamintief sinken. Gerade von hochbegabten Menschen ist es bekannt, dass sie sich sehr oft gegen den Staat oder gegen andere Respektspersonen widersetzt haben. Das erklärt dann vielleicht auch, dass man solche Menschen als „neurountypisch“ bezeichnet. Womöglich schalten die Nervenzellen dieser Menschen ganz anders, als bisher in der Hirnforschung erforscht?
Das erklärt vielleicht auch, warum hochbegabte und hochsensible Menschen oftmlas das Alleinsein und alleine an etwas tüfteln bevorzugen, als sich mit anderen Menschen auszutauschen, die nicht auf die selbe Weise denken und fühlen, wie sie?
