Mein bisheriges Leben lang konnte ich nicht die sein, die ich bin. Seit ich auf der Welt bin, gab es niemanden, der mich einfach so wahrgenommen hat, wie ich bin. Unter anderem auch, weil ich mich immer selbst unterdrückt habe, um die Person zu spielen, die ich dachte, wäre gerade erwünscht. Das führte dazu, dass auch ich ein völlig falsches Bild von mir selbst habe. Verzerrt. Übertüncht. Ja wie bin ich denn?? Wer bin ich denn?? Pause. Leere. Unwissenheit. Keine Ahnung wer ich bin. OMG - wer bin ich WIRKLICH? Unter den vielen Masken. Hinter den Fratzen?
Ich konnte noch nie mein ganzes ICH zeigen und leben. Ausser wenn ich mit mir alleine bin. Ja DA! DA BIN ICH!!
Immer - in jeder Situation - zeige ich nur den entsprechenden Aspekt von mir. Eine Maske. Etwas, das ich beim Beobachten von anderen gelernt habe. Ich zeige das, was ich denke, dass die anderen von mir erwarten. Das habe ich gut gelernt. Masken tragen. Mich verstellen. Mich anpassen. Schauspielern. Und ich weiss oftmals ganz genau, welches gerade die richtige Maske ist.
Aber das finde ich jetzt gerade zum kotzen!!! Einsicht. Dies zu realisieren zieht mir den Boden unter den Füssen weg. Alles, worauf ich bis jetzt gebaut habe, ist plötzlich nicht mehr real. Das Kartenhaus fällt in sich zusammen, das ich so mühselig über all die Jahre errichtet habe. Alles ist plötzlich fake. Ich bin fake. Nur Maskerade… Ist da überhaupt noch jemand hinter all den Masken?? Hallo Yvonne - bist du noch da?
Es zieht mich wiedermal weg von der Gesellschaft. Einsiedelei. Ja genau! Ich siedle um in eine Einsiedelei. Das wäre schön. Das wünsche ich mir. Kontaktlose Einsiedelei. Nur ich und ich.
Kann nicht weg. Nix mit Einsiedelei. Muss stark sein. Stark für meine Familie. Fühl mich aber schwach. Wo ist bloss diese Xenia oder Hercules Maske hin? Ich habe vor allem keine Lust, weil ich weiss, dass dieser Kampf nicht gewonnen werden kann. Ich gegen den Rest der Welt. Unmöglich. Also wo waren nochmals die Schleichwege? Die geheimen Tunnels und die kampflosen Strategien?
Ich hasse es, dem System ausgeliefert zu sein. Und die Sätze wie „so ist es nun halt mal, da kann man nichts machen.“ oder „So ist das System, einen anderen Weg gibt es nicht“ haben mich schon als Kind auf die Palme gebracht. So einfältig. So hirnlos. So unkreativ und einfallslos.
Bei dieser Krise geht es auch gar nicht nur um meinen Sohn und seine Hochbegabung und Hochsensibilität. Es geht auch um mich. Ich kämpfe den Kampf quasi doppelt. Dafür dass niemand für mich gekämpft hat, als ich ein Kind war. Mein Sohn hat eine Lobby - nämlich mich.
Ich hatte und habe keine Lobby. Niemand hat es gekümmert als ich klein war. Und niemand hat realisiert, dass ich Hilfe gebraucht hätte. Wie auch. Ich war still. Ich war meistens unauffällig. Ich war brav. Ich war so gut es ging angepasst. Ich war komisch. Auch heute wünschte ich mir, ich hätte Unterstützung. Aber all die Stellen, von denen ich mir vorstellen könnte, Unterstützung zu erhalten, die weisen mich ab oder verstehen die Problematik nicht.
Dieses Gefühl anders zu sein, nicht dazu zu gehören, nicht geliebt zu werden - oder nur dann, wenn ich mich so verhalte, wie es von mir gewünscht wird - das begleitet mich schon ein Leben lang. Und ich bin unterdessen Profi darin zu erahnen, was andere für ein Verhalten von mir erwarten. Dann versuche ich mich anzupassen. Das gelingt mir nicht immer. In bestimmten Situationen ist das Scheitern vorprogrammiert. In relevanten Situationen kann ich nicht souverän sein. Leider. Warum nicht?
Dieses Gefühl des anders sein werde ich wohl auch nie mehr los werden. Obwohl ich mir das schon so oft gewünscht habe. Ja ich habe mir tausend Mal gewünscht „normal“ sein zu können.
Früher hat man begabte und hochbegabte Kinder nicht erkannt. Oder nur diejenigen, die sehr fest aus der Masse heraustraten, weil sie inselbegabt waren. Zudem hat man wohl einfach zu wenig über Hochbegabung gewusst. Auch heute noch wissen die Menschen an Schlüsselstellen noch zu wenig darüber. Das bestätigt sich ja jetzt gerade im Kindergarten. Die Lehrpersonen dort wissen zu wenig über alle Facetten der Hochbegabung. Über die Schwierigkeiten, den Spagat, den diese Kinder tagtäglich machen (müssen). Heute erkennt man zwar an, dass es Kinder gibt, die mehr Unterstützung brauchen, die nennt man dann „Kinder mit besonderen Bedürfnissen“, aber der Fokus liegt nach wie vor auf Kindern, die sehr grosse Schwierigkeiten haben. Solche die nicht auffallen und eher still und zurückhaltend sind, die fallen durch die Maschen.
Die Schule hat heutzutage die Pflicht, alle Kinder zu integrieren. Man kann die „schwierigen“ Kinder nun nicht mehr einfach so in eine Sonderschule „abschieben“. Gleichzeitig fehlt aber den Schulen die nötigen Ressourcen und das Wissen. Es bräuchte multiprofessionelle Teams, viel Engagement, viel Feingefühl, viel Backgroundwissen und Erfahrung. Alle im Team müssten bereit sein, neue Wege auszuprobieren, sich neu zu organisieren, umzudenken, und vor allem braucht es Menschen, die unvoreingenommen und neugierig allen Kindern begegnen wollen. Daran scheitert es oft. Immer noch viele Pädagogen sind der Meinung, dass sich die Kinder unterordnen müssten. Dass die Kinder lernen müssten und dass man sie erziehen muss. Gleichzeitig sehen viele Schulen das Problem in der Familie. Sie schieben die Verantwortung ab und wollen aber gleichzeitig nicht häufiger als zweimal im Jahr mit den Eltern ein Gespräch führen.
Aber wir alle haben unseren Rucksack immer mit dabei. Da drin sind auch Vorstellungen, wie ein Kind zu sein hat. Was ein Kind in einem bestimmten Alter zu können hat und was nicht. etc. Aus diesem Rahmen heraus zu treten und um die Ecke zu denken erfordert, dass man sich dessen überhaupt bewusst ist. Inklusion in der Schule und in der Gesellschaft - Integrative Förderung - eine Utopie? Zum Scheitern verurteilt?
Jetzt gerade bekomme ich wieder die Macht des Systems zu spüren. Zuvor, als ich noch nicht Mami war, konnte ich mich anpassen, oder ich konnte mich zurück ziehen, wenn ich dies brauchte. Es war nur „Ich gegen das System“. Jetzt plötzlich ist da dieses kleine Kind, für das ich die Verantwortung trage, das ich über alles liebe und das noch nicht für sich selbst einstehen kann. Ja er versteht ja noch nicht mal genau, was mit ihm passiert und warum ihn die anderen Kinder im Kindergarten ausgrenzen. Wie soll er denn für sich selbst einstehen können? Natürlich braucht er Unterstützung. Jetzt bin ich plötzlich nicht mehr nur ich alleine. Jetzt muss ich plötzlich meinem Kind die Geschehnisse erklären und ich muss unserem Umfeld erklären, wie wir denken und fühlen. Wie anstrengend! Einerseits, weil ich dies zum Teil gar nicht verständlich verbalisieren kann, aber vor allem weil es mir machmal so vorkommt, als würden die Leute gar nicht zuhören (wollen) und als würden sie sich die Erklärungen nicht merken können. Dauernd muss ich Basics wiederholen. Das ist echt energieraubend.
Die Macht des Systems. Volle Wucht. Undurchdringliche Wand. Machtlosigkeit macht sich breit. Hilflosigkeit. Wo soll ich anfangen? Die Hilflosigkeit und das Gefühl vom ausgeliefert sein - das ich so gut aus meiner Kindheit kenne - ja aus meinem ganzen bisherigen Leben - überschwemmt mich gerade wie eine Monsterwelle. Ich kann nicht atmen. Werde umher gewirbelt, die Welle reisst mich fort. Wo werde ich angespült? Werde ich angespült werden? Oder frisst mich ein Hai? Oh vielleicht lande ich tief unten auf dem Meeresgrund bei Arielle und ihrer Familie!
Muss mich neu definieren. Wunden lecken. Zwiebel. Haut um Haut abschälen. Tränen kullern wie beim Zwiebelschneiden über meine Wangen. Was kommt im Innersten der Zwiebel zum Vorschein? Wieso wurde ich zur Kämpferin? Zur Rebellin. Zur Einzelgängerin? Wieso bin ich nicht an den Umständen zerbrochen?
Aus heutiger Sicht, kommt es mir so vor, als hätte ich als Kind unter Dauerstress gelitten. Mein Bruder, der so komplett anders war als ich, war für mich ein grosser Stressfaktor. Ich verstand nicht, warum ich überall aneckte und nicht akzeptiert wurde. Zudem fühlte ich mich als Mädchen völlig falsch. Mädchenkram war für mich langweilig. Deshalb kleidete ich mich oftmals wie ein Junge, ich benahm mich wie ein Junge, ich spielte bevorzugt mit Jungs.
Das normale Leben in der Gesellschaft zielt auf Mittelmässigkeit ab. Jeder Mensch, der nicht 0815 ist und aus diesem Raster fällt, ist nicht normal. Kinder, die hochbegabt sind, aber keine Genies, fallen aus den Maschen. Die Gesellschaft kennt nur Genies, die extrem hochbegabt sind und auch Extremes leisten können. Die etwas erfunden oder etwas erschaffen haben, das die Welt vorher so noch nicht gekannt hatte. Allerdings waren sie dann schon erwachsen.
Hochbegabte Kinder sind aber oftmals keine Genies und sie sind auch nicht immer leistungsstark. Oftmals fallen sie durch ihre Eigenheiten und Auffälligkeiten auf und nicht durch ihre überdurchschnittliche Intelligenz. Sie werden regelrecht an ihren Schwierigkeiten sich an- und einzupassen, aufgehängt. Naja sie wollen sich eben nicht anpassen. Sie haben ihre eigene Sichtweise, ihren Willen und sie wissen oftmals ganz genau was sie wollen. Auf jeden Fall wollen sie nicht als klein, unwissend und dumm abgestempelt werden. Denn so stellen viele Pädagogen Kinder hin - als wären sie dumm und unwissend und der heilige Lehrer müsste sie zuerst über die Welt alles lehren. Aber das ist nicht Realität. Kinder kommen mit sehr viel mehr auf die Welt, als einem leeren Hirn, das man mit doofen Inhalten vollstopfen muss. Und gerade sensible Kinder haben einen Zugang zu Wissen, intuitiv, natürlich. Da kann manch Lehrer hinten anstehen.
Ist der Stoff langweilig und sind diese Kinder unterfordert ,dann ist das die grösste Qual. Jedes Kind sucht sich andere Strategien, um damit fertig zu werden. Die meisten dieser Strategien sind aber in der Schule nicht willkommen. Wenn sie ihre Intelligenz zeigen, dann werden sie oft als Besserwisser, Klugscheisser oder anderen Definitionen beschimpft. So oder so werden sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt, wenn sie nicht versuchen, sich selbst zu unterdrücken und sich anzupassen. Doch gerade dies ist extrem schwierig. Es scheint besonders bei Jungs oft zu Auffälligkeiten zu führen. Mädchen können dies oftmals besser - sich anpassen. Leider. Ob dies für ihr Seelenwohl besser ist - das steht in einem ganz anderen Buch geschrieben. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es nicht gut ist fürs Seelenwohl.
Tatsache ist, dass jedes Kind - jeder Mensch, der sich auffällig benimmt, eigentlich um Hilfe schreit. Ja - es ist ein Hilfeschrei um Aufmerksamkeit. Das Kind wünscht sich doch bloss, dass es erkannt und geliebt wird, so wie es ist. Mit diesem Hilfeschrei versucht es, dies zu kommunizieren, weil es noch keine andere Möglichkeit und Strategie kennt, auf sein Leiden aufmerksam zu machen.
Gleichzeitig gibt es auch viele Menschen, die extrem arrogant erscheinen und sich für etwas Besseres halten. Ob diese Menschen tatsächlich einen hohen IQ haben, ist egal. Der IQ berechtigt niemanden dazu, andere zu diskriminieren oder auszugrenzen. Diese Zahl sagt ja sowieso nicht besonders viel über die Intelligenz eines Menschen aus. Intelligenz umfasst so viel mehr als in einem IQ Test abgebildet wird.
Denn was für Faktoren haben dazu geführt, welchen IQ jemand aufweist? Ist man deshalb besser als andere? Nein! Jeder Mensch ist einzigartig und wertvoll.
Ich finde es sowieso stossend, dass ein Grossteil der Gesellschaft unter Hochbegabung ein Mathe-Genie sieht. Oder Sport. Reine Clichées. Falsche Vorstellungen. Falsche Meinungen, die durch Medien geschürt wurden. Dies sind auch heute noch die zwei Bereiche, in denen Kinder schnell spezielle Förderung erfahren, wenn sie dort auffallend gut sind.
Doch hochbegabt kann jemand auch im künstlerischen, musikalischen, sprachlichen, sozialen, feinfühligen Bereich und in vielem mehr sein! Es gibt so viele Facetten der Hochbegabung. Schade sieht die Allgemeinheit nur Sport, Mathe, Sport, Mathe, ab und zu ein Musiktalent, Sport, Mathe. Versteht mich nicht falsch! Diese Bereiche gehören auch dazu und sind genauso wichtig, aber eben nicht wichtiger als alle anderen Bereiche..
Auch heute noch misst und benotet man in der Schule die Kinder bloss an wenigen Faktoren - Mathe, Sport, Deutsch,.. alle anderen Begabungen sind nicht relevant. Im Kanton Zürich müssen die Kinder, die an ein Gymnasium wollen, eine Aufnahmeprüfung in Mathe und Deutsch absolvieren. Und dabei hat doch jeder Mensch seine Begabungen und Talente. Dass nicht jeder in Mathe und Sport begabt sein kann ist doch wunderbar!! Stelle dir vor jeder würde Profifussballer oder Matheprofessor werden wollen! Wie eintönig wäre dann bloss unsere Welt!!



