Mein Sohn hat, seit er klein ist, regelmässig heftige Wutanfälle. Dies immer zu Hause "im sicheren Hafen".
Heute weiss ich, dass diese Wutanfälle mit zu wenig Stimuli zu tun haben. Das heisst, das Hirn produziert zu wenig Dopamin und dann kommt es zu Frust und Wut. (Hirnforschung danke für diese Erkenntnis).
Es fehlt bei meinem Sohn (der hochbegabt ist) an Hirnfutter. Aber gleichzeitig fehlt es an Motivation etwas Neues zu lernen - zumindest mit und von mir. Er ist gleichzeitig geistig unterfordert und mit der Situation überfordert.
Dann kommt der Widerstand und stellt sich vehement vor meinem Sohn auf. Auf der anderen Seite führen sozial schwierige Situationen zu Stress. Dieser Cocktail an Hormonen, Unterforderung im geistigen Bereich und Überforderung im sozialen und emotionalen Bereich sind extrem explosiv.
Ich komme mir vor, als würde ich über ein Feld von Tretminen gehen. Die Tretminen sind in meinem eigenen Haus. Sage oder tue ich etwas „Falsches“, dann explodiert es. Doch woher soll ich wissen was falsch ist? Manchmal führen scheinbar unwichtige und belanglose Dinge zu einer Explosion. Andere Dinge, die ich als schwierig einstufe, werden ohne Problem akzeptiert.
Dicke Luft, so dick, dass man sie mit einem Schwert in Stücke schneiden könnte. Das wäre schön. Dann könnte man die schlechten Teile aussortieren und weg schmeissen und die guten Stücke wieder zusammenfügen und einatmen, regelrecht inhalieren. Eine Krise bahnt sich an. Alles ist heute mal wieder falsch.
Das häufige Problem ist - Zuerst fällt Leevi in ein Loch, wenn er kein Programm wie in der Schule hat. Dort weiss er genau, wann er welche Lektion hat. Es ist strukturiert. Der Tag hat einen Plan. Zu Hause nicht. Da muss er sich selbst überlegen, was er jetzt heute mit sich (oder gegebenenfalls auch zusammen mit mir) anstellen will. Da er in der Vergangenheit sehr oft Pausentage benötigte, hüte ich mich davor, zu viel Programm vorauszuplanen. Er braucht sehr viel Zeit für sich, im ruhigen Hafen zu Hause, ohne Menschen, ohne Lärm, ohne Eindrücke, die ihn erdrücken könnten. Gleichzeitig ist aber das Problem, dass er zu Hause nicht einfach so berieselt wird. Er muss selbst aktiv werden. Und schwupps - schon fehlen die Stimuli, schon ist zu wenig Hirnfutter da.
Hat er seine anfängliche Langeweile überwunden, dann hat er so geniale Ideen, die er nicht alleine umsetzten will/kann. Entweder weil er glaubt er könne das noch nicht, oder weil er die Fertigkeiten wirklich noch nicht besitzt. Wenn ich Zeit und Kapazität habe, motiviere ich mich vielleicht ihm zu helfen. Aber dann ist häufig das Problem, dass ich es nicht so umsetze wie er es im Kopf hat…Das geht auch nicht. Es ist eine grosse Herausforderung immer das passende Hirnfutter, die richtige Unterstützung und trotzdem die Förderung gewährleisten zu können. Ganz nebenbei habe ich ja auch noch einen Haushalt zu führen und einen Job zu erledigen…
Was hilft also in solchen Momenten?
Das ist je nach Situation unterschiedlich... Um die Wut rauszulassen hilft ein Boxsack oder ein Wutkissen. Denn das ist ganz wichtig, dass wir alle die Wut rauslassen. Es ist OK wütend zu sein. Das ist nichts schlechtes. Sie darf einfach nicht gegen Lebewesen oder Gegenstände gerichtet werden. Deshalb hilft es als erstes, die Wut rauszubrüllen, den Boxsack zu verhauen oder durch den Garten zu rennen.
Wenn die Wut verpufft ist, dann kommt meistens zuerst eine Erschöpfung. Dann hilft es, sich selbst mit etwas Guten zu stärken. Etwas essen, trinken oder kuscheln.
Später kann man dann zusammen reden, nachfragen, was die Wut ausgelöst hat, herausfinden was das Problem ist und gemeinsam Lösungen finden...
