Tagebucheintrag: Kennst du deine Bedürfnisse?

Ein Mensch der sich hauptsächlich um die Befriedigung der Statusbedürfnisse kümmern muss, hat noch nicht genügend Kraft sich selbst zu verwirklichen. Er verwirklicht lediglich seine äussere Schale gewissermassen seine Verpackung. Vera F. Birkenbihl

 

Unser einziges Ziel ist die Bedürfnisbefriedigung. Alle Lebewesen streben immer und zu jeder Zeit danach, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Pflanzen streben nach Wachstum und Fortpflanzung. Und sie tun zu jeder Zeit alles dafür, dass ihre Art fortbesteht. Manche Pflanzen haben ganz erstaunliche Mechanismen entwickelt, damit ihre Art sich fortpflanzen kann.

 

Wenn ein Tier Hunger verspürt, dann wird es alles dafür tun, etwas Essbares zu finden. Und dann ist genau nur dieses Bedürfnis wichtig. Es wird sich solange darauf konzentrieren, bis der Hunger gestillt ist. Ist es müde, wird es sich an einem sicheren Ort ausruhen. Ist die Zeit für Fortpflanzung gekommen, wird es auch da alles unternehmen, um dieses Bedürfnis zu befriedigen. Ein männliches Tier wird Kämpfe auf sich nehmen und andere zum Teil sehr faszinierende Praktiken abhalten, um ein Weibchen davon zu überzeugen, dass es der beste Partner für das Fortbestehen seiner Art ist. 

 

Bei uns Menschen ist dies nicht anders. Nur haben wir teilweise vergessen, dass dies so ist. Wir denken, wir seien etwas Besseres, weil wir Bewusstsein und Verstand haben und haben uns selbst beigebracht, unsere Bedürfnisse nicht mehr oder nur noch ab und zu wahrzunehmen. Wir denken, wir könnten alles kontrollieren. Das ist aber leider nicht so. Sehr vieles passiert unbewusst. Unser Körper regelt ganz viele Mechanismen automatisch, ohne dass wir dies überhaupt merken.

 

Ein Neugeborenes wird alles dafür tun, damit sein Hunger gestillt wird, wenn es diesen verspürt. Und die Bezugspersonen verstehen seinen Wunsch instinktiv. Und es ist das Natürlichste auf der Welt. Ein Kleinkind, das das Bedürfnis hat, Neues zu entdecken und seine Umgebung zu erkunden, wird diesem Drang nachgehen wollen. Wenn es durch eine erwachsene Person daran gehindert wird, wird es womöglich unglücklich reagieren.

 

Sobald das Kind anfängt zu gehen und zu sprechen, tun die Erwachsenen immer häufiger Dinge, um dem Kind seinen natürlichen Drang, seine Bedürfnisse zu befriedigen, zu unterbinden. Ein Kind, das seine Umgebung erkundet, indem es alles in den Mund nimmt, tut dies aus natürlichem Instinkt - so lernt es Neues zu erspüren und zu erforschen. Unterbindet man dies nun dauernd, weil man vielleicht Angst hat, das Kind könnte sich einen Virus holen, oder weil man es schlichtweg nicht versteht und es mühsam findet, wenn es alles einspeichelt, dann unterbindet man einen natürlichen Drang des Kindes. 

Stellt ein Kind tausende von Fragen, weil es das Bedürfnis hat, seine Neugierde zu stillen, Neues zu lernen und zu verstehen, oder - wie bei Hochbegabten oft - bestehendes Wissen mit Neuem zu verknüpfen - und man reagiert darauf immer ungeduldig, genervt oder ungehalten, dann kann dies frappierende Folgen für die Entwicklung des Kindes haben. Denn es ist sein natürliches Bedürfnis Neugierde zu stillen. Mit dieser Reaktion suggeriert man, dass dies nicht Ok ist und das Kind versucht fortan dieses Bedürfnis zu unterdrücken, weil es wichtiger ist, sich geliebt und akzeptiert zu fühlen. 

 

Und so tun wir im Grunde genommen, alles was wir den ganzen Tag so tun, um Bedürfnisse zu befriedigen. Oftmals machen wir das allerdings unglücklicherweise sehr unbewusst. Wenn ich im Büro Lust nach einem Kaffee verspüre, dann ist mein Bedürfnis wahrscheinlich nicht „Kaffee trinken“. Aber vielleicht habe ich Durst (dann wäre Wasser allerdings die bessere Wahl) oder ich habe das Bedürfnis aufzustehen, meine Beine zu vertreten, den Kopf „auszulüften“ und einen Perspektivenwechsel anzustreben um nicht einzuschlafen. Oder ich suche soziale Kontakte zu knüpfen oder zu pflegen. 

 

Wenn ich mich zu exzessivem Sport treibe, dann ist mein Bedürfnis kaum, meinen Körper zu quälen und über seine Grenzen zu gehen. Aber vielleicht spüre ich dadurch meinen Körper erst und mein Bedürfnis könnte sein, mich zu spüren. 

Wenn ich eine Zigarette anzünde und rauche, dann ist mein Bedürfnis kaum, meinen Lungen zu schaden. Mein Bedürfnis könnte dann sein, mich zu beruhigen, Stress abzubauen, oder eine Weile alleine zu sein. Wenn ich exzessiv Alkohol trinke oder Drogen konsumiere, dann ist mein Bedürfnis ebenfalls kaum, meinem Körper zu schaden. Das Bedürfnis könnte dann sein, Stress abzubauen, die Sorgen für einen Moment zu vergessen, mich nicht mehr mit der Wirklichkeit befassen zu müssen, Flucht, Spass haben (ohne Alkohol kann ich aber kein Spass haben und entspannen), etc.

 

Wenn ein Kind in der Schule sogenannt auffällig agiert - dann ist sein Bedürfnis kaum, anderen zu schaden. Sein Bedürfnis könnte dann sein, sich Gehör zu verschaffen, weil es ein Problem und Schwierigkeiten hat. Indem man dann das Kind einfach bestraft für sein Verhalten, ist ihm nicht geholfen. Womöglich reagiert es dann beim nächsten Mal, in dem es sich in einer ähnlichen Situation befindet, noch heftiger. Weil die Strafe weniger schlimm empfunden wird, als die Ursache seines Verhaltens. Deshalb wäre es wichtig, mit dem Kind auf Erkundungstour nach der Ursache zu gehen… Wenn ein Kind auffällig reagiert, dann hat es ein Problem. Dann ist ein Grundbedürfnis nicht gedeckt und deshalb reagiert es rebellisch, wütend, aggressiv, mit Rückzug - oder wie auch immer. 

 

Mit der Entwicklung unseres Menschseins, der Industrialisierung, und all den Errungenschaften der Vergangenheit sind die Bedürfnisse komplexer geworden - könnte man meinen. Doch ist dies wirklich der Fall? Sind unsere Bedürfnisse tatsächlich trivial anders als die unserer Vorfahren aus der Steinzeit? Nach wie vor sind Hunger, Durst, Sicherheit, Geborgenheit, Zuneigung, Wärme und ein Dach über dem Kopf unsere Grundbedürfnisse.

 

Wir leben im Luxus, dass Hunger und Durst meistens ohne grossen Aufwand gestillt werden können. Doch das ist selbst in der heutigen Zeit nicht für alle selbstverständlich. Bei der Sicherheit und der Geborgenheit ist dies schon nicht mehr flächendeckend und so klar gegeben. Wenn wir zum Bedürfnis Selbstverwirklichung kommen, dann können das schon nicht mehr so viele Menschen in der Schweiz realisieren. Menschen die am oder unter dem Existenzminimum leben, können sich selten etwas leisten, das in die Kategorie Selbstverwirklichung geht. Oder? 

 

Wenn man mit diesem Hintergrundwissen sein eigenes Bestreben, seine tagtäglichen Handlungen durchleuchtet, oder die seines Kindes mit der Brille betrachtet, dass das Kind das tut was es tut, weil es ein Bedürfnis hat, das nicht befriedigt ist, dann könnte dies plötzlich ein ganz anderes Licht auf die Situation werfen.

 

Wenn mein Sohn einen Wutanfall hat - was ist dann sein Bedürfnis? Wenn ich zickig reagiere - was ist dann mein Bedürfnis? Wenn mein Sohn frustriert reagiert - was ist dann sein Bedürfnis? Wenn meine Katze miauend und schnurrend um meine Beine streicht - was ist dann ihr Bedürfnis... 

 

 

Indem ich mir vor allem bei meinem Kind überlege, was denn sein Bedürfnis sein könnte, reagiere ich anders auf ihn und seine Krisen, als wenn ich einfach nur die Krise wahrnehme.

 

Natürlich ist es nicht nötig bei jedem Mückenfurz nach den Bedürfnissen zu fragen und in manchen Situationen ist dies auch offensichtlich. Trotzdem erachte ich es als sinnvoll, sich immer mal wieder nach dem eigenen Bedürfnis oder nach dem Bedürfnis des anderen zu fragen. Indem man dies nämlich tut, ist der Wutanfall vielleicht plötzlich nicht mehr gegen mich persönlich gerichtet (auch wenn ich in dem Moment Zielscheibe oder Auslöser bin), sondern dient lediglich dazu, seinem Bedürfnis Gehör zu verschaffen und mein Sohn weiss in dem Moment nicht, wie er das anders tun könnte und seine Emotion - die Wut - überrollt ihn. Indem ich in einer solchen Situation ärgerlich oder ebenfalls mit Wut kontere, ist niemandem geholfen... 

 

Kinder (und auch ganz viele Erwachsene) reagieren impulsiv. Und wenn sie nicht lernen ihre Gefühle anzuschauen, sie zu benennen und die Ursache dafür zu suchen, dann werden sie ihr Leben lang in gewissen Situation impulsiv reagieren - ganz genau so lange, bis sie als Erwachsene bereit sind, ihre Gefühle wahrzunehmen, anzuschauen und die Ursache dafür zu finden. Nur dadurch lernen wir kompetent und konstruktiv mit unseren Gefühlen und Emotionen umzugehen. 

 

Viele Menschen haben gelernt, ihre Gefühle zu unterdrücken. Dadurch sind die Gefühle aber nicht einfach weg. Im Gegenteil. Womöglich schwelen sie durch die Unterdrückung noch ganz lange im Körper und in der Seele und hinterlassen Spuren, die irgendwann zu Beschwerden und dann zu Krankheiten werden können. 

 

 

Und ganz wichtig zu wissen ist, dass eines der wichtigsten Bedürfnisse von jedem Menschen ist - geliebt und akzeptiert zu werden! Im So-Sein. Als Mensch. So bedingungslos, wie es uns eben möglich ist.

 

Bedürfnisinsel

Aus der Psychologie und der gewaltfreien Kommunikation kennt man das Konzept der Bedürfnisinsel. Ich habe mit meinem Sohn ein Meer mit verschiedenen Inseln gemalt. Jede Insel steht für ein Bedürfnis. Da gibt es die "Hunger-Insel", die "Durst-Insel", die "Ruhe-Insel", die "Kuschel-Insel", etc. Wir haben ein kleines Boot aus Papier gebastelt, mit dem man von Insel zu Insel fahren kann. Im Moment hilft uns dieses grosse Meer, um seine Bedürfnisse zu definieren, wenn er gerade nicht genau weiss, was er überhaupt braucht.