Hochbegabung erkennen

Der wahre Reichtum eines Menschen liegt in seinem Charakter, seinen Begabungen, seiner Kreativität und seinem Verstand. Wir alle kommen mit bestimmten Fähigkeiten auf die Welt, die uns die Natur geschenkt hat. Wenn wir ein gutes Leben führen wollen, müssen wir uns diese Fähigkeiten zunutze machen. Unbekannt

Eine grosse Problematik für hochbegabte Kinder stellt ihr Umfeld dar. Dass sie nicht verstanden werden. Besonders wenn niemand sonst hochbegabt ist, dann ist es manchmal echt schwer. Weil diese Kinder so anders denken und fühlen gibt es viele Missverständnisse. Kommunikationsprobleme.

Das ist tatsächlich ein grosser Knackpunkt - insbesondere dann, wenn man nicht weiss, dass das Kind hochbegabt ist.

 

Dann erwarten beide Seiten, der andere müsse doch so denken und fühlen wie man selbst und verstehen die Andersartigkeit nicht. Das führt zu Unverständnis, Ungeduld bis hin zu Demütigung, Verletzung oder Ausgrenzung. Und wenn das Kind zusätzlich noch sehr sensibel ist, dann ist es noch schwieriger mit anderen Menschen zu interagieren. Weil denn das Kind Stimmungen und Energien beim Gegenüber wahrnimmt und zum Teil nicht genau weiss, ob es nun seine eigenen Gefühlsregungen und Stimmungen sind, oder die vom Gegenüber. Sie sind wie ein Schwamm, der alles aufsaugt. Besonders jüngere Kinder können das oftmals nicht so genau abgrenzen. 

 

Aber was meiner Meinung nach auch sehr herausfordernd ist, ist die Situation, wenn ein Elternteil ein (noch) nicht erkannter Hochbegabter ist. Besonders wenn da ungelöste Traumata bestehen. Aus heutiger Sicht hätte ich vieles anders gemacht, hätte ich schon vor der Schwangerschaft gewusst, dass ich hochsensibel und hochbegabt bin. Traurig finde ich auch, dass ich schon bei vielen Psychologen und Therapeuten Hilfe gesucht habe. Keiner ist auf die Idee gekommen, ich könnte begabt sein. Das zeugt davon, dass das Wissen über Hochbegabung (Speziell bei Frauen) auch unter sogenannten Spezialisten noch sehr spärlich vorhanden ist. Wenn man kein Genie ist und eine Inselbegabung hat, sondern vielbegabt und vielinteressiert ist, dann fällt man durch alle Maschen. Kommt dazu, dass ich als Kind gelernt habe, meine Begabungen anzupassen, oder sogar zu verstecken. Da braucht es vom Therapeuten schon einen grossen Willen und ein Gespür, dies erforschen zu wollen und die Anzeichen zu erkennen.

 

Wenn nun also ein Kind, das hochbegabt ist, die Welt erblickt, und so ganz anders reagiert und agiert, als die Kinder im Umfeld - dann sucht man erst nach einer pathologischen Erklärung. Einer Störung. Einer Krankheit. Doch Hochbegabung, Hochsensibilität, ADHS, ADS, Autismus und andere Neurodiversitäten sind KEINE KRANKHEITEN!! Diese Menschen sind nicht krank! Sie haben auch keine Störung. Sie denken und fühlen anders, sie nehmen die Welt anders wahr und sie bewegen sich deshalb anders in dieser Welt. Deshalb sind sie noch lange nicht krank!! Wenn sich da nichts Auffälliges finden lässt, dann versucht man sich und das Kind am Umfeld anzupassen. Das klappt aber natürlich nur bedingt oder gar nicht. Oftmals ist es mit sehr viel Energieaufwand und Zwang verbunden. Es kann sogar dazu führen, dass der Wille des Kindes, seine Seele gebrochen wird.

 

Die Diagnose Hochbegabung bei meinem Sohn hat eine erfreuliche Entspannung gebracht - vor allem im nahen Umfeld. Endlich hatte ich schwarz auf weiss einen Beweis für das, was ich zuvor immer nur als meine Ansicht vertreten hatte. Dafür wurde ich der Übertreibung, der Lüge oder der Hyperventilation bezichtigt. Oder einfach nur belächelt. Oftmals wurden meine Aussagen und Bedürfnisse auch einfach mit einem Schulterzucken ignoriert. Helikopter- Mama, Tiger-Mom, Rasenmäher-Mutter wurde ich genannt. Ja was ich mir nicht alles anhören musste! Überhaupt muss ich mir vieles anhören.

 

Denn wenn meine Familie und ich „in der Öffentlichkeit“ unterwegs sind, dann erscheint mein Sohn ganz normal. Ein lustiges, zufriedenes, aufgewecktes Kind. Die Krisen, die spielen sich im geschützten Rahmen zu Hause ab. Das ist auch gut so. Und ich versuche es zu vermeiden, überhaupt so eine Krise zu provozieren.

 

Doch wenn alles in der Schule zu viel wird, dann habe ich keinen Einfluss mehr darauf… und dann gilt es, gut für mich und meinen Energiehaushalt zu sorgen, so dass ich die Nerven und die Energie habe, meinen Sohn in den täglichen Krisen zu begleiten. Ohne dass es auf mich überschwappt. Ohne dass auch ich eine Krise durchmache. Ohne dass ich ihn dafür verurteile, zusammenstauche oder bestrafe. So dass ich es hinnehmen und abfangen kann. Es gelingt. Meistens. Nicht immer. Auch ich bin nur ein Mensch. Und manchmal braucht man den Mut, sich seine Schwächen einzugestehen und sich einzugestehen, dass jeder Akku irgendwann mal leer ist und aufgeladen werden muss. Es ist OK, wenn auch ich manchmal keine Energie habe und eine Krise nicht ertrage. Davon lernt mein Sohn auch, dass jeder Mensch manchmal an seine Grenzen stösst. Das gehört zum Leben dazu.

 

Mit dem heutigen Wissen ist mir klar geworden, dass Überforderung und Unverständnis zentrale Themen sind und waren. Einerseits verstehen normalbegabte Menschen die Art zu denken, zu fühlen, zu kombinieren und zu handeln von Hochbegabten nicht. Solange Hochbegabte aber dies nicht wissen, glauben sie, alle würden so denken und fühlen wie sie selbst und kommen gar nicht auf die Idee, sie müssten sich und ihre Denkweise erklären. Dies führt unweigerlich zu Missverständnissen. Auch die Normalbegabten wissen nicht, dass der Hochbegabte anders denkt und fühlt - und gehen davon aus, dass sie sich verstehen müssen, ohne Erklärungen. Blindlings. Dies führt dazu, dass sich die Hochbegabte fühlt, als wäre sie ein Alien auf dem falschen Planeten. Und bei Normalbegabten führt es dazu, dass sie die komische Person ausgrenzen und meiden.

 

Auch die Überforderung und die Unterforderung sind zwei ganz zentrale und extrem wichtige Themen! Wir müssen uns eingestehen, dass wir oft überfordert sind. Und das ist keine Schwäche, nichts wofür man sich schämen muss! Ich bin nur schon oft mit mir selbst überfordert, mit den Eindrücken, den Gerüchen, den Geräuschen, vielen Menschen - einfach alles was da dauernd auf mich einprasselt. Ich bin überfordert mit sozialen Themen. Ich bin überfordert mit meiner Feinfühligkeit und dem, was ich bei anderen Menschen erfühle, oftmals aber nicht zuordnen oder einordnen kann. Naja ich kann ja die Menschen dann nicht einfach so mal anquatschen und fragen: „Hey hast du Rückenschmerzen?“ Das würde wohl eher komisch rüber kommen.

Oftmals verstehe ich nicht sofort, was in mir vorgeht und warum ich so reagiere. Wie soll dann jemand anderer mich verstehen, wenn ich es selbst nicht tue?!! Das Kind ist genau so oft überfordert mit sich und seiner Umwelt. 

 

Gleichzeitig ist man oft unterfordert. Die Aufgabe oder der Stoff ist langweilig, weil man das Thema schon durch hat oder weil es schlichtweg geistig nicht herausfordert. Andere Menschen sind viel langsamer im Lesen, im Arbeiten oder im Denken und das kann dann eine grosse Herausforderung in einer Klasse oder in einem Team sein. Denn zu warten und Geduld zu haben - möge sich derjenige oder diejenige bei mir melden, der/die immer zu jeder Zeit sehr geduldig und gelassen abwarten kann, bis alle soweit sind, weiter zu gehen. Wenn es stockt und man in einer Situation Geduld haben muss, dann stossen viele an ihre Grenzen. Im Stau, in einer Warteschlange, am Flughafen, etc. 

 

Die Schule, die Gesellschaft und die Berufswelt sind auf Normalbegabte ausgerichtet. Zwangsläufig trifft ein Hochbegabter immer und überall auf Situationen, die geistig unterfordern und sozial und gesellschaftlich überfordern. Indem man dies erkennt und sich selbst besser kennen lernt, kann man aber mit solchen Situationen besser umgehen. Sie führen nicht mehr dauernd zu Widerstand und Krisen, sondern man kann es gelassener nehmen.

 

Ich bin zudem überzeugt, dass wenn man offen und direkt über Themen wie Hochbegabung, Hochsensibilität, ADHS, ADS, Autismus, etc. in Schulen reden würde - natürlich kindgerecht und nicht medizinisch, dann könnten sich die Kinder untereinander besser verstehen. Es soll dabei nicht darum gehen, den Kindern irgendwelche Etiketten aufzudrücken um sie dann in eine vorgefertigte Schulbade zu stecken. Sondern es geht darum, Verständnis zu schaffen und zu sensibilisieren, dass es ganz viele verschiedene Menschen gibt, die anders denken und fühlen, und dass man deshalb manchmal seine Gedanken und Gefühle verbalisieren sollte, damit sie das Gegenüber verstehen kann.

 

 

 

Es ist nicht entscheidend was ich sage, sondern was der andere hört. Vera F. Birkenbihl

Denn Missverständnisse gibt es dauernd - auch unter Menschen die die selbe neurologische Verknüpfung aufweisen. Warum also nicht schon Kinder sensibilisieren und informieren?

 

Oftmals ist die Umwelt mit uns Hochbegabten überfordert, weil wir so anders ticken und gerade Kinder oftmals gar nicht erklären können, was in ihnen vorgeht. Dies würde auch viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Selten hat ein Normalbegabter die Geduld so lange und konzentriert zuzuhören, bis alle Windungen der Gedankengängen erklärt wären. Hochbegabte übersprudeln oft vor Ideen und Geschichten. Oftmals reicht deren Wissen viel tiefer, als das ihrer Gesprächspartner. Und ihre Gedankengänge sind so schnell, dass sie dies nur mit grosser Anstrengung in Worte fassen können so dass das Gegenüber schlussendlich nicht mehr folgen kann. Die Ideen sind so genial, dass sie die Fantasie und das Vorstellungsvermögen der anderen übersteigt. Wenn man dies weiss, dann kann man vielleicht versuchen, es etwas einfacher zu erklären. Oder man kann sagen, dass man gerade tausende von Gedanken hatte, die man nicht in Worte fassen kann. Nur schon das würde dem Gegenüber helfen.

 

Da kommt mir eine Szene von einem Marvel Movie „The Avengers“ in den Sinn, als Tony Stark Captain America versucht zu erklären, wie eine seiner Maschinen funktioniert. Dieser kapiert nur Bahnhof und dann gibt Tony Stark einfache Anweisungen, welche Knöpfe Captain America drücken soll. Ohne Erklärung. 

 

Wie kann man dies nun aber sinnvoll lösen? Was braucht es in Familien, in der Schule, in unserer Gesellschaft, in Unternehmen, damit es nicht mehr so oft zu Missverständnissen, Frust, Mobbing oder sogar Gewalt kommt? 

 

Als erstes sollten wir akzeptieren lernen, dass jeder Mensch anders ist und dass dieses „Anders-sein“ natürlich, normal und goldrichtig ist. Neid, Beschämung und Mobbing sind fehl am Platz. Denn ein gutes Team ergänzt sich idealerweise perfekt. Das heisst, jeder im Team hat seine Begabungen und jeder sollte diese einbringen können, damit das Team als Ganzes professionell, produktiv, erfolgbringend, respektvoll und mit Spass agieren kann.

 

Dann sollten wir aufhören zu schubladisieren, zu vor-verurteilen und sich über etwas oder jemanden eine Meinung zu bilden, bevor man nicht mind. 3 Monate in seinen Mokassin gegangen ist. Viel sinnvoller wäre es nachzufragen, warum jemand etwas so tut oder was der andere darunter versteht,  was er sich dabei gedacht hat, etc. Das heisst, neugierig und unvoreingenommen auf jemanden zugehen und ihm/ihr achtsam zuhören. Auch wenn er oder sie „erst“ ein dreijähriges Kind ist….

 

Was aber auch ein sehr wichtiges Thema im friedlichen Zusammenleben zwischen Menschen zu sein scheint, sind Traumata. Solange gravierende gesellschaftliche, sowie auch persönliche Traumata nicht bemerkt, angeschaut und transformiert werden, werden Menschen einander immer und immer wieder weh tun. Solange wir von Angst, Unsicherheit und Frust geleitet werden, solange wird diese Spirale sich weiter zusammenziehen. Deshalb ist es sinnvoll, dass jeder zuerst bei sich selbst ansetzt und sich fragt, wo habe ich noch alte Muster und Blockaden in mir, die ich jetzt auflösen kann? Was ist davon nicht mehr hilfreich im Hier und Jetzt. Ich weiss, an sich selbst zu arbeiten ist anstrengend. Doch notwendig...

 

Wie ist es eigentlich historisch gesehen dazu gekommen, dass wir heute so oft verurteilen, vorverurteilen, schubladisieren und etwas als gegeben und unveränderbar betrachten, ohne uns damit beschäftigt zu haben? Wie kommt es, dass wir glauben, wir wüssten alles besser als das Gegenüber? Insbesondere wenn das Gegenüber ein Kind ist? Oder wenn ich eine Pädagogin, eine Chefin, eine Doktorin, oder etwas anders bin, das suggeriert, dass ich mehr weiss, als mein Gegenüber? Ich kann ja schliesslich nicht ins Hirn des Gegenübers blicken und weiss nicht, was es alles weiss. Wieso gehe ich dann automatisch davon aus, dass es weniger weiss, als ich? 

 

Ein grosser Knackpunkt ist auch der Fact, dass diese Kinder extrem viel spüren und wahrnehmen. Sie spüren sofort, wenn das Gegenüber nicht kongruent ist, lügt oder herumdruckst. Hochbegabte Kinder sind allerdings sehr ehrlich und direkt. Es kann dann also durchaus vorkommen, dass sie diese Wahrnehmungen verbalisieren und auf den Punkt bringen. Doch damit verärgert man oftmals sein Gegenüber. Besonders dann, wenn man Dinge wahrgenommen hat, die das Gegenüber selbst noch gar nicht bemerkt hat. Das kann dann schnell mal Abwehr und Ärger beim Gegenüber hervorbringen. Das ist immer sehr unangenehm, denn man wollte ja das Gegenüber nicht verletzen, verärgern oder in die Ecke drängen. Man wollte nur Klarheit über seine Wahrnehmung bekommen, die nicht mit dem Gesagten übereinstimmt.

 

So oder so plädiere ich dafür, dass wir versuchen, unvoreingenommen, neutral und wohlwollend aufeinander zuzugehen und uns Mühe geben, dem anderen zuzuhören...

 

 

EVE-ON

Yvonne Hiltebrand

Rebweg 8, 8181 Höri

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