Hochbegabung und die Welt

Warum dressieren wir unsere Kinder, bis sie berechenbar geworden sind? Und im Beruf dann plötzlich kreativ und flexibel sein sollen? Vera F. Birkenbihl

 

Durch meine schlechten und traumatisierenden Erlebnisse mit meinen Lehrern hatte ich ein sehr verkorkstes Verhältnis zum Lernen. Ich fühlte mich jahrzehntelang als dumm und unfähig irgend etwas zu lernen. Ich war davon überzeugt, dass ich dumm und blöd war - und zudem hässlich, fett und nicht liebenswert at all. 

 

Gleichzeitig habe ich durch Bücher autodidaktisch mein ganzes Leben lang gelernt. Ich habe Wissen in mich aufgesaugt und gespeichert, heimlich, im stillen Kämmerlein, da sich ja eh nie jemand dafür interessierte was ich machte, was mich bewegte und beschäftigte. 

 

Erst jetzt wird mir klar, dass Lernen Wachstum bedeutet.  Lernen hilft, herauszufinden wer man wirklich ist. Intuitiv habe ich das immer gespürt und auch autodidaktisch so praktiziert.

 

Doch damit hat die Schule heute noch wenig zu tun. Die Schule dient nicht dazu, Kindern Wissen zu vermitteln, sie zu fördern und zu fordern und sie in ihrem individuellen Wachstum zu unterstützen. Sie zu unterstützen ihre individuellen Fähigkeiten und Gaben zu finden und zu entwickeln. Auch das Lernen wird an Schulen nicht gelehrt. Viel mehr dient die Schule noch heute dazu, Menschen zu erziehen, zu formen, sie mit Spritzkannentechnik mit Stoff zu übergiessen, ohne sicher zu stellen, dass sie diesen Stoff auch wirklich aufnehmen. Das ist wie bei einem Blumentopf, das überschüssige Wasser fliesst einfach ungehindert bei den Löchern im Boden wieder aus...

 

Individuelle Lerntechniken werden selten berücksichtigt. Zum Glück gibt es unterdessen doch vereinzelte Institutionen und Lehrpersonen, die Kinder anders begleiten. Leider aber noch viel zu wenige! 

 

Die Angst, mit der viele Lehrpersonen und Schulen der Hochbegabung von Kindern begegnen rührt wohl noch von dem Leid das uns immer noch tief in den Knochen sitzt, das Adolf Hitler als Hochbegabter der Welt - insbesondere Europa - angetan hat. Wenn ich das Wort Hochbegabung laut ausspreche, dann reagieren die meisten Menschen schockiert, sehr verunsichert und abweisend. Die meisten wechseln dann sofort das Thema, wollen nichts weiter darüber hören oder wenden sich sogar ab. Es gibt nur wenige - und das sind meistens selbst hochbegabte Menschen, die diesem Thema offen und neutral begegnen. Doch selbst unter hochbegabten Menschen treffe ich auf ganz andere Forderungen, wie die Schulen Kindern mit Hochbegabung begegnen sollten.

 

Als ich einer Lehrperson gegenüber erwähnte, dass mein Sohn als hochbegabt erkannt wurde, da riet sie mir, dass ich dies ja nicht der Schule offen kommunizieren und dass ich damit nicht hausieren gehen solle. Es schien fast so, als hätte sie Angst. Ihr Unwohlsein war fast greifbar. Warum? Warum führt es zu Unwohlsein bei den meisten Menschen?

 

Weil sie ein falsches Bild von hochbegabten Menschen im Kopf haben. Clichées. Falsche Informationen.

 

Und dass man jeden Menschen noch nicht als Individuum anerkennt und entsprechend zu fördern versucht, sondern vielmehr erpicht darauf ist eine homogene Gruppe zu bilden, liegt womöglich daran, dass manche Menschen Kinder immer noch als „zu erziehendes und zu formendes = unwissendes Wesen“ betrachten. Manche sehen Kinder heute noch als dumm und unwissend an, denen man die Welt und wie sie funktioniert erst „beibringen“ muss, weil es noch zu klein ist, um zu wissen, wie die Welt funktioniert. Womöglich mit Strafen wenn das Kind nicht folgt. Und manche betrachten Kinder als ihr Eigentum, mit dem sie tun und lassen können, was sie wollen. Sie können also nach ihrem Gutdünken über die Kinder bestimmen und über sie verfügen, bis diese die Volljährigkeit erlangt haben. Manchmal geht das sogar im Erwachsenenalter noch weiter.

 

Tatsache ist aber, dass Kinder individuelle Seelen sind und nach ihrem ganz individuellen Plan sich entwickeln sollten. Sie brauchen menschliche Beziehungen - echte, liebevolle Beziehungen und Geborgenheit. Dass wir Erwachsene lediglich dazu da sind, ihnen Leben zu schenken, sie zu begleiten und wo nötig zu unterstützen. 

 

All die Konventionen, Regeln und Gebote innerhalb einer Gesellschaft - sind die tatsächlich nötig? Ich habe mich schon oft gegen diese gesträubt und hinterfrage von Natur aus so Einiges. (Das liegt wohl an der Hochbegabung lol) Allgemein besteht ja der Glaube, dass es kein friedliches Zusammenleben geben könnte, hätten wir all die gesellschaftlichen Regeln nicht. Tatsache ist aber, dass das Zusammenleben alles andere als friedlich ist - trotz all dieser Regeln. Kinder werden schon im Kindergarten ausgeschlossen, gemobbt und ausgelacht, wenn sie irgendwie anders zu sein scheinen. Schon kleine Kinder machen sich lieber ihre vorgefertigte Meinung über jemand anderen, als dass man ihnen beibringt, neugierig und offen auf Unbekanntes zuzugehen und zu FRAGEN, wenn man etwas nicht versteht. 

 

Nun unsere jüngsten Mitglieder in der Gesellschaft lernen von uns Erwachsenen. Sie kopieren unser Verhalten eins zu eins. Wir sind ihre grössten Vorbilder. So wundert es womöglich nicht, warum sich kleine Kinder so verhalten, wie sie sich eben oft verhalten… Erst in späteren Jahren können sie ihr Verhalten differenzieren und aktiv steuern. Doch dann ist es oftmals schon schwieriger - denn gewisse Prämissen sind eigespeichert und lassen sich nicht einfach so wieder löschen. Ausser das Kind (oder der spätere Erwachsene) wird sich dessen bewusst und macht es aktiv. 

 

 

Der Rüppel von heute ist lediglich der Sohn des Rüppels von Gestern. Thomas Meyer

Wir lernen schon als kleine Kinder uns so zu geben, wie wir denken, dass unser Umfeld uns sehen will. Eltern überreden oder zwingen ihre Söhne, die Haare kurz zu schneiden, weil sie Angst haben, ihr Kind könnte wegen der Frisur gemobbt werden. Anstatt dass sie dem Kind beibringen, dass jeder Mensch einzigartig ist, egal wie lange oder kurz seine Haare sind. Das Kind ist immer das selbe Kind - ganz egal wie lange seine Haare sind!! Jungen sollen kein Pink tragen, aber wenn sich Mädchen lieber in jungenhaften Klamotten kleiden, dann ist das OK. So lernen wir, uns anzupassen, unsere Persönlichkeit, Intuition und unsere Bedürfnisse zu unterdrücken. Wir lernen immer mehr, ein Pseudo-Ich zu sein, anstatt unser wahres Ich. Und indem wir uns so sehr darauf konzentrieren, allen anderen zu gefallen und das zu tun, was wir denken wird von uns erwartet, verlieren wir unser wahres Ich. Wir spalten uns ab und hindern uns damit ganz zu werden. Doch nur die Ganzheit führt zu Zufriedenheit, Glück, Freude und Liebe. Nur als ganzes Wesen können wir diese tiefen Erfahrungen machen und ins ALL-EINS eintauchen/zurückkehren. 

 

Was trägst du noch für Prägungen und Muster aus der Kindheit in dir, die du nun ablegen kannst? Was möchtest du heute unbedingt tun, was dir als Kind immer verwehrt wurde, weil du in ein Klischee gedrückt wurdest? Tu es heute! Mach deinem inneren Kind diese Freude!

 

Das Bedürfnis sich selbst der Welt zeigen zu dürfen, so wie man ganz tief im Innern ist, sein wahres ICH, dieses Bedürfnis steckt tief in jedem von uns. 

 

EVE-ON

Yvonne Hiltebrand

Rebweg 8, 8181 Höri

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