Was für ein schönes Datum! Lauter 2er... 22.2.22... und daraus resultiert die 10!
Die letzten Wochen habe ich mit dem Buch „Kassandras Schleier, Das Drama der hochbegabten Frau“ von Wolfgang Schmidbauer befasst. Gerne zitiere ich hier eine Passagen:
<<Ob eine Begabung ihren Träger/innen nutzt, hängt vor allem von der Fähigkeit ab, sie ohne Angst zu entfalten. Begabten und von ihrer Umgebung unterstützen Kindern gelingt dies, um sich einen Kokon zu schaffen, der ihre Sensibilität und ihre Fähigkeit, die Umwelt geistig zu durchdringen, schützend umhüllt.
In unserer vom Konkurrenzprinzip durchtränkten Kultur wird jede psychische Leistung rasch unter diesem Aspekt betrachtet. Das geschieht in der Regel schon sehr lange vor der Möglichkeit, diese Rivalität zu verarbeiten und die Rolle des Siegers positiv und fair zu besetzen. Denn jeder Sieger in einem Wettbewerb braucht zweierlei: einen Schiedsrichter, der dafür sorgt, dass die Konkurrenz ehrlich ist, und eine soziale Umwelt, die ihn für seinen Sieg bestätigt und nicht entwertet, beschuldigt oder beschämt. Jede Überlegenheit weckt ambivalente Gefühle. Sie fesselt uns, erregt Aufmerksamkeit, stösst aber auch ab, weckt Hass oder Neid. Wir bewundern sie, wenn wir das Gefühl haben, aus ihr Nutzen zu ziehen, sie in unseren Dienst stellen zu können. Wir lehnen sie ab, wenn wir fürchten, durch die fremde Überlegenheit kleingemacht, beschämt, entwertet zu werden.
Ein Kind, das seinen Eltern geistig überlegen ist, wird in der Regel dumm gemacht. Seine Einfälle gelten als lächerlich, seine Vorschläge werden als Spinnerei abgetan. Altklug, klugscheisserisch, vorlaut, dumm oder sogar geisteskrank sind häufige Beschimpfungen. Wer Macht hat, nutzt sie dazu, Wettbewerb auf Gebiete zu verlagern, wo ihm der Sieg gewiss ist. Die Eltern oder Lehrpersonen haben Lebenserfahrung, also sind ihre Einfälle gültig und erprobt. Das Kind hat keine Ahnung, soll erst ein paar Jahre älter werden und wird dann schon merken, dass die Eltern recht hatten. Wer schneller ist als andere, mehr leistet, originellere Einfälle hat, muss damit rechnen, dass er beschämt und entwertet wird, wenn er nicht sorgfältig darauf achtet, in welchen Machtstrukturen er sich bewegt. Jede Intelligenz, die nicht in der von einer Erzieherin gewünschte Richtung wirkt, weckt den Impuls, ihren Träger zurechtzustutzen, ihn kleiner zu machen und zu beschämen. Das gilt überall - in Familien - insbesondere wenn nur ein Kind von mehreren hochbegabt ist, in Schulklassen, in der Berufswelt, in Vereinen, im Lehrerkollegium oder in Universitäten - überall wo diverse Menschen mit verschiedenen Begabungsprofilen und IQ‘s aufeinander treffen.
In amerikanischen Fabriken wurden übereifrige Arbeiter lange Zeit mit Fausthieben gezügelt.
Für Kleinkinder gibt es eine Entwicklungsphase (laut Freud die phallische) in der der Exhibitionismus eine zentrale, aber auch höchst verletzliche Qualität einnimmt. In dieser Phase zeigen Kinder gerne was sie können - sie singen laut, springen, tanzen und beteuern, wie schön oder klug sie sind. Je liebevoller sie in dieser Phase begleitet werden, umso natürlicher und gesünder entwickelt sich der angeborene und gesunde Exhibitionismus. Werden die Kinder in diesem Treiben - durch ihre gekränkten und gehemmten Eltern - unterbunden, wird der Exhibitionismus dämonisiert. Eltern schnüren dann ihren Kindern unbewusst ein enges Tarnkorsett, damit sie ja nicht auffallen mögen. „Stolz“ mit dem Wunsch nach Bewunderung zu verknüpfen ist psychologisch falsch. Unsere exhibitionistischen Wünsche sind naiv und wurzeln in kindlichen Bedürfnissen. Bewundert werden wollen wir alle. Stolz hingegen ist ein narzisstischer Abwehrmechanismus, der die exhibitionistischen Bedürfnisse kontrolliert. Stolz macht stur, dumm und berechenbar. Ein von Stolz beherrschter Mensch lässt sich leichter manipulieren. Daher ist Stolz auch ein so beliebtes gesellschaftliches Regulativ und geniesst in vielen Situationen höheres Ansehen als die Intelligenz.
Die traumatisierte Hochbegabte kann den Gedanken nicht ertragen, sich zu zeigen, weil sie fürchtet, dann wieder beschämt zu werden.
Frauen orientieren sich stärker an Beziehungen als Männer. Der Wunsch nach seelischer Nähe führt dazu, dass sie ihren Exhibitionismus unterdrücken.
Die hohe Begabung ist nicht neutral. Sie gefährdet ihren Träger ebenso, wie sie ihn begnadet. Es liegt an anderen Mächten (der Eltern, der Lehrpersonen, der Schule, der Chef), als denen, die dem Einzelnen zur Verfügung stehen, ob die Begabung gefördert oder zerstört wird und dadurch ob die Begabung ihren Träger fördert oder zerstört.
Erschütternde Grenzerfahrungen werden verarbeitet, indem sich die Betroffenen an eine Autorität anlehnen oder selbst zu einer werden, weil sie keine passende finden. Die Neigung des Menschen, angesichts seelischer Überforderung Zuflucht bei seinesgleichen zu suchen, ist genetisch verankert. Zu lange hing unser Überleben davon ab, ob wir verlässliche Bindungen zu Eltern, Grosseltern, Geschwister, etc. aufbauen konnten. Der Mensch erkennt den Menschen und lächelt ihn an, ohne das lernen zu müssen.
Die meisten Institutionen schützen sich gegen die begabten Individuen, welche die üblichen Rituale nicht brauchen, um sich zu entfalten. Sie treffen auf sadistische Strukturen, die dazu angelegt sind, die zu kontrollieren und an Regelwerke anzupassen. Personen, die Freude am Entwurf solcher Regeln haben, handeln oft aus Angst, von einer wildwüchsigen Begabung in den Schatten gestellt zu werden.
Für den Normalbegabten ist klar: wenn er das Ziel erreichen will, muss er die Hürden eine nach der anderen nehmen. Die Hochbegabten sind eigentlich schon am Ziel, ihnen erscheinen all die Hürden als sinnlos. Am Umgang mit dieser Situation - in der sie sich immer wieder im Leben wiederfinden - erweist sich die Qualität ihrer Traumatisierungen. Können sie Normalbegabte SPIELEN und sich an die Regeln und Rituale halten? Halten sie die Langeweile aus um das Diplom abzuschliessen?
Ein Kind, das die eigene Überlegenheit über die Eltern verleugnen muss, um diese nicht zu beschämen oder zu verachten, gerät als Erwachsener in Gefahr, mit den Unterschieden zwischen dem eigenen Selbst und den übrigen Menschen destruktiv umzugehen. (…) Ein Normalbegabter denkt und fühlt nicht gleich wie ein Hochbegabter und deshalb führt dies unweigerlich zu Missverständnissen.
Intelligenz ist anbetungswürdig und verrucht zugleich. Sie wird begehrt und dem eigenen Ich ebenso oft ohne Grund zugeschrieben, wie sie in anderen Fällen unter einem Schleier der Vermeidung verschwindet wie der Oktopus in einer Tintenwolke. Die Intelligenz hilft uns zwar, die Probleme zu erkennen, aber gleichzeitig hat sie keine Macht über unsere traumatischen Ängste und in diesen wurzelnde Störungen des Selbstgefühls. Die Hoffnung, dass die Intelligenz im Alltag vor Rückfällen in primitive Aggression und blinde Panik schützen kann, erweist sich als Illusion. Die triebhaften Reaktionen, die wir in uns tragen und die wir als Kleinkinder zum Schutz unseres Ichs antrainiert haben, greifen immer unbewusst und sofort. >>
Bevor mein Sohn von einer Spezialistin getestet wurde, plagte mich die Angst, ich täte mir bloss etwas einbilden. Meine Pein verlängerte sich, wegen des Lockdowns. Das war eine riesen Qual für mich. Meine drehenden Gedanken und Sorgen liessen mich nicht los. Auch die Reaktionen meines Umfeldes halfen mir nicht, ganz im Gegenteil. Ich musste mir von vielen anhören, dass ich übertreibe und etwas in meinen Sohn hinein dichte, das gar nicht vorhanden sei. Als der Tag der Test endlich da war und ich schlussendlich die Resultate zuerst mündlich und kurze Zeit später auch schwarz auf weiss hatte, fiel mir ein Stein vom Herzen. Denn ich hatte mich weder getäuscht, noch fantasiert oder gar übertrieben. Mein Sohn ist hochbegabt!
Dieser Befund stiess den ersten Domino-Stein von einer weitreichenden Domino-Bahn an und vieles in meinem eigenen Leben wurde umgestossen und auf den Kopf gestellt. Ich brauchte aber nochmals zwei Jahre, um mir wirklich eingestehen zu können, dass ich selbst eine traumatisierte Hochbegabte bin.
Vor diesem ersten Befund fühlte ich mich überall und meistens unverstanden. Ich realisierte dass ich als Mutter (natürlich nicht nur, doch erst als Mutter fiel es sehr deutlich auf) ganz anders war als die anderen Mütter in meinem Umfeld. Zu Beginn, als mein Sohn ein Baby war, versuchte ich mich zwanghaft anzupassen. Ich versuchte das zu tun, was alle taten und versuchte auch mein Baby mit allen möglichen Mitteln dazu zu bringen, das zu tun, was andere Babies toll fanden. Aber alle Versuche scheiterten kläglich. Leevi fand die Spiele und Beschäftigungen nicht toll, die andere Kinder spassig fanden. Er hingegen entdeckte dauernd neue Wege, mit einem Spielzeug zu spielen, er wollte die Spielsachen anders gebrauchen, als sie gedacht waren, er erfand täglich neue Spiele und neue Wege die Welt zu entdecken.
Es war so fremd und ich wollte uns nicht blossstellen. Ich hatte Angst, die anderen Mütter würden uns für komisch oder sogar krank erklären. Ich isolierte mich mit meinem Baby, später Kleinkind immer mehr. Er liess sich von niemandem hüten,in seinem Bett zu schlafen war nicht möglich. Geschweige dann in einem unbekannten Bett bei seinen Grosseltern. Oftmals schlief er tagsüber nur im Tragetuch oder im Veloanhänger. Er wollte kein Brei und verlangte von unserem Essen mitessen zu dürfen. Schon sehr früh wollte er nicht mehr liegen, sondern sitzen und ebenso früh brabbelte und quasselte er. Krabbeln und Laufen verweigerte er aber partout. Erst mit 12 Monaten fing er langsam an, sich fortzubewegen und mit 18 Monaten tat er seine ersten Schritte. Zu dieser Zeit schwatze er schon wie ein Papagei. Und das sehr verständlich mit einem grossen Vocabulaire.
Eltern-Kinder-Treffen fand er ätzend und verweigerte sich oft. Er reagierte extrem sensibel auf Lärm, Menschenansammlungen, Hektik und Menschen, die zu nahe kamen. Solche gab es extrem viele… Warum müssen fremde Menschen Babys begrabschen? Haben Babies kein Recht auf eine Privatsphäre? Klar man kann sie nicht fragen, ob sie berührt werden wollen, doch das sollte kein Grund sein, einfach in den Kinderwagen hineinzugreifen und das Kind zu tätscheln oder zu streicheln.
Der Befund der Hochbegabung brachte viele Aha-Erlebnisse mit sich. Nicht nur in Bezug auf meinen Sohn, sondern auch auf mich selbst. Warum ich mit vielen anderen Mütter nichts anfangen konnte, ja ihre Erziehungsmethoden als wunderlich oder sogar schlimm empfand. Warum mich die Themen, die andere Mütter diskutierten, während ihre Kinder spielten, sehr langweilten.
Der unterdrückte Exhibitionismus in meiner Kindheit führt heute dazu, dass ich mich lieber verstecke. Auch der Seeleninfarkt und die vielen Boreouts bei der Arbeit, die ich erlebt hatte, führten nicht dazu, dass ich mich in Gesellschaft wohl fühlte. Auch die Erfahrungen, die ich als Mutter gemacht habe, unterstrichen meine vorherigen negativen Erfahrungen noch. Nämlich, dass ich, wenn ich meine (früher unbewussten) Begabungen zeigte, extrem viel Neid und Eifersucht auf mich ziehe. Ich war mir vor dem Befund der Hochbegabung meines Sohnes in keinster Weise bewusst, dass ich selbst hochbegabt sein könnte. Ganz im Gegenteil. Mein Selbstbild war extrem verzerrt und ich redete Erfolge, die mir gelangen meistens klein und schob sie auf den Zufall, oder eine glückliche Fügung. Ich war davon überzeugt, dumm zu sein. Denn das hat man mir in meiner Kindheit genug oft glauben gemacht.
Wenn mich jemand fragte, wo ich zeichnen oder nähen gelernt hätte, antwortete ich beschämt und schulterzuckend: „autodidaktisch“. Ich lerne sowieso am besten autodidaktisch. So kann ich mir das Wissen und die Fähigkeiten in dem Tempo, in der Breite und in der Tiefe aneignen, wie es für mich stimmig ist. Ich muss mich nicht mit begriffsstutzigen Kolleginnen oder egoistischen und hochstaplerischen Kollegen abmühen. Ich muss mich nicht zu Tode langweilen, weil der Unterricht ätzend langsam und öde gestaltet ist. Ich muss mich nicht wundern, dass die Lehrerin oder der Lehrer weniger gut Bescheid weiss, als ich. Und ich muss mich nicht in Acht nehmen vor dem, was ich bei anderen Menschen dauernd wahrnehme. Dies kann oftmals sehr energieraubend und ablenkend sein.
Warum will keine „normale“ Schweizerische Firma eine Angestellte wie mich? Ich wäre doch die ideale Besetzung für so viele Stellen. Ich habe eine schnelle Auffassungsgabe und bin dadurch sehr schnell eingearbeitet und voll leistungsfähig. Ich leiste in der selben Zeit mehr als Normalbegabte. Ich behalte immer den Überblick. Ich denke ganzheitlich und ich denke voraus. Ich sehe schon Lösungen, wo andere noch nicht mal das Problem erfasst haben. Ich bin flexibel. Ich denke unternehmerisch und suche immer nach Lösungen, die die Rentabilität, die Produktivität und den Spass erhöhen. Ich hasse unnötige Abläufe und Prozesse und versuche diese zu verbessern. Ich bin mitfühlend und offen, dadurch bin ich eine gute Teamplayerin. Ausser ich habe nur Hochstapler, Prahler, arrogante Besserwisser, notorische Neider, Narzissten, Psychopathen, Mobber oder Egoisten im Team. Dann kann ich heute zur Zicke werden. Früher habe ich mich zurückgezogen, bis es mir zu viel wurde. Dann bin ich gegangen. Meistens sehr schnell. Scheissiges Arbeitsklima, unfähige Chefs und miese Arbeitsbedingungen spornen mich zuerst an, Verbesserungsvorschläge zu machen. Will die (wie meistens) niemand hören oder braucht der Prozess extrem lange (was bloss eine Ausrede ist) dann bin ich schneller weg als jemand „Schubidubiduu“ sagen kann.
Mag sein dass dies als arrogant rüber kommt. Mag sein dass man denkt:“ sie ist nicht loyal, hat keine Geduld und kein Durchhaltewillen. Teamplayerin nennt sie sich! Pah so ein Quatsch!“.
Tatsache ist aber, dass ich sehr loyal sein könnte, wenn man mir die Möglichkeit lässt, mich innerhalb eines vorgegebenen Rahmen zu entfalten. Ich kann sehr einfühlsam und kollegial sein. Wenn man mich und meine Einzigartigkeit akzeptiert und nicht „weg machen“ will. Wenn der Vorgesetzte die Grösse hätte sich einzugestehen, dass ich eine Bereicherung bin mit meinen Fähigkeiten. Dummerweise sahen bisher alle ihren Posten durch mich als gefährdet. Tatsächlich hätte ich ihren Job machen können. Und dann bin ich noch eine Frau. Auch ein grosses Hindernis. Das tönt arrogant? Mag sein. Dummerweise gibt es zu viele Chefs, die ihrem Anforderungsprofil nicht oder nur teilweise gerecht werden. Die höchstens gelernt haben, wie sie sich schlau durchmogeln und manipulieren.
Nunja - wird einem das Durchmogeln nicht sogar schon in der Schule beigebracht? Lernten wir und lernen unsere Kinder nicht viel mehr, wie man in der Schule überlebt, anstatt seine Fähigkeiten, Talente und Gaben zu entfalten und zum Allgemeinwohl einzusetzen? Und ehrlich gesagt möchte ich in keiner mir bekannten Firma einen solchen Chef-Posten. Weil das Korsett und die Möglichkeiten viel zu eng sind. Es fehlt an Innovation, Mut, Kreativität und Genialität. Deshalb ist es mir unmöglich, in diesem System und in dieser Gesellschaft - nach der allgemein gemessenen Norm - sprich konkret in Form von Geld und Karriere - erfolgreich zu sein. Da werde ich immer scheitern, da ich nicht der Norm entspreche. Karriere und Geld sind mir schlichtweg zu wenig wichtig. Ich brauche Stimuli, Hirnfutter, Herausforderungen und Spass an dem, was ich tue. Eintönigkeit ist für jemand anderer gemacht. Bereits als Kind, konnte ich mit den Dingen, die andere als erstrebenswert ansahen, nichts anfangen. Ich konnte mit diesen Zielen und Werten nichts anfangen. Gleichzeitig begegnete ich bis heute niemandem, der meine Weltanschauung teilte.
Viele Frauen heben das Mutter werden auf ein künstlich hohes Podest. Wenn sie dann dieses Ziel erreicht haben und nach den ersten Monaten merken, dass es sie nicht so erfüllt, wie sie es sich in ihren Fantasien vorgestellt hatten, werden sie frustriert. Die Decke droht ihnen auf den Kopf zu fallen. Das Baby ist anstrengend, der Schlaf bleibt oft aus, etc. Dann plötzlich wird ihnen bewusst, dass sie nicht mehr gleich in ihren alten Job zurück kehren können. Der Partner hat nach wie vor seine Befriedigung und Genugtuung, Erfolge und soziale Kontakte und eine sinnvolle Tätigkeit in seinem Job. Die frisch gebackene Mutter aber pendelt nun zwischen Haushalt, Stillkissen, Wickeltisch, Kinderwagen schieben und schreiendes Kind beruhigen hin und her. Nach nur 14 Wochen sollte sie wieder zurück an ihren Arbeitsplatz - wenn möglich natürlich in einem 100% Pensum. Doch die Prioritäten haben sich plötzlich verschoben. Dieses Wesen ist noch gar so klein, wenn es in der Kindertagesstätte abgegeben werden muss. Schamgefühle. Zweifel. Ängste. Stress könnte sich breit machen.
Doch auch wenn die Mutter zu Hause bleibt, aber ihre neue Aufgabe als Mutter nicht tief erfüllend findet, wundert es nicht, dass sie früher oder später das Gefühl hat, etwas zu verpassen. Eine unterdrückte Wut ungerecht behandelt zu werden und benachteiligt zu sein, könnte sie innerlich anknabbern. Manch eine Frau kann dann plötzlich Forderungen wie „jetzt sei sie mal an der Reihe“ stellen, um diesem Gefühl Abhilfe zu schaffen. So oder so - ganz egal für welches Modell sich eine Familie in der Schweiz entscheidet (Frau geht wieder arbeiten, Kind wird von Grosseltern betreut, Kind wird von Kita fremdbetreut, Frau bleibt zu Hause, Mann bleibt zu Hause, etc.) - es gibt immer eine Fraktion, die etwas gegen dieses Modell hat. Schon komisch, dass dies so breitgefächert diskutiert (oder verurteilt) wird, anstatt dass man den Familien gangbare und finanzierbare Lösungen offeriert, die auch für die Wirtschaft optimal sind.
Hochbegabte sind schnell unterfordert und gelangweilt. Vieles geht ihnen zu langsam, zu träge und die Gedankengänge von Normalbegabten sind oft unlogisch, nicht nachvollziehbar oder doof.
Auf der anderen Seite fühlen sich Normalbegabte von der sprudelnden Energie, von den Gedankengängen und Ideen der Hochbegabten oft überfahren und überfordert. Auch sie können die Gedankengänge der anderen nicht nachvollziehen oder verstehen. Für sie ist es manchmal, als würde der Hochbegabte eine andere Sprache sprechen. Wie könnte man da in Schulen und in der Arbeitswelt Brücken bauen? Für mehr Verständnis sorgen?
Information - neutral und sachlich - führt zu mehr Verständnis. Denn Wissen hilft Vorurteile und falsche Meinungen abzubauen.
Naja da ich nicht wie der Hahn auf den Miststock steige und in alle Windrichtungen rufe, was ich alles kann und mache, bleibt mein Erfolg bescheiden. Ich verabscheue Angeber und Hochstapler so sehr und habe Angst wieder Neid und Eifersucht auf mich zu ziehen, dass ich lieber im Verborgenen bleibe. So bin ich zufrieden und ausgeglichen. So kann ich meinen Sohn optimal begleiten und unterstützen. So ist auch unser Haushalt optimal geführt. So setze ich mich nur noch in sehr geringem Masse Stress aus. Denn Stress ist Gift. Besonders wenn man schon mal einen Nervenzusammenbruch gehabt hat. Dann ist das Nervenkostüm dünner und sensibler als vorher.
Ich habe dank dem Buch von Wolfgang Schmidbauer ein paar Einsichten gewonnen, die ich in den bisherigen Therapiesitzungen nicht erlangen konnte. Dafür bin ich sehr dankbar. Es ist für mich immer noch verwunderlich und ein bisschen frustrierend, dass bisher kein Therapeut auf die Idee gekommen ist, ich könnte hochbegabt sein. Oder falls ein Psychologe dies erkannt hatte, hat er es mir gegenüber nicht erwähnt. Was genauso bedauerlich wäre. Es zeigt wohl auch, dass das Thema auch unter Psychologen und Psychiatern schwierig zu diagnostizieren ist. Besonders bei Frauen wie mir, die sehr früh gelernt haben, die Hochbegabung zu verstecken.
Mir scheint die Hochbegabung wird mit extrem zarten Seidenhandschuhen angefasst und in der Öffentlichkeit lieber verschwiegen, als erwähnt. Eine Kindergartenlehrperson hat auf einen meiner Blogartikel, in dem ich über die Entdeckung der Hochbegabung meines Sohnes geschrieben hatte, sehr heftig reagiert. Sie schrieb mir ein Whatsapp ich müsse aufpassen, wie und wem ich dies kommunizierte. Gerade von einer pädagogischen Person hätte ich das Gegenteil erwartet. Ich war im ersten Moment perplex und verunsichert. Warum ist die Hochbegabung mit so vielen Klischees und Falschmeinungen behaftet? Dass der Normalo nichts darüber weiss, kann ihm nicht übelgenommen werden. Dass aber Pädagoginnen, Psychiater und Psychologen so wenig darüber wissen und so wenig Verständnis zeigen, das ist tragisch!
Zwei grundlegende Fragen beschäftigen mich schon lange und wundern mich immer wieder. Warum behalten Menschen über Jahre hinweg einen Job, der sie zermürbt oder sogar krank macht? Und warum bekommen so viele Menschen einen Führungsposten, obwohl sie weder menschlich noch fachlich in der Lage sind, diesen Job korrekt auszuüben? Manche mögen menschlich coole Typen sein. Haben aber nicht den Mumm die Verantwortungen zu tragen, die der Führungsposten mit sich bringt. Sie scheuen klare und oftmals schwierige Gespräche und/oder Entscheidungen. Sie verfügen oftmals nicht über die organisatorischen, fachlichen oder praktischen Kompetenzen, die es braucht ein Team, eine Abteilung oder eine ganze Firma zu führen.
Ich habe die therapeutischen Ausbildungen einerseits aus meinem Helfersyndrom heraus, andererseits und vor allem aber um mir selbst zu helfen und um mich und meine Vergangenheit verstehen zu können, absolviert. Ich wollte herausfinden was passiert war - mit mir. Ich wollte die Quelle für meine Zusammenbrüche, aber vor allem Wege aus der Krise finden. Manche Quellen habe ich erst vor Kurzem entdeckt. Die Wege zeigen sich noch nicht deutlich. Es ist als hätte der Zusammenbruch eine Zwiebel in mir zu Tage befördert, die zuvor noch in der Erde gesteckt hatte. Mit jeder Haut, die ich abschäle, offenbart sich ein neuer Grund, ein neues Puzzleteil. Werde ich bald das Ganze sehen können? Nicht mehr als Knolle, sondern als aufgeschlüsseltes Rätsel vor mir?
Ein grosses Aha-Erlebnis in meiner beruflichen Laufbahn. Dies zu wissen führt aber auch zu der Konsequenz, dass ich kein Normalo mehr spielen kann und will. Das kann ich schon seit der Geburt meines Sohnes nicht mehr richtig. Aber erst jetzt verstehe ich warum und erst jetzt wird es mir mit der vollen Tragweite bewusst. Eine Erleichterung und eine Belastung zu gleich. Erleichterung, weil ich mich nicht mehr zwanghaft verstecken und verstellen muss. Belastung, weil die Anzahl Möglichkeiten um Geld zu verdienen drastisch geschrumpft sind. Naja eigentlich nicht, denn ich konnte die Jobs ja sowieso nie zufriedenstellend ausüben, ohne dass es mich wieder krank gemacht hätte.
