Unsere Eltern, alle unsere Vorfahren sind in uns, in jeder unserer Zellen. Genauso wie wir in unseren Kindern sind. Wir sind nicht getrennt. Alle Vorfahren leben durch uns weiter. Und je mehr wir versuchen, gewisse Charakterzüge oder Verhaltensmuster unserer Eltern abzulehnen und zu verurteilen - umso mehr verstricken und verheddern wir uns. Denn wir SIND unsere Vorfahren. Wir können nur in der Akzeptanz, in der Anerkennung und Integration heil werden und Frieden finden. Im Verstehen. Widerstand erzeugt Widerstand.
Wir müssen uns in den Fluss des Lebens begeben. So wie Schülerinnen und Schüler von Thich Nhat Hanh es im Buch „Zen und die Kunst, die Welt zu retten“ so schön beschrieben haben: Wir „inter-sind“. In diesem Intersein steckt alles - alle unsere Vorfahren menschlichen, tierischen und pflanzlichen Ursprungs - ja der ganze Kosmos.
Im Verleugnen, Verurteilen und Ablehnen - verleugnen, verurteilen und lehnen wir uns selbst ab. Einen Teil von uns. Nur in der Annahme, in der Demut, in der Integration kann Ganzheit erfahren werden. Yin und Yang. Jeder von uns trägt es in sich. Das Gute und das Böse. Das Liebe und das Gemeine, das Schaffende und das Zerstörende. Nur wenn wir dies einsehen und von unserem hohen Ross runter kommen - vom Glauben wir wären etwas Besseres - nur dann können wir anderen auf Augenhöhe begegnen und Frieden schliessen. Solange wir das Gefühl haben, wir wären mächtiger und besser. Solange sind wir einer Illusion verfallen und pendeln zwischen Erhabenheit und Triumph und Scham und Versagensgefühlen hin und her.
Jedes Leben beinhaltet Schmerz und Vergnügen. Je mehr wir versuchen, den Schmerz zu unterdrücken, zu übertönen oder stumpf zu schalten, umso qualvoller wird es mit der Zeit. Der Schmerz will angeschaut werden. Dann kann er vergehen und wir können ihn loslassen. Wenn man versucht, negative Gefühle zu blockieren, beseitig man auch positive Gefühle. Denn sie hängen paarweise zusammen. Sowie die Tugenden und Laster, die Hildegard von Bingen einst definiert hat. Negative Gefühle zu blockieren führt zu Abstumpfung, Abspaltung und Leere.
Die Werbung, die Medien gaukeln uns vor, dass Reichtum, der Besitz von einem schönen Haus, einem chicen Fahrzeug oder teuren Kleidern glücklich macht. In der Werbung sehen wir nur attraktive, glücklich aussehende Menschen. Dort begegnen uns keine Menschen, die gerade mit ihren Dämonen kämpfen, depressiv sind oder streiten.
Wir setzen uns Ziele um diese Illusion der perfekten Welt anzustreben. Bereits auf dem Weg oder auch erst am Ziel stellen wir dann aber fest, dass es nicht wirklich glücklich macht. Dass es in der Realität nicht so ist, dass es sich nicht so anfühlt, wie wir uns eingebildet haben. Oder nur für zu kurze Zeit. Wir fühlen uns verarscht, frustrierter als zuvor, belogen und betrogen. Wir haben uns einer Illusion hingegeben. Es ist das selbe, wie wenn man eine Droge nimmt. Irgendwann wirkt die selbe Dosis nicht mehr und der schöne Trip ist fahl oder bleibt gar aus. Man will mehr. Und schwupps ist man abhängig. Solange wir das Glück, den göttlichen Funken im Aussen suchen, solange werden wir enttäuscht und frustriert werden. Denn wir können es nicht im Aussen finden. Nur in uns selbst.
Was ist das Wichtigste für ein Neugeborenes? Ein neugeborenes Baby braucht nichts mehr, als die Beziehung. Es braucht eine echte und wahrhaftige Verbindung zu einem anderen Menschen. Es will sich verstanden fühlen. Und Kinder fühlen sich verstanden, wenn wir sie mit all ihren Gefühlen wie Wut, Frust, Angst, Freude, Lust, etc. ernst nehmen, diese Gefühle spiegeln und sie akzeptieren. Wenn wir sie nicht verbagatellisieren oder zu unterdrücken versuchen. Bevor das Kleinkind abgestumpft und belogen wird durch Werbung und unseren Materialismus, bevor es dieser Täuschung erliegt, sehnt es sich nach nichts anderem, als nach Liebe, Verbindung, Geborgenheit, Verständnis, Sicherheit und Spiegelung. Wenn ein Neugeborenes dies von Erwachsenen bekommt, dann kann es seine Instinkte richtig entwickeln, seine Gefühle richtig einordnen und zu einem gesunden, starken, integren und respektvollen Menschen heranwachsen.
Glücklich sein kann nicht der, der am meisten Dinge, am meisten Geld, die schnellsten Autos, ein Spaceshuttle oder die grösste Intelligenz, der sportlichste Körper oder sonstwas besitzt. Glücklich sein kann vor allem der, der qualitativ hochstehende Beziehungen zu sich selbst und zu seinen Nächsten hat. Verbundenheit, Liebe, Respekt, Geborgenheit, Verständnis. Nicht der, der auf social Media Kanälen tausende von Freunden oder Fallower hat. Sonder der, der im realen Leben tiefe und echte Verbindungen zu anderen Menschen hat. Verbindungen voller Vertrauen, Nächstenliebe und Freude. Dies müssen nicht viele Menschen sein. Es genügt, wenn man einen Menschen kennt, mit dem man diese Qualitäten teilen kann.
Die Beziehung zu unseren Eltern und Geschwistern prägt alle späteren Beziehungen.
Von Gefühlen abzulenken ist nicht aufrichtig. Ablenkung ist manipulativ und wird unseren Kindern nicht helfen, glücklich, integer und zufrieden zu sein. Und sie kann eine Beleidigung für die Intelligenz eines Kindes sein. Wir wollen von den (meist negativen oder überschwänglichen) Gefühlen ablenken, weil wir sie selbst nicht ertragen. Weil wir sie unangenehm finden, weil wir selbst sie nicht fühlen wollen oder weil wir uns insgeheim schämen oder ängstigen. Weil wir selbst in der Kindheit gelernt haben, dass Wut oder überschwängliche Freude nicht gut sind.
Wir neigen dazu unbewusst die Fakten zu finden, die unsere Gefühle untermauern - und nicht umgekehrt. Deshalb wäre es viel wichtiger in der Begleitung von Kindern, aber auch ganz allgemein in Beziehungen, über meine Gefühle zu sprechen und nicht über die dazu passenden Fakten. Deshalb gibt es auch kein „richtig oder falsch“, denn Gefühle sind weder richtig noch falsch, sie sind einfach was sie sind.
In jeder Beziehung sollten Wärme, Akzeptanz und Empathie die vorherrschenden Strategien sein.
In der Lehre des Zen-Buddhismus gibt es weder ein Ego noch ein Ich. Man ist mit allem verbunden. Ohne Definition. Ohne Anhaftung. So gibt es auch niemanden der jemand anderem überlegen ist, der besser ist und so sind auch Minderwertigkeitskomplexe überflüssig. Denn wir sind alle mit allem verbunden und gleichwertig. Doch wie erkläre ich das meinem sieben jährigen Kind, das in der Schule gemobbt wird? Das geistig in der Schule unterfordert ist? Wie kann ich ihm helfen seinen Weg zu finden in dieser Gesellschaft, die noch so sehr im Materialismus und in der Identifikation mit den Dingen feststeckt? Ich inklusive. Ich bin davon nicht befreit und noch weit davon entfernt, ohne durchs Leben gehen zu können. Wie schafft man diesen Spagat im Alltag, wo man täglich damit konfrontiert wird. Ich lebe schliesslich nicht abgeschieden in einem Kloster, auch wenn ich mir das manchmal wünschen würde. Wie kann ich mein Kind stärken, schützen und fördern, wenn es verpflichtet ist, täglich an einen Ort zu gehen, wo es grossen seelischen Schmerz und Stress erfährt?
Die meisten Menschen fürchten sich vor dem Tod. Oder vor dem Unvorstellbaren, das danach kommt. In Tat und Wahrheit sterben wir aber täglich mehrere Tode und dann werden wir immer wieder-geboren. Eine Idee, ein Plan oder auch nur schon ein Gedanke entsteht und wird kurz darauf wieder verworfen. Unser Körper - ein Wunderwerk der Natur -, erneuert sich täglich, Zellen sterben ab und neue entstehen. Wir produzieren in jeder Sekunde Gedanken, Gefühle und Handlungen. Unsere Handlungen gleichen dem Regen, Donner oder Blitz oder auch „nur“ sanften Sonnenstrahlen. Wir sind im ständigen Wandel, genauso wie die Natur dies überall zeigt und macht. Wir sind nicht statisch. Obwohl ganz viele Menschen offenbar glauben, sie seien ein Mal erwachsen geworden und bis zum Lebensende gleich geblieben.
