Helikoptermami

Es gibt einen Unterschied zwischen dem "Überbehüten" von einem Menschen - sei dies das eigene Kind, der Partner, die Eltern oder eine Freundin - und einem gesunden Unterstützen, Fördern und Befähigen. 

 

Mag sein, dass es Menschen gibt, die es ab und an übertreiben mit dem Umsorgen und Helfen. Dies ist durchaus ein Phänomen der Menschheit. Dass es dieses Phänomen gibt, heisst aber nicht automatisch, dass alle Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern, sich ZU VIEL KÜMMERN... Sowieso was heisst "Überbehüten" überhaupt? Kann man sich zu sehr kümmern? Dass man sich zu wenig kümmern kann, das ist allgemein bekannt.. aber zu viel? Das Thema Grenzen ploppt hier auf. Ja. Wann überschreitet man eine Grenze und wo bewegt man sich noch in einem gesunden Rahmen... Das ist individuell - siehe weiter unten...

 

Sowieso - die Begriffe Helikoptermami, Rasenmähermami und Glucke - sind extrem abschätzig und schubladisierend. Was soll das überhaupt sein - ein Helikoptermami? Denn Helikopter haben schon viele Menschen gerettet und sind sehr praktisch - warum wird also der Helikopter mit dem "Überbehüten" von einem Menschen assoziiert? Ein äusserst fragwürdiger Begriff also... 

 

Ich kann mir vorstellen, dass es für Aussenstehende nicht immer klar ersichtlich ist, ob ein Kind nun überbehütet wird oder ob es so unterstützt wird, damit es sich optimal zu einem selbstständigen, selbstbewussten und vertrauenden Erwachsenen entwickeln kann. Man bekommt nur einen kleinen Einblick in eine Familie und kann deshalb kaum abschätzen, wie die Familie funktioniert und was für Strukturen vorherrschen. Man sieht nur das, was gezeigt werden will und man kann nur bedingt hinter die Fassade blicken. Umso verheerender sind solche vorschnellen Definitionen und Rückschlüsse... Gerade Kinder, die in der Schule extrem angepasst sind und sich ruhig verhalten, die mitmachen und "es gut machen wollen", fallen oft durch die Maschen. Da kann es durchaus vorkommen, dass eine Lehrperson den Eltern nicht glauben wollen, wenn diese erzählen, dass das Kind zu Hause grosse Wutanfälle hat und unterfordert ist, denn in der Schule "ist ja alles gut". Dann werden wir Eltern als Helikoptereltern abgestempelt, weil wir uns für unsere Kinder einsetzen...

 

Jeder Mensch ist einzigartig und so sind auch unsere Kinder in derer Entwicklung einzigartig. Was manche Kinder mit sechs Jahren bereits locker schaffen, können andere Kinder mit acht Jahren noch nicht so gut. Dafür können die Achtjährigen  Dinge, die andere Kinder vielleicht nie lernen werden. Es geht hier nicht um die Definition von gut und schlecht oder richtig und falsch. Ich bin der Meinung, dass wir von verallgemeinernden Kurven und Theorien wegkommen müssen. Wenn das Baby beim Kinderarzt in Gewicht, Länge und Kopfumfang nicht in die Alterskurve passt, dann muss man es passend machen. Wenn das Kind mit 12 Monaten noch nicht gehen kann, dann scheint dies aussergewöhnlich und mann muss diverse Untersuchungen machen, ob es womöglich ein physiologisches Problem geben könnte. Da neigen manche schnell zur Panik... (und nicht immer nur die Eltern!!!) 

 

Doch Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht. Gerade in der frühen Kindheit müssen so viele Dinge erlernt und angeeignet werden - ist es da nicht völlig normal, dass manche Kinder schneller sprechen und andere schneller krabbeln und gehen lernen??

 

Auch wenn die Kinder älter werden ist es verheerend, wenn man sie dauernd mit dem Alters-Ideal vergleicht oder sie nur auf ihre Schwächen und Unzulänglichkeiten reduziert. Jeder Mensch hat etwas, das er gut und gerne tut und in dem er stark ist. Würden wir mehr die Stärken fördern und unseren Kindern ermöglichen, diese auszubauen - ich bin überzeugt - würden die sogenannten Schwächen automatisch nachziehen und verkleinert werden können. Würden wir unsere Kinder befähigen und motivieren - ja und auch die Unterstützung anbieten, die in der aktuellen Situation angemessen ist, dann könnten sie zu selbstständigen, selbstbewussten und vertrauenden Erwachsenen heranwachsen. Wer kann am besten abschätzen, wann das Kind an die Hand genommen werden möchte, und wann es selbstsicher und selbstständig agieren kann? Wer kann abschätzen, ob man dem Kind etwas zutrauen und es befähigen kann, und wann die Unterstützung angebracht ist? 

 

Das ist ein tägliches Abtasten und Abschätzen. Das ist keine steife und fixe Idee, sondern fliessend und sich dauernd verändernd. Heute kann mein Kind vielleicht noch nicht alleine auf den Turm des Spielplatzes klettern. Ich helfe ihm und gebe ihm die Sicherheit, die es noch braucht. Morgen kann es dann wunderbar alleine hochklettern... Und so funktioniert dies in der gesamten Kindheit. Das Abschätzen zwischen: "alleine können" und "an die Hand nehmen" ist sicherlich nicht immer einfach. Aber wir sind ja auch Menschen. Fehler sind keine Katastrophen, sondern Ereignisse, aus denen wir lernen können. Und je älter ein Kind wird, umso mehr kann man das Kind auch fragen: "traust du dir das zu?" Das führt auch dazu, dass das Kind lernt, sich selbst und seine Fähigkeiten und Unsicherheiten einzuschätzen.

 

Würde unser System (Schulsystem, Gesellschaft, Familie) nicht dauernd nach Fehlern und Schwächen forschen und diese anprangern, wären sie womöglich gar nicht so verheerend. Würde man dem Lauf der Dinge einfach die Zeit lassen, die es braucht, dann würden sich die Dinge bestimmt so oder so entwickeln. Vielleicht nicht so, wie wir es uns in den Kopf gesetzt haben - aber womöglich so, wie es genau richtig ist - für das Kind oder die andere Person. Denn bloss weil wir ein Bild im Kopf haben, heisst nicht, dass dies automatisch das richtige Bild für alle anderen Menschen sein muss... Manche Menschen brauchen für gewisse Dinge mehr Zeit, als andere. So what?? Geben wir doch uns allen die Zeit, die wir brauchen.... für alles... 

 

Und mögen wir aufhören, andere Menschen vorschnell zu schubladisieren und vorzuverurteilen...

 

Mögen wir neugierig nachfragen:

 

Wie macht ihr denn das zu Hause?

Wie läuft das bei euch?

Etc...

Gedicht von E. Michler

 

Ich wünsche dir Zeit

Nicht alle möglichen Gaben

Ich wünsche dir nur

Was die meisten nicht haben

 

Ich wünsche dir Zeit

Dich zu freuen und zu lachen

Und wenn du sie nutzt

Kannst du viel daraus machen

 

Ich wünsche dir Zeit

Nach den Sternen zu greifen

und Zeit um zu wachsen

das heisst zu reifen

 

Ich wünsche dir Zeit

Neu zu hoffen, zu lieben

Es hat keinen Sinn

Diese Zeit zu verschieben

 

Ich wünsche dir Zeit

Zu dir selber zu finden

Jeden Tag, jede Stunde

Als Glück zu empfinden

 

Ich wünsche dir Zeit

auch um Schuld zu vergeben

Ich wünsche dir

Zeit zu haben zum leben.“

 

EVE-ON

Yvonne Hiltebrand

Rebweg 8, 8181 Höri

[email protected]

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