Tagebucheintrag: Erfahrungsbericht IQ-Testing

Schulkinder in der Primarschule von Sote, Fiji Islands
Schulkinder in der Primarschule von Sote, Fiji Islands

In der Schule sollten Selbstachtung, Zufriedenheit und Demut gelehrt werden. Thomas Meyer

Bin heute extra früh aufgestanden um zu Schreiben. Ich hoffe mein Sohn schläft heute extralange. Gestern waren wir in der Praxis für die IQ- Tests. Heute geht es mir beschissen. Die Last wiegt gerade sehr schwer auf meinen Schultern. Alte Themen, Erinnerungen aus meiner eigenen Kindheit kommen hoch. Ich bräuchte Zeit für mich alleine, habe aber keine. Zeit, um diese Themen anzuschauen, zu separieren. Mehr Zeit, als bloss eine Stunde, vielleicht etwas mehr.

 

Was ist meins? Was hat mit Leevi zu tun? Mir ist übel, ich habe Kopfschmerzen und ich spüre meine Nieren. Ja es schlägt mir auf die Nieren. 

Flashbacks. Zeitreisen. Erinnerungen aus meiner Kindheit und Schulzeit überrumpeln mit. Sie nehmen mich mit und schleudern mich voller Wucht gegen die Wand. Wut, Trauer, Bedauern, Frust, Einsamkeit. Das fürchterliche Gefühl vom „anders-sein“, nicht dazu zu gehören, nicht dazu zu passen, nirgends hinein zu passen, alles immer falsch zu machen. Sich anders fühlen, nicht ins System zu passen - in kein System, nicht in die Familie zu passen, aussätzig sein, Marsmensch vielleicht? Ausserhalb und nicht Innerhalb. Unverständnis auf allen Seiten.

 

Ich wünschte ich wäre ein Vogel. Oder ein Baum. Gibt es im Tierreich auch neurountypische Lebewesen? Leiden die auch so? Ich bin traurig und wütend, dass man damals meine eigenen Talente und Gaben nicht gesehen und anerkannt hat.  Immer hat man nur das gesehen, was ich nicht konnte. Immer ist man auf meinen Fehlern, Unfähigkeiten und Unzulänglichkeiten herumgeritten. Ich bin traurig und wütend, dass man heute noch hochbegabte Menschen nicht erkennt, nicht versteht, nicht integrieren, respektieren und akzeptieren kann.

 

Es macht mich stinksauer, dass sich die Menschen immer nur anhand irgendwelcher Clichés bedienen und einfach nachplappern, was sie mal irgendwo gelesen oder gehört haben, anstatt selbst mal nachzudenken und sich zu überlegen, ob dies denn wirklich alles der Wahrheit entspricht. Klar es ist einfacher eine Schublade zu öffnen, den Menschen da hinein zu stopfen und die Schublade schnellstmöglich wieder zu schliessen. Aber muss es immer einfach sein? 

 

Dass man nicht einfach mal neutral auf einen Menschen zugehen kann, mit dem Bewusstsein, dass jeder Mensch einzigartig ist. Dass man sich nicht neugierig auf jeden einzelnen Menschen einlassen kann. Sondern dass man sofort definieren muss: „der ist irgendwie anders. Komisch. Untypisch. Nicht Mädchen genug. Huuiii gefährlich! das muss man wegstossen, ausgrenzen, fort mit! Ich könnte ja verseucht werden!“

 

Es macht mich traurig und wütend, dass es in unserem System immer noch keinen Platz für Menschen gibt, die anders denken und fühlen. 

 

Ich falle durch alle Maschen, weil ich so vielseitig, schnell unterfordert und vielinteressiert bin. Ich habe eine zu schnelle Auffassungsgabe. Das ist nicht normal, wenn jemand so schnell eingearbeitet ist. Das muss gefährlich sein. Suspekt. „Die arbeitet bestimmt ungenau und unkonzentriert. Macht bestimmt immer Fehler! Das muss man unterbinden.“ 

Darum finde ich keinen Job. Und wenn ich einen öden, langweiligen, eintönigen Job finde, dann bin ich innert kürzester Zeit unterfordert und gelangweilt und zusätzlich kommt meistens dazu, dass die restlichen Teammitglieder meine Arbeitsweise und meine schnelle Auffassungsgabe als Gefahr betrachten. Ich könnte ihnen ihren Posten streitig machen. Uiii wenn das dem Chef auffällt…. Die muss raus. Die muss man in die Schranken weisen. Demütigung. Diskriminierung. Mobbing.

Auch meine andere Herangehensweise an Aufgaben und meine andere Denkweise stösst auf Unverständnis und führt dazu, dass mich Teammitglieder suspekt und komisch finden.

 

Und dass mein Sohn spezielle Förderung braucht, weil er ähnlich gestrickt ist wie ich, macht die Sache noch komplizierter. Er muss sich anpassen. Nicht umgekehrt. Doch was ist, wenn sich ein Kind nicht anpassen kann? Weil es einfach so ist, wie es ist? Muss man dann seinen Willen, seine Seele brechen? Muss man es dann auf Beugen und Brechen unterjochen?

 

Erinnerungsfetzen

Die Glocke klingelt. 4. oder 5. Klasse. Alle Schüler rennen in ihre Schulzimmer. Ich lasse mir Zeit. Mathestunde. Es graut mir nur schon beim Gedanken daran. Wird Herr Schmid heute auch wieder diese üblen Kopfrechen-Übungen machen? Oder wird es heute mal etwas weniger quälend sein? 

 

Ich betrete das Schulzimmer und setze mich auf meinen Platz. Klein, unwohl und voller Angst fühle ich mich. Meine Handinnenflächen sind schweissnass und ich bin nervös. Mein Herz rast. Die Tür wird laut und heftig auf- und zu gemacht und der Lehrer tritt an sein Lehrerpult. Mächtig, autoritär, überheblich.

Er lässt sein Blick in der Klasse umherschweifen, fixiert einige Schüler direkt, bevor er ansetzt und sagt, dass heute Kopfrechnen auf dem Programm stehe. Mir wird kotzübel und ich könnte laut schreien. Ich beherrsche mich aber - natürlich - schlucke meine Angst, meinen Ekel und meine Scham hinunter - bin ja ein braves und angepasstes Mädchen.

 

Ich schlucke den dicken Klumpen runter und begebe mich zu allen anderen Schüler in eine Ecke des Schulzimmers. Diese Kopfrechenaufgabe ist der Horror. Alle Schüler müssen sich in einer Ecke versammeln. Der Lehrer gibt mündliche Kopfrechenaufgaben auf und der Schüler, der am Schnellsten die richtige Antwort ruft, der darf in die nächste Ecke des Schulzimmers stehen. Fünf richtige Aufgaben am Schnellsten gerufen bedeutet wieder an seinen Platz sitzen zu können. 

Ich fühle mich in dieser Ecke eingepfercht mit allen Schülern, unwohl. Ich verkrieche mich zuhinterst in der Ecke. So dass mich mein Lehrer hoffentlich nicht sehen kann. Die Systeme runter fahren, nur noch warten bis die Glocke klingelt, Überlebensmodus einschalten…. Ich fühle mich, als wäre ich in einem Traum, weich in Watte bepackt. Die Stimme des Lehrers dringt nur noch ganz leise an mein Ohr, obwohl er sehr laut spricht. Ich erfasse seine Worte nicht mehr. Er steht unterdessen vor seinem Lehrerpult, mit einem Blatt Papier in der Hand und fängt triumphierend an, seine erste Aufgabe vom Blatt zu lesen, die Schüler auffordernd anstarrend. 

Der erste Schüler ruft ein Resultat - RICHTIG - er darf in die nächste Ecke des Schulzimmers vorrücken. So geht es unaufhörlich weiter. Je mehr Schülerinnen und Schüler vorrücken, umso weniger kann ich mich noch verstecken. 

 

„Bitte bitte lieber Gott - gibt es dich überhaupt!!?? falls ja - bitte bitte, lass den Lehrer einen Herzinfarkt haben. Bitte bitte mach hier direkt unter meinen Füssen ein Loch auf und lass mich verschwinden. Oder hast du heute doch den Wundertrank, der einen unsichtbar machen kann in meinem Rucksack versteckt!? Zu dumm, dass ich den Rucksack nicht mehr erreichen kann.“

 

Nichts dergleichen passiert natürlich. Ich bekomme nur verschwommen mit, wie langsam alle Schüler vorrücken. Zuerst in die nächste Ecke, 3. Ecke, 4. Ecke und zurück an ihren Platz. Ich stehe noch immer in der ersten Ecke. Mein Hirn funktioniert nicht. Ist da überhaupt ein Hirn in meinem Kopf? Rechnen? wie geht das? ich bin nicht mal in der Lage die Aufgaben des Lehrers zu erfassen - zu HÖREN - geschweige dann mir die Zahlen zu merken. Stresspegel steigt ins Unermessliche. Jetzt kommt dann gleich der schlimmste Moment…. Im Boden versinken - BIIITTTE JETZT!!! 

 

Da ertönt schon die Stimme des Lehrers „Yvonne - jetzt eine einfache Aufgabe für dich - was gibt 2+3?“ Ich zucke zusammen, als ich meinen Namen höre. Er grinst mich frech und erhaben an, die Klasse lacht - wie immer schallend auf. Ich frage mich wie oft der Lehrer dieses fiese Spiel noch spielen will. Macht es ihm Spass, andere zu erniedrigen??! Ich gebe keine Antwort - welche Zahlen hat er überhaupt gesagt? Es tönt als müsste ich im Kopf die Wurzel von 2’345’000 ziehen.

 

Egal. Warten. Die Glock klingelt bestimmt gleich - ERLÖSUNG. Zumindest für eine Woche… vielleicht zwei.

Die Pausenglocke klingelt. Ich gehe zu meinem Platz und verdrücke mich so schnell es geht mit meiner Tasche auf die Toilette. Bloss weg. Für immer!! Ich zittere am ganzen Körper, versuche es aber zu unterdrücken. Ich bin schweissgebadet. Alles triefend nass. Ich fühle mich elend. Könnte kotzen. Sollte ich mir den Finger in den Hals stecken? Kürzlich habe ich davon gelesen in der Zeitung. Offenbar ist das ein neuer Trend bei Mädchen. Sollte ich es versuchen? Ich kann mich nicht überwinden. Setzte mich auf den Toilettendeckel und warte. Auf was? Bis sich mein Herzschlag etwas beruhigt. Dann gehe ich Hände waschen. Kaltes Wasser. Wie wunderbar…

 

 

 

Diese Übungen führten dazu, dass ich immer glaubte, ich könne überhaupt nichts. Aber in Tat und Wahrheit führte einfach die diskriminierende beschämende und verletzende Methode dieses Lehrers dazu, dass ich geistig abdriftete und lieber gar nichts machte und seine Diskriminierungen über mich ergehen liess. Ich hätte nicht den Mut gehabt mich zu wehren oder mich zu behaupten. Ich verstand ja auch gar nicht, warum ich nicht Kopfrechnen konnte. Ich war wohl einfach zu blöd dazu… Ich war viel zu introvertiert und schüchtern, ich war ja auch noch viel zu klein, um zu verstehen was da vor sich ging und damals hatte man noch mehr Respekt vor der Lehrperson. Dass er mich dauernd mit meinem Cousin, der in Mathe sehr sehr stark war, verglich, half meinem Selbstwertgefühl und meinem Selbstvertrauen auch nicht sonderlich…

Auf Grund dieser Übungen verlangte der Lehrer, dass ich in Mathe Nachhilfe bekommen musste. Bloss war das verschwendete Zeit. Denn die Art und Weise, wie mein Lehrer und die Nachhilfe mir die Aufgaben erklärten, konnte ich nicht verstehen. Gleichzeitig war mein Lösungsweg, den ich zu Beginn noch versuchte zu erklären, falsch, auch wenn das Resultat richtig war. Weder der Lehrer noch die Nachhilfe waren offen und bereit, sich meinen Lösungsweg anzuschauen und genauer zu studieren. So resignierte ich ziemlich schnell..

Heute verstehe ich, dass nichts mit mir oder meinen Lösungswegen verkehrt war. Aufgrund meiner Neurodiversität gehe ich anders an Rechenaufgaben heran. und deshalb kann ich mir Zahlen nicht merken, die ich nicht schriftlich vor mir sehe. 

 

Ein Rätsel, das ich aber nicht verstehe ist - warum müssen Kinder auch heute noch solche Kopfrechenaufgaben machen in der Schule??!!?? Ist die Schule noch nicht darauf gekommen, dass es Kinder gibt, für die diese Aufgaben traumatisierend sind!!??? Ich bin unterdessen schon lang erwachsen, leide aber immer noch unter diesen Erinnerungen...

Aufwind

Testergebnisse erhalten. Juhuuu die Tests waren eindeutig. Freudentanz. Ich gehe in die Waschküche und schreie vor Freude. Tränen laufen ungehemmt über meine Wangen. Ich bin so erleichtert. Es fühlt sich an, als wäre eine Tonne Beton von meinen Schultern gefallen. Mein Sohn ist nicht nur begabt, sonder hochbegabt. Auf Grund der Antworten der Lehrperson hätte man vermuten können, dass Leevi zudem Autist ist. Die Spezialistin meinte aber nach dem persönlichen Testing, dass dies nicht abzuklären sei, da er ihr gegenüber sehr offen und aufgeschlossen war, während dem Testing. Ich lege dieses Thema sofort wieder ad acta und beschäftigte mich nicht weiter damit. Ich bin so erleichtert, endlich schwarz auf weiss von einer Spezialistin das erklären zu können, was ich zuvor nie richtig hatte in Worte fassen können. Endlich kann ich allen Personen, die an mir gezweifelt hatten diese Diagnose vor die Nase klatschen und sagen - da lies selbst! 

 

 

Mein Sohn passte sich im Kindergarten extrem an. Er musste in jeder Minute sein Selbst zurück nehmen und er „spielte“ schon als kleines Kind jemanden, den er gar nicht war. Weil er schon früh als Kind erfahren musste, dass er in seiner Wesensart weder verstanden noch akzeptiert wurde. Er fühlte sich nicht integriert. Er fühlte, dass er anders war. Aber er verstand nicht warum. Diese Fähigkeit sich so extrem zurück zu nehmen und sich zu verstellen - dies schon als Kleinkind zu beherrschen ist einerseits sensationell - aber irgendwie auch tragisch und traurig. Es verdeutlicht, wie wenig die Gesellschaft Menschen, die anders denken und fühlen akzeptiert. Wie sehr Andersartigkeit verurteilt und „weg geschoben“ wird. 

 

Die Spezialistin empfahl uns dann eine Akzeleration, d.h. Dass mein Sohn per sofort in die erste Klasse wechseln soll, anstatt noch den zweiten Kindergarten wie vorgesehen abzusolvieren. Es ist Ende April/Anfang Mai. Und kurz vor Schuljahresende. So gestaltet es sich extrem schwierig für uns, einen Ort zu finden, wo mein Sohn per sofort hätte eingeschult werden können. In der Volksschule verlangt man, dass er vom schulpsychologischen Dienst zuerst abgeklärt werden muss. Dabei hatten sie die Ergebnisse von seinem Testing erhalten. Dort steht schwarz auf weiss, was mein Sohn braucht. Die Frau, die das Testing vorgenommen hat, hat einen sehr ausführlichen Bericht geschrieben und sehr deutlich gemacht, was es in der Schule braucht, damit mein Sohn teilnehmen kann und gesund bleibt. Dieses Dokument wurde aber von der Schulpflege nicht akzeptiert. Mein Sohn hätte also nochmals durch den Schulpsychologischen Dienst und später durch einen anerkannten Psychiater getestet werden müssen.

 

Wie hirnrissig ist denn das? Und wohlgemerkt - es geht hier um einen noch nicht mal sechsjährigen Jungen. Die Bedürfnisse des Kindes sind bei der Schulverwaltung und bei der Schulpflege, wenn es um die Finanzierung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen geht, nicht von Belang. Warum nennt man sie dann „Kinder mit besonderen Bedürfnissen“? Wir müssten jetzt also meinen Sohn durch die Mühle schicken, er müsste den zweiten Kindergarten in der Volksschule besuchen, verschiedene Tests durchlaufen. Und all das würde Monate, wenn nicht sogar eine Ewigkeit dauern. Um meinen Sohn zu schützen, verweigerten wir, dass er durch das SPD nochmals stundenlang befragt und getestet wurde. Das wäre ein zu grosser Stress für ihn gewesen. Zudem konnte die Schule in unserem Dorf die Förderung, die er gebraucht hätte, gar nicht gewährleisten. Die Schulleiterin hat uns in einem mündlichen Gespräch erklärt, wie die Förderung von hochbegabten Kindern verläuft. Es gibt einen zusätzlich zum regulären Unterricht stattfindenden Förderunterricht. Am Mittwoch Nachmittag. Dann wenn alle anderen Kinder ihren wohlverdienten, freien Nachmittag geniessen dürfen. Wie bescheuert ist denn das? Im Bericht steht sehr deutlich, dass Leevi nicht nur ein Mal in der Woche eine Lektion Förderunterricht braucht. Sondern dass er während des regulären Unterricht mehr Hirnfutter benötigt. Weil er sonst sofort unterfordert sein wird. Und Unterforderung ist der Killer. Noch viel schlimmer als Überforderung. Was sollen wir also tun? Was können wir tun, wenn wir Leevi’s Gesundheit wahren wollen, wenn wir wollen, dass er sich gesund und glücklich entwickelt. Wenn wir uns lediglich einen glücklichen, zufriedenen und gesunden Sohn wünschen? 

 

Ich fühle mich verarscht. Ich bin wütend. Ich bin aufgewühlt, wie die See wenn ein Sturm tobt. Ich könnte laut schreien. Aber diesmal nicht vor Glück und Freude. Ich hätte Lust, es allen zu zeigen. 

 

Die einzige Möglichkeit, die uns bleibt, ist eine Privatschule. Doch wie sollen wir das finanzieren mit nur einem Lohn? Weiter suchen. Notlösung finden.

EVE-ON

Yvonne Hiltebrand

Rebweg 8, 8181 Höri

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