Man kann die Zeit nicht anhalten. Man kann nur in der Zeit anhalten. Sawaki Kōdō

Was mich an der Meditation und am Achtsamkeitstraining so fasziniert ist einerseits die Einfachheit und andererseits die grosse Wirkung, die sie erzielen. Kürzlich war ich mit einer Kollegin in einem Restaurant essen. Wir sprachen über dies und das und kamen dann auf die Selbstverantwortung zu sprechen. Ich persönlich bin der Auffassung, dass jeder Mensch die Verantwortung für sich selbst trägt, und dem zu Folge sich entsprechend selbstverantwortlich verhalten sollte. In Bezug auf die Pandemie wäre dann ein verantwortungsvolles Verhalten nach meiner Ansicht, sich selbst und anderen gegenüber wünschenswert. So zum Beispiel die Maske korrekt über Nase und Mund zu tragen, oder sich zu Hause auszukurieren, wenn man krank ist (und nicht trotzdem Zug zu fahren, arbeiten zu gehen, etc.). Meine Kollegin antwortete dann etwas genervt, dass sie das Wort Selbstverantwortung nicht mehr hören könne. Ich antwortete dann etwas erstaunt und irritiert, wer denn dann die Verantwortung für ihr Leben trage, wenn nicht alleine sie selbst? Kein Arzt, kein Politiker, kein Ehemann könne ihre Gesundheit erhalten und herstellen ausser ganz alleine sie selbst. Wir kamen dann auf Meditation und Achtsamkeitstraining zu sprechen, was sie komplett ablehnte und sagte, sie hätte keine Zeit für sowas Unnützes.
Im Buch von James Kingsland „Die Hirnforschung auf Buddhas Spuren“ fand ich dann auch gute Erläuterungen zu dem, was mich im Gespräch mit meiner Kollegin so irritiert hatte. Offenbar geht sie davon aus, dass man auf allerlei Materielles und auf Arbeit verzichtet, wenn man sich in Meditation und Achtsamkeit übt. James Kingsland hat dazu Ajahn Amaro interviewt, der dazu sagte: „Die Leute glauben immer, das Ziel buddhistischer Meditation sei es, so frei von Wünschen und Begierden zu werden, dass man gar nichts mehr für erstrebenswert hält. Sie glauben, das Ganze laufe darauf hinaus, völlig passiv zu werden - zu einer Art Zombie, einem willenlosen Wesen, das von sich aus nichts mehr tut. Das ist ein grosses Missverständnis, denn erstens hat Arbeit an sich nichts mit Leiden zu tun, und zweitens ist Frieden, auch innerer Frieden, alles andere als gleichbedeutend mit Nichtstun. Die westliche Vorstellung von „friedvollem Dasein“ erschöpft sich meistens in Chillen am Strand. Aber auch wenn man hart arbeitet, kann man völlig im Frieden und im inneren Einklang mit sich selbst sein. Es besteht überhaupt kein Gegensatz.“ Das Buch zeigt sehr anschaulich, dass Menschen durch Meditation und Achtsamkeitstraining nicht zu Zombies werden, sondern eine bessere Kontrolle über ihre Gedanken, Gefühle und ihr Verhalten erlangen.
Das Buch "Die Hirnforschung auf Buddhas Spuren“ handelt von einer Wissenschaft der Selbstaufmerksamkeit und der Suche nach Erleuchtung - oder, um es etwas weniger spirituell auszudrücken, dem Weg zu bestmöglichem psychischen Wohlbefinden. Das Wort Erleuchtung ist für den westlichen Leser religiös konnotiert, während es im Buddhismus ganz einfach bedeutet: zu erkennen, wie die Dinge wirklich sind, frei von allen Verblendungen und Selbsttäuschungen. Das unterscheidet sich im Kern kaum von dem, was Chemiker, Physiker oder Biologen vorhaben, wenn sie die Funktionsmechanismen der Naturwelt erforschen. (…) Anders als beim Schlucken einer Pille kann Achtsamkeitstherapie keine Schnellwirkung herbeiführen. Wer eine nachhaltig positive Wirkung erzielen will, muss mehr tun als hin und wieder einen Meditationskurs zu besuchen. Achtsamkeit ist eher eine Haltung, eine Denkweise, die in jedem Augenblick gelebt werden will, und weniger ein in sich abgeschlossener Selbstzweck. Für Buddhisten ist Achtsamkeit nur ein - wenn auch unentbehrliches - Element auf einem viel umfassenden Weg zur Erfahrung von Glück und Zufriedenheit. So glauben Buddhisten, dass es spirituelle Erleuchtung ohne Mitleid und Empathie nicht geben kann und auch nicht ohne ethisch einwandfreies Verhalten.>> Zitat James Kingsland

Die Diskussion mit meiner Kollegin hat mir wieder deutlich gemacht, dass die meisten Menschen am liebsten eine vorgefertigte Meinung aus den Medien oder der Politik, eine allgemeine Haltung aus der Gesellschaft übernehmen und keine Lust und kein Interesse daran haben, tiefer zu forschen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Mentaler Convenience-Frass quasi.
Zu hinterfragen und nicht alles blindlings zu glauben scheint für viele Menschen zu anstrengend zu sein. Diejenigen die hinterfragen, und den Dingen auf den Grund gehen wollen, die Zusammenhänge sehen und die mehr wissen wollen, als nur das oberflächlich Sichtbare, die sind nicht sehr zahlreich. Und sie sind auch nicht sehr beliebt, wie ich am eigenen Leibe schon sehr oft erfahren durfte. Zu denken und dann auch noch weiter zu denken, voraus zu denken und sich selbst zu reflektieren - das scheinen Qualitäten zu sein, die nicht jedem Menschen gegeben sind. Mögen auch diese Menschen von Herzen glücklich und zufrieden sein mit ihrem Dasein!
Leute, die noch nie richtig meditiert haben, denken, man würde stundenlang untätig herumsitzen und meinen, dies sei verlorene Zeit.
Ich persönlich meditiere regelmässig. Dies hilft mir, den Tag gelassener und geerdeter anzugehen, weniger emotional zu reagieren und schwierige Situationen überlegter und ruhiger zu handhaben. Und dies ist für mich und meine Familie ein grosser Gewinn! Denn wenn ich nämlich nervlich nicht so belastbar bin, und in manchen simplen Situationen emotional reagiere, führt dies zu mündlichen Verletzungen, zu Konflikten und Stress. Und ich erlebe sozusagen fast jeden Tag einen Moment mit meinem Sohn, in dem ich getriggert werden könnte, in dem ich „falsch“ reagieren könnte. Denn mein Sohn hat fast täglich Krisen. Diese Krisen zeigen sich nicht immer gleich. Manchmal hat er einen Wutanfall, Aggressionen, die er gegen mich richtet, Weinkrämpfe, Angstzustände, Frustration, Überforderung, u.v.m.
Darum sind mir diese Morgenmeditationen heilig und diese Zeit ist für mich viel gewinnbringender, als wenn ich (aus Müdigkeit oder Faulheit) länger im Bett liegen bleibe. Die Meditation halte ich keineswegs immer sitzend auf einem Kissen ab. Manchmal schon, weil ich mich dann gerade auf dem Kissen am entspanntesten und wohlsten fühle. Oft meditiere ich aber gehend im Garten. Während dem ich den Vögeln lausche, mich am Igel erfreue oder bei einem Waldspaziergang. Am besten aber kann ich beim Handarbeiten, Nähen und kreativ schaffen meditieren. Oder beim Schreiben. Wenn ich dann in einen Flow komme, dann ist dies ein wunderschöner Moment.
Natürlich gibt es auch Tage, an denen ich mich nicht konzentrieren kann. Gedankenkarussell oder Schmerzen, die mich ablenken. Dann versuche ich mich ganz einfach auf meinen Atem zu konzentrieren. Wenigstens für fünfzehn Minuten. Einatmen. Ausatmen. Mehr nicht.
Was verursacht denn am meisten Stress? Klar - auch dies ist womöglich individuell und von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Aber ein paar Parallelen und Gemeinsamkeiten lassen sich trotz allem definieren. Stress verursacht einerseits das „von-allem-zu-viel“. Aber andererseits ist ein grosser Stressor die Meinung, man müsse immer und überall performen, man müsse sich von seiner Goldseite zeigen, man dürfe keine Schwäche und Fehler offenbaren und man müsse 24h am Tag gut aussehen, fit sein, erreichbar sein, etc. Also das „immer-gut-drauf-sein“ und das „der/die-beste-sein-wollen“ führen zu enormem Stress. Woher rührt dieses Bestreben, das schon bei Babies praktiziert wird? „Mein Kind kann schon krabbeln!", "meines schon sprechen“. Warum ist es dem Menschen so wichtig, besser zu sein, als andere?
Ferner zitiert Kingsland eine Studie, die zeigt, dass die Ursache für Unglücklichsein die Zerstreuung ist. Das bedeutet, dass die Gedanken, die uns im Kopf herumschwirren unglücklicher machen, als die Tätigkeit, der wir gerade nachgehen. Wenn wir also durch unsere Gedanken abgelenkt sind, macht uns das unglücklich, ganz egal ob wir gerade einer Tätigkeit nachgehen, die wir gerne tun oder einer, die uns keinen Spass macht. Wenn man dieser Studie glaubt, ist es dann nicht naheliegend etwas zu tun, um die Zerstreuung zu reduzieren und dadurch glücklicher zu werden? Nun Achtsamkeitstraining führt genau zu diesem Ziel. Nämlich dass wir unserer Gedanken und Gefühle bewusst werden und nicht dauernd im Auto-Piloten unterwegs sind.
Siddharta - später Buddha, muss ein sehr skeptischer Mensch gewesen sein. Er riet dazu, dass jeder Mensch den für ihn richtigen Pfad suchen möge und wenn etwas für dich nicht taugt, so lasse es sein: „Verlass dich nicht auf Gerüchte und Berichte, Legenden, auf rituelle Gebräuche, auf sogenannte heilige Schriften, auf angeblich logische Schlussfolgerungen, auf Wahrscheinlichkeiten oder auf den Gedanken „dieser Weise ist ein Lehrer“. Wenn du genau spürst, dass die Eigenschaften ungeeignet, beschämend sind oder Schaden und Leid anrichten, dann sollst du davon ablassen."
Achtsamkeit ist also der bewusste Versuch, ganz in der Gegenwart zu sein und die Umgebung ungefiltert, unvoreingenommen in sich aufzunehmen. Im Modus der Achtsamkeit werden alle Gedanken, Gefühle und Empfindungen so wahrgenommen, wie sie aufkommen. Diese Übung dient auch dazu mit psychologischen Herausforderungen leichter fertig zu werden, statt impulsiv mit Ängsten, Ärger oder vorgefassten Ansichten zu reagieren.
Die Forschung von Benson an der Harvard Universität hat gezeigt, dass nicht nur regelmässige Meditation eine Entspannungsreaktion auslösen kann, sondern auch durch die Ausführung von bestimmten Übungen wie Chi Gong, Yoga oder Tai Chi, Atemtechniken, das Wiederholen eines Wortes, eines Mantras oder eines Gebetes, sowie bestimmte Klänge. All diese Praktiken können einen bestimmten Bewusstseinszustand von Gelassenheit und Entspannung, manchmal sogar von Glückseligkeit auslösen.
Ich denke viele Menschen haben auch eine falsche Vorstellung von Erleuchtung und Nirvana, wie es im Buddhismus genannt wird. Nirvana war von Buddha keineswegs als leidfreies Land der Glückseligkeit beschrieben worden, sondern als Weg um das Leid im Leben zu akzeptieren und zu überwinden.
Was Siddharta bereits vor über 2500 Jahren bei seiner Erfahrung zur sogenannten Erleuchtung herausgefunden hat, haben unterdessen verschiedene Menschen in Studien und Tests bewiesen. Jon Kabat-Zinn zum Beispiel bringt mit seinen Kursen Menschen mit Angststörungen oder chronischen Schmerzen bei, diese körperliche Erfahrung von der inneren mentalen, emotionalen Erfahrung zu trennen. Indem wir Schmerzen, eine schwierige Lebenssituation oder Ängste annehmen, anstatt von uns wegzustossen oder zu ignorieren, empfinden wir die Erfahrung als weniger schlimm. Das führt zu mehr Lebensqualität und Freude. Das heisst, wir können lernen freudvolle, weniger freudvolle bis hin zu schmerzvollen Erfahrungen gleichmütig hinzunehmen, ohne sie zu bewerten, mit Etiketten zu versehen, ohne sie zu kategorisieren. Wahrnehmen und annehmen.
Wem das mit sich selbst und seinem Leid gelingt, der kann auch gegenüber anderen Menschen viel toleranter sein und braucht niemanden mehr zu kategorisieren und vor-zu-verurteilen. Im Wissen, dass allen Menschen Leid widerfährt und dass alle Menschen Suchende sind.
Wir sehnen uns nach Verständnis, verstanden werden und selber verstehen. So geliebt zu werden wie wir sind. Wir sehnen uns danach, unser Leiden zu verstehen und dadurch zu verringern. So suchen wir oft nach Gleichgesinnten.
Und im Achtsamkeitstraining und in der Meditation können wir lernen, die Perspektive zu wechseln. Wir können lernen, zur Beobachterin unserer Gedanken und Gefühle zu werden und uns nicht mehr dauernd damit zu identifizieren. Denn wir sind nicht unsere Gedanken und Gefühle. Wir sind frei. Dies zu realisieren bringt unglaublich viel Freude, Entspannung und Freiheit!

Stelle dir vor: Unser Bewusstsein ist wie ein Fluss. All unsere Gedanken, Gefühle, Ziele, Träume und andere mentalen Konstrukte, die Idee darüber, wer ich bin oder zu sein habe, sind das Treibgut. Äste, Blätter, Müll, manchmal ein ganzer Baumstamm, die darin schwimmen und flussabwärts treibt.
Das Ziel der Achtsamkeits-Übung und der Meditation ist, sich nicht mehr mit dem Treibgut zu identifizieren. Die Identifikation ist irreführend und führt zu Leid. Erst wenn wir die Identifikation aufgeben, können wir frei sein. Übrig bleibt nicht „Nichts“, sondern Weisheit und Wissen.
Der Name Buddha bedeutet „der, der weiss“, „der Wissende“. So schreibt James Kingsland: „Dieses Wissen besteht unabhängig von einem Selbst, einer Seele oder einer inneren Instanz und funktioniert auch ganz ohne diese.“
Unter diesem Scheinwerfer der Betrachtung ergeben Differenzierung und Unterscheidung von du und ich keinen Sinn mehr. Plötzlich realisiert man, dass wir alle Yin und Yang in uns tragen, leiden und die Fähigkeit besitzen glücklich und fröhlich zu sein. Wir haben uns eine riesige fiktive Welt erschaffen. Ein mentales Konstrukt. Ich, mein Besitz und dein sind alles Fiktion. Praktische und bequeme Fiktion, durchaus. Aber Fiktion. Sowie auch Krankheiten ein Konstrukt unserer modernen Welt sind.
Übung
Visualisiere einen Fluss, der in dir Entspannung auslöst. Du sitzt an seinem Ufer und beobachtest das Treibgut nach einem Sturm. Es treibt allerlei an dir vorbei im Wasser. Manche Dinge langsamer, manche schneller, aber alle kommen und gehen. Halte nichts fest. Fische nichts heraus. Sondern beobachte einfach nur. Atme in einem für dich angenehmen Tempo und komme zur Ruhe. Finde Ruhe in diesem Fluss und dem "Vorbeifliessen".
