Bevor wir über Widerstände bei Kindern sprechen, möchte ich zuerst einen Exkurs zum Thema Bindung machen. Denn Widerstände haben viel mit der Qualität der Bindung zwischen Kindern und ihren Bezugspersonen zu tun.
Bindung und Beziehung
Eine gesunde Bindung zu Eltern, anderen Bezugspersonen und Lehrpersonen fördert die Resilienz und die Selbstwirksamkeit in Kindern.
Was bedeutet Bindung? Die Bindung ist das angeborene Bedürfnis, enge und von intensiven Gefühlen geprägte Beziehung aufzubauen.
Bindung und Beziehung, das ist ein existenzielles und universelles Grundbedürfnis des Menschen. Menschen suchen nach dem Miteinander, nach Gleichheit und Freiheit. Sie wollen nicht regiert werden von einem Diktator. Sie wollen frei denken und fühlen können. Alle Menschen haben die gleichen Bedürfnisse, aber nicht zur gleichen Zeit. Jeder Mensch entwickelt Strategien, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Manche Strategien sind logischerweise erfolgreicher als andere.
Ein Streit bedeutet, dass die Bedürfnisse verschiedener Menschen in Konflikt geraten.
Die Erfüllung seiner Bedürfnisse ist das oberste Ziel jedes Menschen. Die Maslow Pyramide, wo auf der ersten Ebene die Grundbedürfnisse (Also auch das Bedürfnis nach Bindung und Beziehung), dann die Sicherheitsbedürfnisse, die sozialen Bedürfnisse, die Wertschätzung und auf der Spitze die Selbstverwirklichung definiert sind, mag vielen bekannt sein. Ich wurde vor ein paar Jahren noch mit einer weiteren Bedürfnispyramide vertraut gemacht:
1. Ebene: Existenzielle Bedürfnisse
2. Ebene: Herzens-Bedürfnisse
3. Ebene: Intellektuelle Bedürfnisse
4. Ebene: Ethische Bedürfnisse
5. Ebene: Gesellschaftliche Bedürfnisse
- Nahrung (physisch und spirituell)
- Gesundheit
- Bindung
- Geben und Annehmen
- Sicherheit
- Halt
- Leben schützen und wahren
- Bedürfnis nach Beziehung, Wärme, Geborgenheit, nicht alleine sein
- Kreislauf des Lebens
- Autonomie und Zugehörigkeit
- Verantwortung übernehmen
- gehört werden
- Liebe und Fürsorge
- Spielen und Zusammen sein
- Kontrolle
- Sicherheit
- Kompetenz
- Abwechslung
- Hirnfutter
- seinen Beitrag leisten
- Neugierde
- Wissen wie das Leben funktioniert
- Bildung
- Leistung
- Dinge bewegen
- etwas bewirken können
- Fülle
- Schutz von Natur und Mensch
- Stimmigkeit
- Harmonie
- Gerechtigkeit
- Kreativität
- Schönheit
- Frieden
- Augenhöhe
- Wohlstand
- Menschen miteinander und untereinander
- Gleichheit
- Freiheit
- nicht regiert werden, sondern selbst bestimmen können
Die Liste der Stichworte könnte natürlich noch beliebig erweitert werden. Diese Bedürfnispyramide beschreibt auf eine andere Art die verschiedenen Bedürfnisse, die wir Menschen spüren. In dieser Pyramide wird ebenfalls die Wichtigkeit der Bedürfnisse anhand der Stufe symbolisiert. Die Bedürfnisse auf unterster Ebene (1) sind existenziell. Die Bedürfnisse auf der 5. Ebene hingegen oftmals auch wichtig, können aber nur angestrebt und realisiert werden, wenn alle anderen Bedürfnisse erfüllt sind. So wie es auch bei der Maslow Pyramide der Fall ist.
Was passiert, wenn Bindung abbricht?
Bindung ist also ein existenzielles Bedürfnis. Ein Grundbedürfnis von uns Menschen. Was passiert aber, wenn ein Baby oder Kind erfährt, dass die Bindung zur Mutter abbricht? Dazu gibt es einige spannende Studien, die im Internet zu finden sind. Im Groben passiert Folgendes:
Wenn die Bindung zur Mutter abbricht, dann...
1. ist das Kind zuerst irritiert. Es fragt sich "was ist los?", "Wo ist meine Mutter?"
2. HOFFNUNG - Dann entsteht im Kind die Hoffnung, dass die Bezugsperson zurückkommt. Dafür macht das Kind Werbung. Es setzt alle Mittel ein, die es kennt. Rufen, Blickkontakt suchen, aktiv nach der Bezugsperson suchen, etc. Je nach Alter des Kindes kann das unterschiedlich ausfallen. Es will damit sagen: "Ich brauche dich!" und diese Reaktion geht sehr schnell.
3. Wenn nun die Bezugsperson die Bindung nicht wieder aufnimmt, entsteht beim Kind ENTTÄUSCHUNG. Es bäumt sich auf, es protestiert. Es fängt an zu weinen oder zu brüllen, es fühlt den Schmerz der Trennung.
4. Wenn nun die Bezugsperson die Bindung immer noch nicht wieder aufnimmt, dann entsteht beim Kind erneute ENTTÄUSCHUNG. Das heisst die Enttäuschung verstärkt sich. Das Kind resigniert. Es fühlt sich ohnmächtig und fällt in eine Depression. Dies kann dann dazu führen, dass das Kind laut bis sehr laut schreit. Oder es wird wütend. Oder es fühlt Angst...
Wenn dies nur für kurze Zeit stattfindet, dann kommt es zur Reparatur und das Kind kann sich wieder sicher fühlen. Doch wenn diese Situation einer getrennten Bindung in einem Auf und Ab über Wochen oder sogar Monate immer wieder erlebt wird, dann könnte das Kind eine Bindungs-Störung entwickeln.
Umgang mit Widerstand
Damit sich ein Kind sicher fühlt und sich gesund entwickeln kann, braucht es also eine sichere Bindung.
Warum kommt es nun aber zu Widerständen? Wie kann ich als Erwachsener mit dem Widerstand von Kindern umgehen, so dass weder ein Belohnungs- und Bestrafungssystem noch andere negative Mittel eingesetzt werden müssen? (Denn diese sind nicht zielführend, sondern manipulieren lediglich das Kind...)
Jeder Mensch ist auf Weiterentwicklung und Lernen programmiert. Das streben alle Menschen von Natur aus an. Die Voraussetzung für Lernen ist die sichere Bindung ohne Angst und die vertrauensvolle Beziehung und Liebe zu anderen Menschen. Wir sind ein Herdentier. Dann kann die intrinsische Motivation erhalten bleiben.
Wenn die Anwesenheit von Angst vor dem Menschen ausgeprägt ist (lese dazu diesen Artikel), dann wird das Lernen und Weiterentwickeln blockiert. Die Erziehung mit Lob und Strafe, Drohungen, Erpressung, Manipulation, Belohnung und Konsequenzen führt automatisch zu Angst und zu Widerständen.
Der Widerstand kann aber auch davon kommen, dass das Kind unter- bzw. überfordert ist. Gerade hochbegabte Kinder brauchen sehr viel Hirnfutter. Wenn sie zu wenig Stimuli erhalten, dann gehen manche in den Widerstand, um darauf aufmerksam zu machen. Oftmals merken sie selbst noch nicht, dass sie unterfordert (oder überfordert) sind und zu wenig Stimuli erhalten. Oftmals ist der Widerstand zuerst da.
Kein Kind würde je im ersten Lebensjahr gehen lernen, wenn wir ihm dies so beibringen würden, wie wir den Kindern das Lesen und Schreiben beizubringen versuchen. Da wären alle Menschen im Rollstuhl! Zitat Nadine Zimet
Körperliche und psychische Gewaltfreiheit ist ebenfalls absolut notwendig, damit sich das Kind gesund entwickeln kann. Dazu gehören nicht nur Schläge und Missbrauch, sondern auch das Ignorieren, Drohen, sich abwenden, das Kind in seinem Zimmer oder anderswo einsperren, dem Kind Nahrung entziehen, das Wechselbad der Gefühle, wenn das Kind nie weiss, in welcher Stimmung es seine Mutter oder seinen Vater vorfinden wird. Und vieles mehr. Solche Erfahrungen führen im Gehirn zu den selben Reaktionen, wie bei körperlicher Gewalt.
Und ich spreche hier nicht von einer einmaligen Situation auf Grund von einer Überforderung (wenn die Beziehung zum Kind ansonsten von Liebe, Fürsorge, Geborgenheit und Sicherheit geprägt ist). Sondern ich spreche von einer andauernden Belastung durch oben erwähntes Verhalten.
Die Entstehung von Widerstand
Nun wir alle kennen den Widerstand. Er begleitet uns alle manchmal. Wir sind auf unserem Lernpfad unterwegs und dann kommt eine Weggabelung. Manchmal liegen da auch Steine im Weg. Was sind das für Steine? Angst zu versagen oder zu scheitern, Überforderung, Unterforderung, Missverständnisse, sich nicht akzeptiert fühlen, fehlende Sinnhaftigkeit, fehlendes Selbstvertrauen, der innere Schweinehund, Faulheit, Perfektionismus, die Vorstellung weicht von der Realität ab, Bedürfnisse anderer, Angst verspottet, ausgegrenzt oder gemobbt zu werden, etc.
Wir wissen, dass Kinder grundsätzlich kooperieren wollen. JA sie haben richtig gelesen. Kinder wollen von Natur aus kooperieren.
Begegnen wir ihnen auf Augenhöhe und holen wir die Kinder in ihren Bedürfnissen ab, dann führt dies zu einer sicheren Bindung, zu tragenden und vertrauensvollen Beziehungen, zu Interesse und Spiegelung, zu Erfolgserlebnissen, zu Akzeptanz und Sicherheit.
Wenn wir beginnen, uns selbst zu beobachten, können wir auch manche Verhaltensweisen entdecken, die nicht unbedingt förderlich sind. Wann übe ich Druck aus? (auf mich selbst oder auf andere) Wann bin ich selbst energielos und habe deshalb weniger Nerven? Was für Ängste und Sorge plagen mich? Kann ich in die Entwicklung meines Kindes vertrauen, kann ich meinem Kind vertrauen, oder möchte ich es kontrollieren? Kann ich mir selbst und dem Kind Raum geben? Interessiere ich mich aktiv für das Kind, seine Sorgen, Ängste und Freuden? Können wir in unserer Familie offen über alles reden? Ist eine gesunde Vertrauensbasis da?
Erteile ich ungefragt Tipps und Rat-Schläge? Jeder hat seinen eigenen Lebensweg. Ratschläge sind in erster Linie einfach nur Schläge. Ganz besonders bei Kinder, aber natürlich bei jedem Menschen. Manchmal müssen wir uns selbst und unseren Kindern den Raum geben, etwas ausprobieren zu dürfen, Fehler zu machen, hinzufallen und daraus zu lernen...
Ist auf unserem Lebensweg dann mal ein richtig grosser Brocken im Weg - dann handelt es sich meistens um unsere Glaubenssätze und Muster, die wir uns in unserer Kindheit angeeignet haben. Bin ich bereit, bei mir selbst genauer hinzuschauen, und diese Brocken aus dem Weg zu räumen? Mir zu liebe und für eine schöne und liebevolle Beziehung zu meinen Liebsten?
Wie kommt dieser Felsen auf meinen Weg? Durch Steinlawinen, Erdbeben oder Gewitter, Blitzschlag oder Erdrutsche. Vielleicht kommt ihnen dieser Satz bekannt vor?: "wenn ich Fehler gemacht habe, dann hat man mich bestraft oder getadelt. Beschämt und schlecht gemacht. Wenn ich Hilfe oder eine Umarmung gebraucht hätte, dann hat man mich zurückgewiesen und fort geschickt."
Wir alle tragen unsere Erinnerungen und Prägungen in uns... Manchmal ist es sinnvoll und hilfreich diese genauer unter die Lupe zu nehmen und sich zu fragen, ob sie noch zeitgemäss sind, oder ob man sie sofort verabschieden kann, weil sie nicht mehr von Nutzen sind...
Äussere Kritik wird internalisiert und der Mensch denkt fortan: "So wie ich bin, bin ich nicht OK, nicht gut genug, nicht akzeptiert." Bei wiederkehrendem Vorkommen führt dies zu Traumata. Ein Trigger bedeutet, dass der innere und der äussere Kritiker immer aktiv sind. Wenn also eine ähnliche Situation eintritt, kommt der Trigger zum Einsatz und man fühlt sich wieder, wie das kleine Kind von früher. Also sobald diese verinnerlichten Glaubenssätze getriggert werden. Durch die Angst vor erneuter Kritik, Schuld, Zurückweisung und negativen Gefühlen geht man in den Widerstand. "Ich darf nicht negativ auffallen, ich muss perfekt sein, sonst werde ich getadelt, beschämt und ausgegrenzt."
Das Ziel jedes Menschen ist, geliebt zu werden. Man tut also alles, um von anderen Menschen Liebe zu erfahren. Wer in der Kindheit Liebe nur dann erfahren hat, wenn er/sie artig und gut war, der hat eine ungesunde Beziehung zu "geliebt werden" verinnerlicht.
Liebe ist das zentralste Bedürfnis von allen Menschen. Jeder Mensch will bedingungslos geliebt werden.
Als Kind baut man zwei Arten von Beschützern auf:
A) den Widerstand = "Ich will nicht" oder "ich kann nicht"
B) den Anpasser = "Ich muss es können"
Der Anpasser ist ausschliesslich durch extrinsische Motivation bewegt zum Lernen. Bekommt das Kind Lob und macht alles "richtig", dann ist alles gut und ruhig. Doch bekommt das Kind Kritik, eine Belehrung oder eine schlechte Bewertung, dann muss es noch mehr Leisten. Das kann sich bis zur Erschöpfung zuspitzen. Ich war das angepasste Kind. Sogar im Erwachsenenalter tat ich alles bis zur Erschöpfung, um von meinen Eltern geliebt zu werden. Leider hat es nie funktioniert. Ich habe durch mehr Leistung nicht mehr Liebe erfahren. Ganz im Gegenteil... Heute lerne ich jeden Tag aufs Neue dieses alte Muster zu durchbrechen, meine Bedürfnisse wahr und ernst zu nehmen und mich auf meine Talente und Gaben zu konzentrieren...
Der Widerstand und er Anpasser wollen das Kind vor dem Versagen beschützen, vor den unangenehmen Gefühlen, die wir nicht fühlen wollen. (siehe dazu diesen Beitrag über Gefühle oder diesen Beitrag über Selbstheilung) Sie sind also für das Kind ein Schutz und deshalb gut!!!
Das Umfeld reagiert auf den Widerstand meistens mit Zurückweisung, Resignation, Hilflosigkeit oder Überforderung. Daraus resultieren Strafen, Kritik, Vorwürfe oder Forderungen. All diese Reaktionen helfen nicht. Das Kind glaubt, dass es nur geliebt wird, wenn es das macht, was die Erwachsenen von ihm erwarten. Es lernt nicht seine eigenen Bedürfnisse wahr und ernst zu nehmen, obwohl dies existenziell ist...
Doch der Widerstand ist sein Schutz, es ist der Versuch, das Bedürfnis nach Schutz, Geborgenheit und Akzeptanz zu erfüllen.
Wenn der Widerstand wiederkehrend gewaltsam gebrochen wird, wird das Kind seine eigenen Bedürfnisse aufgeben. Das Kind wird dadurch gebrochen. Seine Seele. Seine Persönlichkeit. Und als Folge wird es zum Anpasser. Das zerstört nachhaltig sein Urvertrauen in die Bindung mit anderen Menschen. Das wiederum kann zu psychischen Störungen, Depression, Angststörung, Rückzug, ADHS oder ADS führen.
Es gibt auch Kinder, die sind in der Schule der Anpasser und zu Hause im Dauerwiderstand. Mein Sohn zeigt dieses Verhalten sehr oft. Aber zu Hause darf sein Widerstand Platz haben. In der Schule wird dies nicht geduldet.
Dies hängt von den angeeigneten Glaubenssätzen ab. Wenn dem Kind wichtig ist akzeptiert zu werden, kein Nerd, Besserwisser oder Komischer zu sein, geht es in die Anpassung und vielleicht sogar in die Minderleistung, damit es nicht abgelehnt wird.
Falls sie gerade in einer solchen Situation feststecken und nicht weiter wissen, dann berate ich sie gerne in einem persönlichen Gespräch bzw. Umgang mit Kindern mit starken Widerständen... Denn mein Sohn zeigt sehr regelmässig Widerstände... Gerne kann ich sie dazu beraten und Tipps geben... Ich freue mich auf ihre Kontaktaufnahme!
Einige Gedanken mehr...
Unsere Gesellschaft, unser Schulsystem und unsere Politik basieren auf Erziehung und Regierung mit dem Instrument Angst. Die Polizei verteilt Bussen, in der Schule gibt es Tests und Noten, Bestrafung und Belohnung sind tief im System verankert.
Wie könnte es zu einer Verantwortungskultur kommen, in der jeder Mensch für sich und sein Handeln, seine Gedanken und Worte die Verantwortung übernimmt und trägt? Weg von Strafe und Lob, Hin zu Selbstverantwortung?
Zuerst müssten wir sichere Bindungen herstellen und schützen lernen. Keine gratis Belehrungen, keine Tipps und Ratschläge - sondern nur dann, wenn danach gefragt wird. Die sichere Bindung würde zu Selbstermächtigung und Selbstführung führen und jeder Mensch wäre bereit intrinsisch und mit Spass zu lernen und sich weiter zu entwickeln. Weg von Angst, Druck, Kontrolle und Strafen. Es braucht einen Kulturwandel. Wenn man in der Angst ist, ist man nicht OK und man dreht sich im Kreis. Man fühlt sich nicht glücklich und geborgen.
Auch innerhalb der Familie gibt es sehr viel Spielraum... Ich beobachte meine Haltung und meine Reaktionen achtsam und aufmerksam und mit sachlichem Abstand. Ich versuche eine neue Haltung einzunehmen, wenn ich bemerke, dass ich mich gerade verfangen habe. Die Angst, der Widerstand, die Wut und andere negative Gefühle wollen gesehen und integriert werden. Je mehr und je öfter wir versuchen, sie zu ignorieren, sie von uns weg zu stossen oder unter den Teppich zu kehren, umso heftiger kommen sie zurück...Sie verschwinden dadurch nicht... Lese dazu den Beitrag über Gefühle.


