Wenn das neurodiverse Kind Schwierigkeiten hat, Freunde zu finden...

Ein Freund ist jemand, der mich gern hat, obwohl er mich kennt...

Viele neurodiverse und sehr hochbegabte Kinder haben Schwierigkeiten, Freundschaften zu schliessen. Diese Kinder sind oft sehr einsam. Denn sie denken und fühlen anders, als "neuronormale" Menschen. 

 

Hochbegabte Kinder sind geistig schon viel weiter als ihre Altersgenossen und wünschen sich oftmals eine sehr tiefe Freundschaft. Gleichaltrige sind aber vielleicht nicht bereit und/oder fähig solch eine intensive Freundschaft einzugehen. Dies führt zu Missverständnissen und nicht selten zu seelischen Verletzungen.

 

Für normalbegabte Kinder können hochbegabte Kinder mitunter anstrengend sein, besonders wenn sie sich exzessiv nur für ein Thema interessieren oder zum Beispiel dauerquasseln. Hochbegabte Kinder haben zudem eine lebhafte Fantasie. Sie lassen andere auch gerne daran teilhaben - nur leider können normalbegabte Kinder diesen Ausführungen nicht folgen. Sie können nicht in diese Geschichten eintauchen und sie gemeinsam mit dem hochbegabten Kind "leben".

 

Anders herum sind normalbegabte Kinder für hochbegabte Kinder oftmals eintönig und langweilig, weil sie nicht die selben Fantasien, Interessen und die Tiefe daran mitbringen. Hochbegabte Kinder sind zudem ihren Altersgenossen oftmals voraus, was dazu führt, dass sie sich mit den Spielen die Gleichaltrige spassig finden, langweilen.

 

Das andere Denken und Fühlen führt häufig zu Missverständnissen und Kommunikationsschwierigkeiten. Denn wer will sich die ganze Zeit selbst erklären müssen. Jüngere Kinder wissen ja zudem nicht, was sie unterscheidet. Sie merken einfach, dass sie irgendwie anders sind, können dies aber nicht erklären. Warum sollten sie auch? Aus ihrer Sicht ist die Art wie sie denken und fühlen völlig normal. Sie realisieren nicht, dass andere Menschen nicht identisch fühlen und denken. 

 

Mein Sohn sagte: "Mein bester Freund ist die Luft. Die verletzt mich nie und ist immer da."

Sie bräuchten in der Schule Kontakt zu älteren Kindern, die ihren Interessen und ihrer Entwicklung eher entsprächen. Heute geht man davon aus, dass ca. 2% der Bevölkerung hochbegabt ist. Menschen mit sehr hohem IQ kommen entsprechend noch seltener vor. Dass man also da in der Klasse auf jemanden trifft, der ähnlich denkt und fühlt, ist sehr sehr unwahrscheinlich. Dem zu Folge müssen sie sich anpassen. Sie versuchen das natürlich. Manche Menschen schaffen dies auch total gut. Doch es ist grauenhaft anstrengend. Es ist ein täglicher Kraftakt. Es braucht soviel Energie, wenn man sich dauernd anpassen muss.

 

Es setzt die Fähigkeit voraus, dass man sich überlegt, was der andere gerade von einem für ein Verhalten erwartet und dieses dann entsprechend künstlich an den Tag legt. Diese Kinder können selten einfach nur sich selbst sein, so wie sie sind. Denn wenn sie das tun, dann stossen sie auf Unverständnis, auf Kritik, auf Tadel, auf Ausgrenzung, auf noch mehr Einsamkeit. Wir alle wollen geliebt werden. So ist der Umkehrschluss, dass wir die Anstrengung der Anpassung auf uns nehmen, um nicht ausgegrenzt - ja geliebt zu werden. Leider klappt es oftmals nicht besonders gut… Es ist auch total anstrengend, wenn man sich dauernd unter seinem Niveau bewegen muss. Und das meine ich jetzt nicht abwertend! Das ist absolut nicht meine Absicht zu behaupten, Hochbegabte seien mehr wert, als andere. Ich möchte damit lediglich aufzeigen, dass es anstrengend ist, nicht in seinem Tempo und in seinem Wissenstand arbeiten zu können. Das fühlt sich so an, als würde man mit angezogener Handbremse Autofahren. Und das ist echt nicht gut für den Motor, die Pneus, die Bremsen und das Getriebe!!

 

Ich will hier auf die Problematik hinweisen, dass es für Menschen, die so komplett anders denken und fühlen schwierig ist, sich in der Gesellschaft zurecht zu finden. Schon alleine deshalb, weil es selten jemanden gibt, der es wirklich verstehen kann. Es gibt selten jemanden, mit dem man WIRKLICH diese tief gehenden Gespräche führen kann, mit dem man seine vielen Gedanken teilen kann, mit dem man sich zutiefst verbunden fühlt. 

 

Denn verstehen kann dies womöglich nur jemand, der ähnlich denkt und fühlt… Und solche Menschen sind ja eben so selten zu finden...

 

Wenn man sich anpasst, beherrscht man sich dauern, man muss sich zurück nehmen, man überlegt sich immer mehrmals, ob man dies nun sagen soll und darf oder besser nicht. Man vergleicht sich selbst dauernd mit den anderen und übernimmt gewisse Verhaltensweisen von anderen Menschen, von denen man glaubt, sie wären angebracht oder besser, als die eigenen intuitiven Reaktionen.

 

Dies führt zu einem falschen Selbstbild und zu einem verkümmerten Selbstwertgefühl. Verhalte ich mich korrekt? Bin ich OK? Mögen mich die anderen? Man kann selten aus dem Herzen sprechen und das sagen, was einem gerade auf der Zunge brennt. Entweder weil es die anderen schlichtweg nicht interessiert, oder weil sie es nicht verstehen, oder weil sie mich dann komisch finden würden, oder weil ich zu ehrlich bin und sie deshalb verletzten könnte.

 

Obwohl letzteres leider trotzdem oft passiert. Nicht weil man andere extra verletzen möchte, sondern weil man einfach total ehrlich und direkt ist…Habe ich wieder etwas gemacht oder gesagt, das die anderen komisch finden und das sie nicht verstehen?

 

Da wird man sehr sehr eingeschränkt in seinem natürlichen Verhalten. Denn dies führt bei anderen Menschen zu Irritation, Unverständnis und zu Ablehnung oder sogar Neid. Ja Neid ist auch ein grosses Thema. Die anderen finden dann man sei arrogant, besserwisserisch oder anstrengend, weil man so viel redet. Oder sie sind schlichtweg eifersüchtig. Eifersucht entsteht immer daraus, dass man Gedanken denkt, die nichts mit der Wahrheit und der Realität zu tun haben. Man sieht immer nur einen Teilaspekt des anderen. Wenn man sich aber bemüht, sich in die andere Person hinein zu fühlen bemerkt man plötzlich, dass auch die andere Person Herausforderungen zu meistern hat. Einfach halt andere...

 

All diese Aspekte, die zur Persönlichkeit einer hochbegabten Person gehören, die Teil ihrer Selbst sind, führen oftmals bei anderen Menschen zu Unverständnis, Irritation und Ablehnung. Und das kann schon sehr schmerzhaft sein. Dies zu erfahren kann vor allem bei kleinen Kindern sehr traurig und einsam machen. Es führt dazu, dass der hochbegabte Mensch denkt, mit ihm sei etwas nicht in Ordnung. Er denkt, er wäre ein Alien auf einem fremden Planeten. Je mehr man das Gefühl hat, dass man nicht OK ist und je mehr man versucht sich anzupassen, umso grösser wird die seelische Not. Das ist verheerend für die Psyche eines hochbegabten Menschen.

 

Deshalb kann ich nur darum bitten, dass wir aufhören mögen, andere Menschen zu schubladisieren und sie zu verurteilen, bloss weil wir ihr Verhalten nicht verstehen oder nachvollziehen können. Erlauben wir uns doch immer mindestens einen zweiten Blick und erlauben wir uns doch häufiger, mal einfach beim anderen nachzufragen... Fragen, warum er/sie etwas so macht, wie er/sie es eben macht. Fragen, was das Gegenüber bewegt oder was es denkt.... Mehr Interesse und Mitgefühl - ja das wünsche ich mir!

 

EVE-ON

Yvonne Hiltebrand

Rebweg 8, 8181 Höri

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