Zitate aus dem Buch „Der aussergewöhnliche Mensch. Genie, Talent, Hochbegabung im 21. Jahrhundert“ von Alexander Hans Gusovius

<<Landläufig verbindet man mit dem Begriff des aussergewöhnlichen Menschen aussergewöhnliche Taten, die zu vollbringen ein normaler Mensch nicht imstande wäre - insbesondere solche Taten, die in irgendeiner Weise herausragende Bedeutung erlangt haben für die Welt, in der wir leben.
Bei genauerem Nachfragen stellt sich heraus, dass aussergewöhnliche Taten keineswegs von allen Menschen als aussergewöhnlich angesehen werden. Je nach Wertehaltung, Kultur und Prioritäten gelten andere Taten als aussergewöhnlich.
Um als aussergewöhnlicher Mensch zu gelten (und grundsätzlich jeder Mensch jeden Charakters und jeder gesellschaftlichen Schicht scheint dazu befähigt), muss jemand seinen Mitmenschen oder der Nachwelt ins Auge fallen, muss er sich aus der Masse der gewöhnlichen oder unspektakulären Schicksale herausheben und mit besonderen Taten für sich einnehmen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang das Wort "aussergewöhnlich" selbst. Es sagt, wenn man es in seine Einzelteile zerlegt, dass jemand (oder etwas) sich ausserhalb befindet, und zwar ausserhalb des Gewöhnlichen, was so viel heisst wie: ausserhalb des Wohnens, des üblichen Bereichs, in dem jemand üblicherweise anzutreffen ist. (…) Denn wer Taten vollbringt, die anders sind als gewöhnliche Taten, der ist wohl auch anders. Und wer anders ist, gehört nicht dazu, hat seine Wurzeln anderswo, wohnt also auch - abstrakt gesprochen - an einem anderen Ort. (…) Es liegt natürlich auf der Hand, dass jeder aussergewöhnliche Mensch so etwas wie eine Mischform aus Anlagen und Umständen ist, wie letztlich alles aus unserer Welt. Wenn Umstände und Anlagen gut harmonieren, was gewiss selten der Fall ist, mag ein grosses Genie seinen erfolgreichen Gang durch die Welt antreten.

Liest man sich durch Biografien und Erzählungen von aussergewöhnlichen Menschen, dann liest man oft vom Phänomen des Wunderkindes, das als Erwachsener häufig gewöhnlich sein Leben zu bestreiten versuchte. Oder von einem verrückten Genie, von Depressionen, Selbstmorden, Substanzsucht, oder anderen tragischen Lebensläufen.
Aussergewöhnliche Menschen verfügen über aussergewöhnliche Fähigkeiten, haben wir festgestellt. Und wie unterscheiden sie sich von gewöhnlichen Fähigkeiten? In der Richtung, die sie nehmen, und in einer gänzlich anderen Qualität.
Gewöhnliche Fähigkeiten haben die Eigenschaft, ihre Träger lediglich in den Stand zu versetzen, an den Vorgängen der Welt teilzuhaben. Gewöhnliche Fähigkeiten passen sehr gut in die Gegebenheiten unserer Welt, und den Trägern selbst bleibt in der Regel nichts anderes übrig, als sich an die Gegebenheiten fügsam anzupassen. Die Kraft, die sie dabei entfalten, ist die Kraft des Bewahrenden, der Unterstützung, der Ruhe, des Nichtverantwortens, der Langsamkeit. Den Entwicklungslinien der Welt folgen sie sehr behutsam und haben nur insofern an ihnen teil, als sie dem sanften Druck nach Veränderung, der unserer Welt innewohnt, noch sanfter entsprechen.
Gewöhnliche Menschen hinterfragen höchst ungern die Welt, in der sie leben, und sich selbst natürlich noch viel weniger. Die Kraft, die dazu notwendig wäre, jagt ihnen Angst ein, und so meiden sie alles, was mehr Fragen aufwirft als an Antworten schon bereitsteht. Sie nennen das gern Respekt oder Demut und formen eine Moral daraus, die Gefahr läuft, nichts als eine Moral des Stillstands zu sein.
Aussergewöhnliche Menschen dagegen tun sich mit der Welt, wie sie ist, meist ausserordentlich schwer. Ihre Anlagen suggerieren ihnen ständig, dass die Entwicklung der Welt, in der sie nur notgedrungen und stark eingeengt zu leben meinen, viel zu langsam verläuft. Nichts geht ihnen schnell genug. Vielmehr scheint es ihnen, dass man zur Erlangung glücklicherer Lebensumstände etliches in der Welt rasch verändern müsste. Ihre Anlagen liefern ihnen dafür auch unentwegt Anschauungsmaterial.

Was immer neu ist, reizt sie, eine ungeheure Unruhe treibt sie voran. Es ist die Lust an Veränderung, die sie bald auch dahinbringt, aus freien Stücken und ohne grosses Zaudern Verantwortung zu übernehmen. Aussergewöhnliche Menschen leiden sozusagen förmlich unter Visionen, die sich ihnen fortwährend aufdrängen, ohne Zahl, lebenslang. Gelingt es ihnen tatsächlich, ihre Visionen in neue Tatsachen umzumünzen, werden sie gern gefeiert.
Die Kehrseite solchen unruhigen Strebens ist, dass aussergewöhnliche Menschen sich nur sehr schwer, im Grunde gar nicht, einpassen können. Denn wo man sich anpasst, versickert die visionäre Anlage. Nutzlos ist also der Tag, an dem man das Bestehende nur bewahrt und nichts verändert, sinnlos alle Arbeit, wenn sie nicht täglich wenigstens einen neuen Aspekt hervorbringt und neues Licht auf die Gegebenheiten wirft - damit man sich anderntags gleich wieder emsig auf die Verbesserung des Bestehenden stürzen kann. Und ist ein Werk einmal vollbracht, dauert es nur ganz kurze Zeit, bis ein neues lohnendes Objekt des Schaffens und Hervorbringens ausfindig gemacht ist. Auch die Beschäftigung mit zwei oder mehreren Werkstücken gleichzeitig ist normal.
Allen aussergewöhnlichen Menschen gemeinsam ist ein beständiger Hang, alles und jeden zu hinterfragen. Es liegt am Geschick des Einzelnen, ob er seiner Umwelt damit mehr oder weniger auf die Nerven fällt. Belastend für die gewöhnliche Welt ist dieses unablässige Hinterfragen aber in jedem Fall und wird gern mit Respektlosigkeit und Arroganz verwechselt. In Wirklichkeit ist es jedoch nur die Folge und der Ausdruck von viel höherem Respekt, als gewöhnliche Menschen einsichtig erscheint. Die Hinterfragung soll ja nichts anderem als der Verbesserung dienen, sie ist kein grundsätzliches Negieren, sonder ein affirmatives Aufbauen und Weiterentwickeln.
(…)
Selbstverständlich sind nicht alle aussergewöhnlichen Menschen gleich. Ihre Unterschiede machen sich an den Tätigkeiten fest, die sie aufnehmen, an ihren Berufen und spezifischen Talenten. Und doch ähneln sie alle sich frappant, genau wie oben skizziert, und können sich darum untereinander jederzeit gut verständigen. Nur die Verständigung mit den gewöhnlichen Menschen fällt ihnen schwer, weil die einfach nicht verstehen können, was ihr Antrieb ist und warum die lästige Unruhe und der ständige Drang, alles besser machen zu wollen, nicht zwanghaft im Sinne einer Neurose sind, sondern zwanghaft im Sinne dessen, was man erkennt.
Grob skizziert gibt es folgende unterschiedliche Typen von aussergewöhnlichen Menschen:
A) den Künstler (als Schöpfer = Dichter, Komponist, Maler, Bildhauer; oder als Virtuosen = Schauspieler, Musiker, Regisseur…)
B) den Wissenschaftler (als Theoretiker oder als Praktiker)
C) den Tätigen ( als Begründer = Unternehmer, Erfinder, Politiker; als Ausführenden = Handwerker, Bauer, Dienstleister)
D) den Helfer (als Forschenden oder als Gebenden)
(…)

Andererseits ist Einsamkeit ein geradezu bestimmendes Merkmal des aussergewöhnlichen Menschen, das vor Kinder nicht haltmacht. Einsamkeit, wie der erwachsene Mensch sie kennt, scheint zunächst ein unpassender Bergriff zu sein im Zusammenhang mit den gewöhnlich so froh und unbeschwert spielenden Kindern. Es soll hier auch nicht die Rede sein von im Wortsinn vereinsamten Kindern, deren frühe Genialität sie zwingt, abgesondert von der fröhlich lärmenden Schar ihrer Altersgenossen in Studierstuben über Bücher gebeugt zu sitzen und lupenähnliche Brillen zu tragen. So etwas ist ein Klischee. Im übrigen sind ausnahmslos alle Kinder, entgegen dem Augenschein, ein wenig einsam. Das bunte Bild ihres sorglosen Spiels trügt ausserordentlich, denn in Wahrheit ist Spielen für Kinder höchster Ernst: Kinder stellen im Spiel sehr konzentriert die Handlungen und Verhaltensweisen von Erwachsenen nach.
(…)
Kinder jedoch, die schon aussergewöhnliche Menschen sind, oder dabei sind, es zu werden, erleben die kindliche Einsamkeit um ein Vielfaches stärker - wenn auch nicht als belastender. Denn vor aller kindlichen Last am Leben steht auch bei aussergewöhnlich begabten Kindern ihre überbordende Lebensenergie, die sie die Nöte und Schwierigkeiten von einer Minute auf die andere vergessen lässt. Und doch verläuft die Kindheit aussergewöhnlicher Menschen ungleich härter.
Was ihre an und für sich natürliche Einsamkeit so eminent verschärft, ist ein Unverstandensein, das kategorisch im Gegensatz steht zur Einsamkeit gewöhnlicher Kinder - denen reichlich das Gefühl zuteil wird, dass all ihr Trachten und Üben zwar noch nicht ausreichend sei, im Prinzip aber in die richtige Richtung gehe. So belastend das schon sein mag, so viel natürlichen Ausgleich erfährt es jedoch auch. Um wieviel schwieriger wird aber das kindliche Leben, wenn die kindlichen Antriebe bereits im Ansatz nicht verstanden werden…
Es fehlt dann ein Gutteil hochnotwendiger Geborgenheit. Und so besteht das Kernproblem der Kindheit von aussergewöhnlichen Menschen darin, dass die später sich erst voll entfaltende Andersartigkeit zu groben Missverständnissen führt und sich in der Folge in frühen Auffälligkeiten äussert. Solche Kinder sind häufig sprunghafter und unruhiger, sie wirken launischer und vor allem unberechenbarer als andere. In den Augen der sie umgebenden gewöhnlichen Welt sind sie irgendwie nur sonderbar, und dafür werden sie nicht selten auch grob sanktioniert. (…)
Aussergewöhnliche Kinder haben nämlich nur selten das Glück, in eine aussergewöhnliche Familie hineingeboren zu sein, was das Verstandenwerden erheblich erleichtern würde. Zwar findet man häufig, dass wenigstens ein Elternteil auch schon über eine gewisse Veranlagung zum Besonderen verfügt, aber das Besondere ist in der Regel nicht ausgeprägt oder im Alltag verkümmert, weil unbeachtet geblieben. Spätestens unter Geschwistern wird ein solches Kind sich noch viel einsamer fühlen. Es ist auch eher selten der Fall, dass in einer Familie mehrere besonders veranlagte Kinder auftauchen, und die gewöhnlichen Geschwister werden meist deutlich vorgezogen. Sie sind eben unproblematischer und machen es der einfachen Elternliebe weniger schwer, Wege für Zuneigung und Anerkennung zu finden, die in unserer Welt leider eng ineinander verzahnt sind. Natürlich wird auch aussergewöhnlichen Kindern ein gewisses Mass gewöhnlicher Anerkennung zuteil. Nur erstreckt die sich eben auf Felder und Gegebenheiten, die ihnen nicht besonders wichtig sind. Und das hat Gründe.
Zum einen fällt ihnen das, was für normale Kinder im Mittelpunkt der Weltaneignung steht, häufig recht leicht. Lob in dieser Richtung erscheint ihnen darum eher als überflüssig, was sie gern auch noch zeigen, allein um die Anerkennung in richtige Bahnen zu lenken, hin zu dem, was ihren besonderen Anlagen entspricht und ihnen darum viel lobenswerter erscheint. Das kindliche Leben wird davon nicht unbedingt leichter, Erwachsene lassen sich nicht gern dreinreden.
Zum andern wird das, wofür diese Kinder eben gelobt werden wollen, häufig nicht wahrgenommen. Zugegebenermassen ist es für Normalsterbliche auch nicht ganz einfach zu begreifen, was sich hinter dem kindhaften Treiben sonst noch verbergen könnte, zumal die Verhaltensauffälligkeit besonders veranlagter Kinder für sie in die Gegenrichtung zu zeigen scheint. Da ihnen der eigene Sinn mehr nach deftiger Hausmannskost steht, bleibt ihnen der Sinn eines Kindes für ausgesuchte, feinere Speisen mindestens suspekt: und meistens verborgen.
Endgültig schwierig wird es, wenn die besonderen Talente, die diese Kinder unterwegs sind auszuprägen, ihr einfaches Tun überlagern, wenn also Interferenzen entstehen. Wesentlicher Grund für solche Interferenzen ist stets ihr frühes, aber noch amorphes und unentwickeltes Bewusstsein, das sich gewissermassen verstolpert, oder, in einem anderen Bild zu sprechen: sich wie ein Jungfohlen auf der Weide austobt und nach allen Himmelsrichtungen ausschlägt.

Was oft falsch verstanden wird ist, dass sich solche Kinder nicht gestellten Aufgaben entziehen wollen, sondern dass sie mittels ihres Geistes die Tätigkeit zu beschleunigen oder zu erleichtern versuchen, indem sie unkonventionelle Methoden anwenden. Solche Kinder verfügen zudem über reichlich Kreativität, was natürlich in der Ausführung einer einfachen Aufgabe oftmals zum tragen kommen kann. Eltern oder Lehrpersonen sehen dann einfach, dass das Kind nicht die gestellte Aufgabe erledigt, sondern etwas ganz anderes zu tun scheint und verstehen nicht, was im hochaktiven Bewusstsein des Kindes vor sich geht. Bei kleineren Kindern kommt es dann erschwerend dazu, dass diese vielleicht gar noch nicht in der Lage sind, zu erklären, was sie tun. Womöglich wissen sie das auch gar nicht, denn sie sind sich selbst am erfahren und am ausprobieren.
So kommt es häufig vor, dass ein gewisser Anpassungsdruck auf die Kinder ausgeübt wird. Dass sie gezwungen werden, sich dem Tempo und der Arbeitsweise ihres Umfeldes anzupassen. Dies kann zu ätzender Langeweile, Unterforderung und Frust führen. Was wiederum zu auffälligem Verhalten führen kann.
(…) Dieser Anpassungsdruck ist keineswegs nur Folge der normierten Erwartungen der Lehrpersonen. Sondern der Anpassungsdruck wird wesentlich von den anderen Kindern miterzeugt, was nicht verwundert. Schliesslich ist die gesamte innere Existenz der allermeisten Kinder darauf gerichtet, mittels Anpassung an die Welt sich die Welt zu erwerben. Und da sie nichts anderes kennen und erleben, drücken sie Kinder, die anderen Strategien folgen, gerne zur Seite. Ein hochbegabtes Kind kann in einem solchen Seelenbiotop regelrecht verkümmern: wenn es seine Fähigkeiten nicht sogar verleugnet, leider auch vor sich selbst. Oder es sucht sich für seine Fähigkeiten andere als die schulischen Wege und verblüfft dann zwar von Zeit zu Zeit mit höchst ungewöhnlichen Einsichten und Fertigkeiten, vermag aber den einfachsten schulischen Anforderungen nicht standzuhalten.
Kinder mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten, deren inneres Streben im Vorgriff aufs Erwachsenenleben immer auch auf Veränderung ausgerichtet ist, werden durchaus hunderte, tausende Male versuchen, sich in ihrem Sinn verständlich zu machen. Sie wollen, wie alle anderen Menschen auch, so angenommen werden, wie sie sind. Irgendwann aber ist auch die Hinnahmefähigkeit dieser Kinder erschöpft, wenn das ersehnte Verständnis nicht eintritt. Was dann geschieht ist Einkapselung und Absonderung aus eigenem Antrieb. Solche Kinder können sehr leicht dahin kommen, dass sie vollbewusst Seitenwege gehen und das einzige Verständnis; das sie erfahren, nämlich Kopfschütteln, noch verstärken: wenn sie merken, dass es sich mit der Aura des Sonderlings ganz gut leben lässt. Haben sie das Fehlurteil über sich erst einmal hingenommen, eröffnen sich ungeahnte Freiheiten. Nur dadurch ist es auch möglich, dass ihre aussergewöhnlichen Fähigkeiten sich ungestört weiterentwickeln. Es scheint so, dass dies, die Entwicklung ihres Potentials, ihnen das Wichtigste ist, dass sie alles andere dem unterordnen, in früher, sehr kindlicher, halbbewusster Art. Die treibende Kraft dabei ist dieses Halbbewusstsein, das sie von gewöhnlichen Kindern so sehr unterscheidet. Es ist ein Frühstadium von Bewusstsein und gewissermassen eine Art höheren Instinktes, wenn man es mit dem entwickelten Instinkt der anderen Kinder für die Dinge der Welt vergleicht. Dieses Halbbewusstsein leitet sie an, ihrer inneren Stimme zu folgen und Situationen aufzusuchen, in denen ihre Fähigkeiten sich ungestört weiterentwickeln können.
(…)Und darum kann man beobachten, dass die aussergewöhnlichen Menschen in ihrer Kindheit immer Sonderwege gegangen sind. In irgendeiner Form haben sie alle sich eingekapselt und abgesondert und in ihrer Kindheit und Jungend Dinge getan, die andere nicht getan haben. Sei es, dass sie, was fast auf alle besonderen Kinder zutrifft, gern einsame Orte aufsuchten, sei es, dass sie sich neben der Schule eigene Lehrer erwählten, etwa in Gestalt eines seltsamen Kauzes, der viel zu erzählen hatte, allgemein aber nur abschätzig behandelt wurde, sei es, dass sie ihren Begabungen, zum Beispiel musikalischen, alles unterordneten und ein doppeltes Lernprogramm ohne jede Klage auf sich nahmen, sei es, dass sie unentwegt und ohne Ende Bücher lasen oder im Selbststudium dem Schulstoff weit vorgriffen, sei es, dass sie lieber mit Tieren als mit Menschen ihre Zeit verbrachten - oder sei es einfach so, dass sie immer mehr schwiegen und ihr eigenes Urteilsvermögen, den verborgenen Fähigkeiten angemessen, dadurch enorm steigerten. (…)
All diese Gegebenheiten führen wohl dazu, dass aussergewöhnliche Menschen Sonderwege einschlagen und sich nie vollkommen wohl fühlen innerhalb der Gesellschaft.
(…)Denn wer im Leben früh Bestätigung innerhalb der Gesellschaft und des Systems erfuhr, wird seine Umgebung und das eigene Leben selten ernsthaft hinterfragen. Es besteht dazu keine Notwendigkeit. Sondern die kindliche Angepasstheit mündet mehr oder weniger problemlos in eine erwachsene Angepasstheit, so dass die Berufswahl, die Partnersuche und vieles andere mehr keine echten Schwierigkeiten bereiten. Die üblichen kleinen und grossen Krisen wie Liebesleid oder Karriereknick, Krankheit oder Ehequal sind nur das Ferment im Gleichlauf der sonstigen Gewöhnlichkeit. Sie geben keinen Anhaltspunkt für aussergewöhnliche geistige Beweglichkeit.

(…)Ganz anders im Fall aussergewöhnlicher Menschen. Ihr Leben ist, wenn man so will, eine permanente Krise, und jeder einzelne gelebte Tag gibt Anlass zuhauf, neue Strategien zu entwickeln und alles ganz anders zu sehen und anzugehen als bisher. Sie bedürfen keiner vehementen Einschnitte in ihr Leben, um neu anzusetzen. Allzu harte Schnitte in Form von Schicksalsschlägen werden im Gegenteil als höchst bedrohlich erfahren und können auf der Grundlage ihrer angespannten geistigen Motorik, die auf der Gegenseite ein labiles Gleichgewicht nach sich zieht, sogar den Untergang bedeuten.
Die Berufswahl fällt aussergewöhnlichen Menschen darum nur dann leicht, wenn ihre Begabungen immer schon offen zutage traten. Viel häufiger bringt es ihre komplexe und darum verdeckte Begabung mit sich, dass ein berufliches Ziel das andere ablöst, in schneller Folge. Dann aber wechseln nicht nur die Arbeitsplätze rasch, sondern auch die Ausbildungsgänge. Aussergewöhnliche Menschen ergreifen im Lauf ihres Lebens oft viele Berufe und machen sich irgendwann gern selbstständig. Sehr unangenehm ist für ihre gewöhnliche Umgebung, dass ihre geistige Beweglichkeit sie mit Leichtigkeit auch in berufsfremde Fragen und Sachverhalte hineinfinden lässt.
Dies führt auch häufig zu Unterforderung, Langeweile und durch langsame oder/und unlogische Prozesse am Arbeitsplatz zu Frust. Besonders dann, wenn diese Prozesse nicht geändert werden können. Ganz zu schweigen von Konflikten mit Vorgesetzten, die mit aussergewöhnlichen Menschen nicht selten überfordert sind und sie nicht verstehen.
Aussergewöhnliche Menschen schaffen sich ihre Krisen ständig selbst und sind viel zu sehr in der Lage, hinter die Vorhänge der zeitgeistigen Erscheinungen zu schauen. Und das verdirbt schnell den Appetit.>>
Wann oder warum empfinde ich tiefes Glück?
Gibt es Menschen, die mit Dienst nach Vorschrift zufrieden und glücklich werden? Für mich unvorstellbar…
Da frage ich mich nun natürlich, wie jemand wie ich, in diesem System überhaupt funktionieren kann? Wo gibt es für mich ein Schlupfloch? Denn nur das Schlupfloch scheint praktikabel...
In diesem Buch habe ich die Bestätigung gefunden, warum mein bisheriges Leben so verlief, wie es eben passiert ist... Ich kann allen aussergewöhnlichen Menschen nur empfehlen, es zu lesen.
