Vergessen Sie niemals: Ihr Feind ist die Langeweile und nicht irgend ein abstraktes Scheitern. Das Schlimmste was passieren kann, ist eben nicht, mit Pauken und Trompeten Schiffbruch zu erleiden, sondern die tödliche Langeweile als erträglichen Status Quo zu akzeptieren. Timothy Ferriss
Wissenschaftliche Definition von Hyperfokus
Wenn Jugendliche, Kinder oder Erwachsene sich für ein spezielles Thema interessieren, können sie hoch konzentriert und motiviert dranbleiben. Sie tauchen dann so tief in die Materie ein, dass alles andere nebensächlich wird. Sie können sich dadurch zu absoluten Expertinnen und Experten des Themas manövrieren, vergessen dabei allerdings oftmals auch grundlegende Dinge, wie Essen, Schlafen oder Körperhygiene.
Ist ihr Interesse geweckt, können sie sich so stark mit einem Thema beschäftigen, tief abtauchen und stundenlang hochkonzentriert arbeiten, wie kaum ein Mensch ohne Hyperfokus. Von vielen aussergewöhnlichen Menschen wird angenommen, dass sie ihre Entdeckungen und Erkenntnisse dem Hyperfokus verdanken. Um nur einige Beispiele zu nennen: Einstein und seine Relativitätstheorie, Leonardo da Vinci's Erfindungen und Kunstwerke, Napoleon Bonaaparte's Aufstieg zum Kaiser oder Ludwig van Beethoven's Musik. Sie alle waren aussergewöhnlich. (was das bedeutet könnt ihr hier lesen.)
Nicht selten bedeutet es auch:
Im Kopf schon weiter
Im Hyperfokus erfasst der Mensch Themen oft sehr schnell und tief — dadurch kann sich ein Gespräch oder der Unterricht, die Arbeit für die betroffene Person langsam anfühlen, obwohl das Gegenüber sich aktiv beteiligt, der Unterricht für alle anderen Kinder in gutem Tempo stattfindet oder die Arbeit für neurotypische Menschen herausfordernd ist.
Sich auf keine anderen Gesprächsinhalte einlassen können, was zu zwischenmenschlichen Konflikten führen kann.
Menschen, die sich mit dem Thema nicht so gut auskennen, finden es dann total anstrengend, wenn die Person von nichts anderem sprechen kann und sich für nichts anderes zu interessieren scheint. Small Talk kann für eine betroffene Person anders herum total ätzend und öde sein. Beide Seiten fühlen sich dann unverstanden und man findet keinen gemeinsamen Konsens.
Sich temporär für nichts anderes zu interessieren und begeistern zu können, kann sehr einschränkend und belastend sein
für sich selbst und das Umfeld. Menschen mit Hyperfokus vernachlässigen oftmals alles andere, was in ihrem Leben ebenfalls wichtig und notwendig ist. Sie merken sehr wohl, dass sie diese Dinge vernachlässigen, was zu Stress und Konflikten führen kann. Auch Enttäuschungen sind vorprogrammiert, wenn das Kind zum Beispiel jemanden findet, der sich ebenfalls für DAS Thema begeistert, dann aber irgendwann nicht mehr dauernd darüber sprechen möchte und sich wieder auf andere Menschen konzentriert.
Prokrastination
Auch bekannt als Aufschieberitis – weil man sich nicht dazu aufraffen kannst, etwas anderes zu beginnen oder abzuschließen, aufzuräumen oder Hausaufgaben zu machen, die ätzend langweilig sind.
Wenn die Schulleistung leidet
Auch kann es vorkommen, dass das betroffene Kind keinen anderen Stoff aufnehmen kann. Ganz so als wäre das Gehirn komplett mit dem Hyperfokus ausgelastet und könnte sich mit nichts anderem mehr befassen.
Wenn niemand den Hyperfokus versteht...
ziehen sich viele Kinder und Jugendliche in ihre Welt zurück und sind dann nicht mehr erreichbar. Sie kapseln sich ab, weil sie sich so total fremd und anders fühlen in dieser Welt.
Nicht abschalten können und sich getrieben fühlen
Perfektionismus, hohe Erwartungen an sich selbst, hoch gesteckte Ziele, hohe Erwartungen an andere und dann die Enttäuschung, wenn diese die Anforderungen nicht erfüllen können. Einen andere Menschen mit demselben Hyperfokus zu finden ist heute zwar nicht mehr ganz ausgeschlossen (Social Media sei Dank), gleichzeitig aber auch extrem schwierig. Denn vielleicht will man sich ja auch live austauschen. Bei Kindern kommt hier oft Frust hinzu, wenn sie dazu gezwungen werden, ihre aktuelle Aktivität zu unterbrechen - sei es um etwas zu essen, oder weil es Bildschirmzeiten gibt...
Sprunghaftigkeit, keine ewige Ausdauer
Ein Mensch mit Hyperfokus kann sich schnell für etwas begeistern, tief tauchen, alles aufsaugen und wenn es nichts mehr zu holen gibt, das Thema genauso schnell abhaken und weiter ziehen.
Hyperfokus und Spezialthemen

Im Autismusspektrum gibt es Menschen, die sich sehr intensiv und exzessiv mit Spezialthemen befassen können. Der Unterschied zum Hyperfokus liegt darin begründet, dass das Spezialthema bei diesen Menschen oftmals über Jahre hinweg gepflegt wird. Ein Mensch mit Hyperfokus kann den Fokus wechseln, sobald das Thema ausgeschöpft ist. Es kann aber durchaus auch vorkommen, dass jemand auf sein Spezialthema hyperfokussiert.
Mein Sohn zum Beispiel hatte in den letzten sieben Jahren einen Hyperfokus auf Lego. Das war gleichzeitig sein "Spezialthema und sein Hyperfokus". Alles in seinem Alltag drehte sich nur um dieses Thema. Er hat sich im Kopf neue Bauprojekte ausgedacht, Stop-Motion Filme gedreht, sich ständig über neue Sets informiert, alle Youtuber gekuckt, die irgendetwas über Lego zu berichten wussten, alle Originalfilme aus allen Themenwelten von Lego geschaut und natürlich so oft wie möglich gebaut. In den Ferien fuhren wir vorzugsweise ins Legoland oder zu einem Legomuseum, alle erhältlichen Bücher, alle Namen der Einzelteile und Farben, alle Namen ALLER(!!) erhältlichen Lego-Minifigures wurden auswendig gelernt und verinnerlicht. Unterdessen stellt er seine MOCs (My own creation) an Ausstellungen in der Schweiz aus. Er ist quasi ein wandelndes Lego-Lexikon. Nun ist das Thema aber durch. Es ist nicht mehr spannend. Unterdessen langweilt es ihn sogar fast. Es fordert ihn nicht mehr genügend heraus.
Nebenbei hatte er nebenbei auch ganz viele andere Themen, bei denen er hyperfokussiert hat, die kein Spezialthema wurden. Er interessierte sich so ziemlich für alles phasenweise: Antike, Mittelalter, Römer, Griechen, Starwars, Samurai und Ninja, Meeresbiologie, Philosophie, und so weiter und so fort. Auch hier hat er alle Infos wie ein Schwamm in sich aufgesaugt, die er kriegen konnte, bis er gesättigt war. Sowieso passiert alles Phasenweise. Eine Hyperfokus-Phase löst die nächste ab.

Welche Strategien gibt es, um Hyperfokus in eine Stärke zu verwandeln?
Hyperfokus ist eine besondere Stärke — wenn du ihn bewusst einsetzen lernst.
Der erste Schritt ist zu erkennen, zu merken, wenn du (oder dein Kind) in den Hyperfokus rutschst. Dies ist gar nicht so einfach, denn wenn man hyperfokussiert kann man ohne Weiteres alles andere ausblenden. Dann spürt man kein Hungergefühl, keinen Durst, keine Müdigkeit. Das heisst der erste Schritt ist, dies überhaupt wahrzunehmen. Und dann zu unterscheiden, ob der Hyperfokus gerade zu Produktivität und Tiefe führt, oder ob er Energie raubt. Diese Selbstbeobachtung tönt jetzt vielleicht banal, aber es ist die Grundlage um Probleme zu vermeiden.
Wenn mein Sohn hyperfokussiert, dann spürt er sich meistens nicht mehr. Er nimmt dann seinen Körper nicht mehr wahr und merkt erst, wenn es schon ultradringend ist, dass er z.B. auf die Toilette muss oder Hunger hat. Das hat schon dazu geführt, dass er erst bemerkt hat, dass er eigentlich etwas essen sollte, nachdem er einen Schwächeanfall erlitten hatte.
Deshalb ist es zentral - vor allem für Kindern - seinen KÖRPER zu spüren. Dies gelingt, indem man sich zum Beispiel regelmässig Timer setzt die klingeln und die daran erinnern, kurz innezuhalten und in den Körper hinein zu spüren und tief durchzuatmen. Solche Übungen lassen sich gut mit Kindern durchführen. Manchmal kann das sogar total lustig und spassig sein. Frische Luft und einen kurzen Spaziergang, etwas trinken und essen... es erscheint banal. Doch diese Dinge sind extrem wichtig.
Der Zustand des FLOW, also des völligen Aufgehens in einer Aufgabe mit dem Verlust des Zeitgefühls, ist vielen kreativen Menschen bekannt. Die Abgrenzung zum Hyperfokus ist schwierig. Beide Zustände sind vergleichbar, die Menschen mit Hyperfokus haben jedoch kaum Einfluss auf Anfang und Ende des Zustandes. Sie müssen fast mit Zwang aus den Situationen gelöst werden. Was bei Kindern oftmals zu Konflikten und Stress führt. Es gilt auch ein spezielles Augenmerk auf z.B. Videogames zu haben. Denn diese können süchtig machen. So mündet ein anfänglicher Hyperfokus nicht selten in einer Spielsucht... Und das wünscht sich niemand.
Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass Kinder, die hyperfokussieren sehr viel Begleitung und einen möglicherweise engeren Rahmen brauchen, in dem sie sich bewegen können, als Kinder, die nicht hyperfokussieren. Das Kind aus dem Hyperfokus zu "reissen" und es für etwas anderes zu motivieren ist Schwerstarbeit. Es ist immer mit Widerstand und Diskussionen verbunden. Das ist anstrengend für beide Seiten. An manchen Tagen gelingt es gut. An anderen ist es ein Kampf. An manchen Tagen erkennt mein Sohn, dass es gut und notwendig ist, an anderen Tagen findet er es einfach nur total ungerecht und nervig. Aber es ist notwendig. Denn Lethargie, Depression und Sucht sind oftmals nicht weit entfernt...
Gleichzeitig ist es unglaublich und genial, was mein Sohn während einer Hyperfokus-Phase schafft. Da sind schon manche tollen Lego-Modelle, fantastischen Geschichten und lustigen Einfälle geboren worden. Konzentrieren wir uns also auf die positiven Seiten, auf die Stärke, dann können wir daran wachsen und gute Strategien finden, den Hyperfokus in die richtigen Bahnen zu lenken! Heureka!
