Was ist fühlen überhaupt?

In unserer Gesellschaft, wo Gefühle und Emotionen so gar keinen Platz haben, müssen wir vielleicht zuerst definieren, was man unter "Fühlen" versteht... Aus Safi Nidiayes "Wieder fühlen lernen":
- Fühlen ist unmittelbare Wahrnehmung
- Bevor wir mit den Sinnesorganen wahrnehmen (sehen, riechen, hören, schmecken, tasten,...) und diese Eindrücke mit dem Verstand interpretieren, fühlen wir.
- Fühlen findet durch Kontakt statt. Mit anderen Menschen, Tieren, Pflanzen, Stimmungen,...
- Wenn wir bewusst fühlen, sind wir in Kontakt mit uns selbst und der Welt um uns.
- Um fühlen zu können, müssen wir sein, wo Fühlen stattfindet, nämlich bei uns, statt "ausser uns"
Wir haben jedoch verlernt, bei uns zu sein. Wir konzentrieren uns darauf, was wir mittels der Sinnesorgane wahrnehmen. Wir konzentrieren uns darauf, was die Welt "ausserhalb von uns" von uns denkt und wie sie uns wahrnimmt. Wir konzentrieren uns auf unsere Gedanken darüber.
Unser unmittelbares inneres Erleben, das Fühlen, haben wir aus den Augen verloren. Obwohl dies seit Menschengedenken zentral und überlebenswichtig ist.
Was was wir mit den Sinnesorganen wahrnehmen, interpretieren wir. Und diese Interpretation halten wir für die Realität. Unsere Interpretation von Ereignissen löst in uns Emotionen aus. Diese Emotionen fühlen wir ebenfalls nicht, da wir mit unserer Aufmerksamkeit nicht dort sind, wo Fühlen stattfindet. Anstatt unsere Emotionen bewusst zu fühlen, lassen wir uns unbewusst von ihnen beherrschen. Ohne es zu merken, halten wir sie für Tatsachen anstatt zu erkennen, dass es Gefühle sind.
Entweder fürchten wir diese vermeintlichen Tatsachen und versuchen uns gegen sie zu schützen, oder wir halten sie für erstrebenswert und trachten danach, sie uns zu eigen zu machen.
Lerne wieder, deine Gefühle zu fühlen. Viele von uns sind so konditioniert, dass wir gewisse Gefühle unterdrücken. Insbesondere die negativen Gefühle sind verpönt und wurden schon sehr früh in unserer Kindheit unterbunden. Wutausbrüche, Weinkrämpfe... gerade für Jungs - ein No Go! Aber auch überschwängliche Freude, Freudentänze sind nicht unbedingt erwünscht oder?
Dabei dreht sich alles - aber wirklich alles in unserem Leben um unsere Gefühle.
Es gibt zwei Hauptvarianten, wie wir gelernt haben mit Gefühlen umzugehen:
Die Gefühle die wir unbedingt fühlen wollen

Das "Unbedingt-Schönes-fühlen-Wollen" macht uns zu einem Menschen, der ständig auf der Suche nach "schönen" Gefühlen und Erlebnissen ist. Wir wollen unbedingt fühlen, dass wir geliebt und akzeptiert werden und tun alles, damit es dazu kommt. Wir wollen uns unbedingt anerkannt fühlen und ackern uns ab, damit dieses Gefühl sich doch endlich einstellen möge. Im Extremfall laufen wir anderen Menschen regelrecht hinterher und betteln sie geradezu an, dass sie doch endlich alles tun mögen, damit sich die schönen Gefühle bei uns einstellen mögen. Leider geschieht dann immer genau das Gegenteil: die Menschen fühlen sich von unserem Verhalten abgestoßen und wenden sich ab. Da dies aber ein schlechtes Gefühl bei uns auslöst verstärken wir die Anstrengungen, endlich an die schönen Gefühle zu kommen und rennen, ackern und betteln noch mehr. Ein Teufelskreis.
Die Gefühle, die wir auf keinen Fall (mehr) fühlen wollen

Das "Schlechtes-nicht-mehr-fühlen-Wollen" kann solche Ausmaße annehmen, dass wir den Eindruck haben, gar nicht mehr fühlen zu können. Diese Abspaltung von unseren Gefühlen funktioniert aber leider nicht nur für die "schlechten" Gefühle - sondern wenn wir uns abspalten, dann total, das heißt wir fühlen weder Schmerz noch Freude. Alles versinkt in Neutralität und es bedarf schon sehr starker Impulse, damit ein Gefühl spürbar wird.
Beide Verhaltensweisen führen früher oder später zu Krankheit und Leid
Beide Verhaltensweisen machen uns gleichermaßen krank. Die Jagd nach schönen Gefühlen laugt uns aus, macht uns kraftlos, greift unser Immunsystem an und kann zur totalen Erschöpfung und Depression führen. Die Verdrängung von unseren "schlechten" Gefühlen löst sie damit nicht auf, es gibt die Gefühle noch immer, doch wir verdrängen sie aus unserem fühlenden Emotionalkörper in den physischen Körper - wo sie sich dann früher oder später als Krankheit zeigen werden.
Die Lösung für beide Varianten ist einfach und schwierig zugleich: Wir müssen unsere Gefühle wieder fühlen! Dabei ist wichtig zu wissen:
Jedes Gefühl ist endlich! Wenn man ein Gefühl zulässt und es fühlt, dann geht es vorbei - und verschwindet ganz. Wenn wir alles tun, um das Gefühl zu verdrängen und nicht zu fühlen, dann erhalten wir seine Energie aufrecht und geben dem Gefühl somit eine ewige Haltbarkeit, die irgendwo im physischen Körper eingelagert wird und sich irgendwann meldet.
Das bedeutet nun also, dass Gefühle nur verschwinden, wenn wir sie fühlen! Das ist eine unglaublich wichtige Einsicht!! Nichts anderes löst Gefühle auf. Ich kann versuchen wegzuschauen, krampfhaft an was anders zu denken, verleugnen - doch das Gefühl ist immer noch da. Wartet in den Zellen meines Körpers darauf, dass ich endlich den Mut finde, mich ihm zuzuwenden und hinzufühlen...
Wenn wir Gefühle spüren, die wir als unangenehm empfinden, dann laufen in uns immer die selben Muster und Massnahmen ab. Diese haben wir uns in unserer Kindheit antrainiert auf Grund von Reaktionen von unseren Eltern und anderen Bezugspersonen. Welche das sind ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Der Satz "so schlimm ist es doch nicht, reiss dich zusammen!" haben wir sicher alle in unserer Kindheit schon mal gehört. Er zeugt davon, dass sich die Person, die ihn aussprach auf Grund von unserer Reaktion schämte oder nicht wohl fühlte. Viele von uns versuchen Gefühle "wegzudenken", indem man sich immer wieder in Gedanken etwas anderes vorsagt. Oder indem man Gefühle abtut wie eben erwähnt.
Schau mal in deinem Leben genau hin... Und sei ehrlich mit dir. Wo und Wann versuchst du vor Gefühlen wegzulaufen? Dies zeigt sich oft in Verhaltensweisen wie:
- Etwas Süsses, Salziges, etc. essen wollen
- übermässiger Konsum von Kaffee, Alkohol, anderer Drogen
- übermässiges sich antreiben beim Sport
- Helfersyndrom
- sich zudröhnen mit Gamen, TV kucken, Scrollen durch Social Media Feeds o.ä., etc.
- Kaufsucht
- ...
Diese Liste ist bestimmt nicht vollständig, doch womöglich zeigt sie, in welche Richtung es geht. Wenn du dem mal auf den Grund gehen möchtest, dann ist der erste Schritt, bei dir genau hinzuschauen. Wann legst du solche Ausweich- und Ablenkungsmanöver an den Tag?
Was war der Auslöser dafür? Forsche ganz genau nach und versuche, das Gefühl wahrzunehmen, das am Ursprung steht. Vielleicht ist da auch nicht nur ein Gefühl, sondern gleich eine geballte Ladung von Gefühlen. Dann gilt es, Schicht für Schicht, wie bei einer Zwiebel, jedes Gefühl einzeln zu erkennen.
Vergiss nicht zu atmen! ;-)
Finde den Mut, deine Gefühle einfach nur zu fühlen. Richte deine liebevolle Aufmerksamkeit auf sie. Wo in deinem Körper kannst du sie spüren? Wie fühlt sich dieses Gefühl an? Welche Gedanken gehen dir durch den Kopf? Und die ganze Zeit fühle die Gefühle. Versuche nicht, sie zu verstärken! Bade NICHT in ihnen, sondern beobachte sie einfach so wie man eine Wolke am Himmel beobachtet: "ach, so fühle ich mich gerade, ist ja interessant". Bleib mit der Aufmerksamkeit bei deinem Gefühl. Minutenlang. Und dann spüre das Wunder, wenn das Gefühl geht und Frieden in dir zurücklässt.
Sei stolz auf dich, du bist einen der wichtigsten Heilungswege gegangen, den es gibt!
Lasse deine Gefühle zu!
Wer sich intensiv mit dem Thema "Gefühle wieder fühlen lernen" befassen möchte, dem kann ich von Herzen dieses Buch empfehlen:
Safi Nidiaye beschreibt nicht nur sehr ausführlich, wie wir sehr erfolgreich gelernt haben, unsere echten Gefühle zu unterdrücken - um Schmerz zu vermeiden - sie gibt uns mit ihren Büchern auch sehr hilfreiche und nützliche Werkzeuge an die Hand, wie wir uns unseren Gefühlen auf sanfte und tiefgreifende Weise wieder annähern können.
- Gefühle sind zum Fühlen da, Das Handbuch vom positiven Umgang mit negativen Emotionen, ISBN 978-3-453-70445-9
- Wieder fühlen, Wie wir uns selbst und die Welt heilen können, ISBN 978-3-641-01602-9
