Was bedeutet Hochbegabung?
Mir ist in den letzten Jahren aufgefallen, dass viele Leute ein falsches Bild davon haben, was Hochbegabung eigentlich bedeutet und ist. Gerade in der Schule und in Zusammenhang mit Kindern haben viele Menschen ein völlig falsches Bild davon, wie hochbegabte Kinder (Menschen) sind und wie sie sich verhalten sollten. (gemäss diesen vorgefertigten Meinungen). Deshalb möchte ich hier mit diesen Mythen ein bisschen aufräumen und von unserem Alltag erzählen...

Neurodiversität, konkret ADHS, ADS, Autismus, Hochsensibilität und Hochbegabung sind die letzten Monate des öfteren in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Diese Entwicklung ist sicher von Vorteil, weil dadurch mehr Menschen erfahren, dass es verschiedene Wesensarten der Menschheit gibt und dass dies keine Krankheiten, sondern Wesenszüge sind. Dies kann für Betroffene Erleichterung bringen. Muss es aber nicht. Von ADHS, Autismus oder Hochbegabung WIRKLICH betroffen zu sein, ist keine Modediagnose oder Diagnose auf Zeit. Es beeinflusst und beeinträchtigt das Leben dieser Menschen entscheidend. Es ist keine Krankheit, die man heilen kann "und dann ist alles wieder gut". Sondern Betroffene müssen lernen, damit in der Gesellschaft und im Alltag von Schule, Job, Familie und Freundeskreis zu leben. Sie müssen sich Strategien aneignen, wie sie glücklich und gesund durchs Leben gehen können, ohne unter der Neurodiversität zu leiden. Und das ist nicht immer ganz einfach...
Allzu oft fühlt man sich ganz einfach überreizt, überfordert, fehl am Platz, unverstanden und nicht akzeptiert, so wie man ist.
Definition von Hochbegabung
In der aktuellen Forschung existiert keine einheitliche Definition von Hochbegabung. Gemeinsam ist allen verschiedenen Modellen jedoch das Vorliegen einer sehr weit überdurchschnittlichen Intelligenz. Neben der hohen Intelligenz verfügen Hochbegabte über jeweils spezifische Intelligenzfaktoren, die in unterschiedlichem Ausmass verfügbar sein können. z.B. sprachliche, räumlich-abstrakte, mathematische Faktoren, logisches Denken, Kreativität, u.v.m. (zitiert aus Tübinger Institut für Hochbegabung)
Das 3-Ringe-Modell von Rinzulli

Das 3-Ringe-Modell von Rinzulli zeigt deutlich, dass intellektuelle Hochbegabung zumindest drei individuelle Persönlichkeitsmerkmale umfasst: intellektuelle Fähigkeiten, Kreativität und Motivation. Diese drei Persönlichkeitsmerkmale, die aufgrund ihrer Zusammengehörigkeit auch Triade genannt werden, stehen in enger Beziehung zu den drei Sozialbereichen Familie, Schule und Freundeskreis. Dieses soziale Umfeld ist sehr wichtig und erst wenn alle 6 Faktoren in richtiger Weise so ineinandergreifen, dass sich eine harmonische Entwicklung vollziehen kann, kommt es zur Entfaltung der Hochbegabung.
Hochbegabung ist nicht gleich Hochleistung! Hochbegabung ist ein Potential. Hochleistung wird möglich, wenn ein Kind seine besonderen Fähigkeiten mit Engagement und Kreativität koppelt und so zu Hochform aufläuft. Leider ist es heute immer noch so, dass viele Volksschulen, Eltern und Fachstellen zu wenig Kapazitäten, Ressourcen und Mittel sowie mangelndes Wissen und Verständnis über hochbegabte Kinder aufweisen. Trotzdem wären sie gesetzlich verpflichtet ALLE Kinder zu integrieren. Doch diese Inklusion funktioniert in der Praxis sehr selten. Vorurteile machen es dem Kind und seiner Familie oft schwer, einen guten Weg zu finden. Trotz ihren aussergewöhnlichen Fähigkeiten gelingt es auch hochbegabten Schülerinnen und Schülern selten ohne Unterstützung etwas Überragendes zu leisten.
Die Hochbegabten brauchen neben der Förderung im intellektuellen Bereich auch Unterstützung in gefühlsmässiger Hinsicht. Wie alle Kinder wollen auch sie verstanden und akzeptiert werden. Und genau so möchten sie auch, dass man ihnen hilft und sie ermutigt.
persönliche Definition

Hochbegabung ist ein Persönlichkeitsmerkmal des Menschen, ein Teilaspekt seiner Persönlichkeit und darf nicht isoliert betrachtet werden. Menschen nur auf deren Intelligenz zu beschränken ist verheerend. Intelligenz ist weit mehr, als eine mit einigen Tests ermittelte Zahl!! Hochbegabung zeigt sich auf allen Ebenen - nämlich körperlich, seelisch und geistig.
Meiner Meinung nach haben alle Menschen ihre Talente, Gaben und Begabungen - genauso wie Schwächen und Herausforderungen, die sie zu meistern haben.
Schlauheit, Kreativität, vernetztes Denken, innovatives Denken, Empathie, schnelles Denken, logisches Denken, hohe Sozialkompetenz bereits in früher Kindheit, Neugierde, das Hinterfragen von Regeln und Abläufen, uvm. sind keine Seltenheit und auch kein Zeichen für hervorragende Leistungen.
Hochbegabung darf nicht isoliert betrachtet werden. Sie ist ein zusätzliches Merkmal eines Kindes, es ist ein Wesenszug des Menschen und nichts Abstraktes.
Wir alle haben unsere angeborenen Persönlichkeiten und intellektuellen Fähigkeiten, wir alle tragen ein Potential in uns. Unser Umfeld und unsere Kindheit bestimmen zu einem grossen Teil darüber, wie wir dieses Potential beim Heranwachsen entfalten können. Hochbegabung ist genauso ein Potential. Sie entwickelt sich nicht von alleine. Dieser Wesenszug des Kindes muss genauso verstanden, erkannt und vor allem begleitet und gefördert werden. Hochbegabung ist in erster Linie eine Chance, die entwickelt und geschliffen werden will, so wie ein Rohdiamant.
In manchen Bereichen erkennt man die Hochbegabung auf den ersten Blick. In anderen Bereichen erscheinen hochbegabte Menschen oftmals sogar gegenteilig. Wir alle haben unsere Herausforderungen zu meistern. Davon sind auch hochbegabte Menschen nicht verschont. Ganz im Gegenteil! (Siehe dazu Overexcitabilities) Trotzdem sind wir in unserem ganzen Wesen - mit all unseren Gefühlen, Handlungen, Gedanken und Wünschen immer hochbegabt. Zu jeder Zeit. Wir können dies nicht einfach wie ein Maske ablegen und anziehen, wie es uns passt. Es ist einfach immer präsent. Es ist Teil von uns. Jemand, der nicht hochbegabt ist, erkennt es womöglich nicht immer oder gar nicht. Das heisst aber nicht, dass es für uns nicht Realität ist... Es ist auch möglich, dass jemand, der nicht hochbegabt ist, nie wirklich wissen und verstehen kann, wie sich das anfühlt. Das ist OK. Solange man uns nicht in vorgefertigte Schubladen steckt und abstempelt....
Wie fühlen und denken hochbegabte Menschen?

Hochbegabte Menschen fühlen und denken intensiver und komplexer als andere Menschen. Für sie ist diese Art zu denken und zu fühlen stimmig und normal. Sie realisieren womöglich nicht, dass andere Menschen nicht so denken und fühlen. Erst wenn das Umfeld auf ihre Art negativ und mit Unverständnis reagiert, realisieren sie, dass sie offenbar anders ticken und deshalb fühlen sie sich oft fremd.
Wenn Kinder für diese andere Art zu denken und zu fühlen getadelt oder sogar bestraft werden, fangen sie an, es zu verstecken und sich zurückzuziehen. Deshalb ist es für Bezugspersonen, Lehrpersonen und andere Menschen aus dem Umfeld oft nicht sofort ersichtlich und verständlich, dass das Kind hochbegabt ist. Dank ihrem Intellekt kapieren die Kinder schnell, wie sie sich an ihr Umfeld anpassen müssen, um nicht negativ aufzufallen. Viele Bezugspersonen, gerade im Schulalltag sind immer noch mit starken Vorurteilen behaftet, was die Diagnose und das Erkennen zusätzlich erschwert.
Sie möchten im Grunde nur dazu gehören, gleich sein wie die anderen aber vor allem - geliebt werden für das was sie sind. Deshalb nehmen sie manchmal sehr viel in Kauf, um einfach nur dazu zu gehören. Manche verheimlichen sogar ihre Begabungen und schreiben absichtlich schlechte Tests, um nicht immer als Streber abgestempelt zu werden... Andere werden zu sogenannten "Underachiever", weil sie einfach dauernd unterfordert und gelangweilt sind und den Sinn von Tests und Noten nicht sehen...
Hochbegabte Menschen…
- machen sich Gedanken über das Denken
- haben eine reiche Fantasiewelt
- haben eine stark ausgeprägte Werte-Hierarchie
- verfügen über einen starken Entwicklungswillen
- interessieren sich leidenschaftlich für humanistische Fragen
- haben ein starkes Bedürfnis nach Authentizität zwischen ihrer Idealwelt und der Realwelt
- grosser innerer Reichtum (Emotional und ihre Fantasiewelt)
- Bedürfnis nach Ästhetik in allen Denkvorgängen
- Drang nach Perfektion und Persönlichkeitswachstum
- innere Einsamkeit
- grosse Sehnsucht nach Harmonie
- Starker Wille
- existenzielle Krisen wegen der Diskrepanz zwischen Idealselbst und Realselbst
- Brauchen Gesprächspartner auf Augenhöhe und Kinder eine verständnisvolle Begleitung
Ästhetik - was ist das für Hochbegabte?

Oftmals scheint der Drang nach Ästhetik für das Umfeld zwanghaft. Dies kann sich auswirken wie:
- Die Farben im Raum müssen genau stimmen.
- Das Geschirr im Schrank muss immer genau am selben Platz stehen und immer gleich geordnet werden.
- Das Kind ordnet seine Farbstifte immer säuberlich in seinem Farbkasten. Vorher kann es nicht mit dem Zeichnen beginnen.
- Das Kind benützt nur eine einzige Farbe
- Der Hochbegabte verzichtet absichtlich auf Gross-/Kleinschreibung
- Das Essen im Teller darf sich nicht berühren oder die Farben müssen stimmig sein
- Die Worte müssen in einer bestimmten Tonalität gesprochen werden
- etc.
Denken in Harmonie

Hochbegabte Kinder denken oft in Harmonie, d.h. sie suchen Gesetzmässigkeiten und Zusammenhänge, spüren nach und stellen Regeln auf, damit ihre Umgebung und ihr
Umfeld in Harmonie stehen. Der Wert der Ästhetik kommt in jedem Gedanken und jedem Gefühl vor. Sie können dies nicht einfach abstellen. Es ist einfach so. Dies machen sie in allen Bereichen wie
z.B. in der Natur, im Menschen, im Universum. Sie gehen in Interaktion mit etwas und spüren nach. Wenn etwas nicht harmonisch passend ist für ihr Verständnis (diese Harmonie kann sehr individuell
sein), dann kann dies zu Krisen führen.
Hochbegabte brauchen diese Ästhetik um zufrieden zu sein. Sie denken, dass alle Menschen so sind. Darum ist es für sie nichts Besonderes und sie reden nicht
darüber. Werden sie für ihre andere Denkweise und für ihr anderes Wahrnehmen und Fühlen kritisiert (weil man es nicht versteht), dann erschrecken sie. Je häufiger dies passiert, umso mehr denkt
das Kind, dass etwas mit ihm nicht in Ordnung ist. Es fängt an diese Wesensart zu verstecken, verschliesst sich und vereinsamt. Je nachdem wie dies weiter verläuft, kann dies bis zu einem
Zusammenbruch führen.
Innere Einsamkeit

Hochbegabte Kinder stellen sich dauernd Fragen und sind immer damit beschäftigt, zu analysieren, zu erspüren und zu denken. Über alles. Ganz egal was. Sie lesen nicht nur alles, was ihnen begegnet (Werbeplakate, Aufschriften auf Autos, etc.), sondern sie hinterfragen dieses Gelesene auch immer. Sie scannen alles und analysieren es dann minutiös.
Fragen wie:
- Wer versteht mich?
- Wer ist da, wenn ich Angst bekomme?
- Wer inspiriert mich weiter zu denken?
- Wer nimmt mich nah, wenn ich die Welt nicht verstehe?
- Wer gibt mir Wärme, Geborgenheit, Sicherheit, spielt mit mir andere Spiele ohne Gewinner und Verlierer, liebt mich so wie ich bin - auch wenn ich sperrig, unbequem und wütend bin?
Sind essentiell. Wenn sich für diese Fragen keine Bezugsperson ermitteln lässt, dann vereinsamt das Kind sehr stark, zieht sich zurück und macht alles mit sich selbst aus. Dies kann zu Aggressionen und Depressionen führen.
Theorie von Kazimierz Dabrowski zu Übererregbarkeit und Intensität

Dabrowski war ein polnischer Psychologe und hat wertvolle Erkenntnisse zum Thema Hochbegabung und Übererregbarkeit und Intensität gewonnen. Er hat die Theorie der Overexcitabilities aufgestellt:
- Psychomotorik = Körper und körperliches Tempo
- Sensorik = Sinnlichkeit
- Denken
- Imagination + Kreativität
- Emotion, Gefühle Beziehungen
Mehr dazu findet ihr im Artikel über Overexcitabilities.
Gleichzeitigkeit

Die fünf Overexcitabilities nach Dabrowski beschreiben das Wesen eines hochbegabten Menschen. Über diese fünf Punkte tritt der Mensch in Kontakt mit seinem Umfeld und der Umwelt. Wenn der Mensch harmonisch unterwegs ist, dann zeigen sich die OEs mit all ihren positiven und hervorragenden Eigenschaften (Türkis +). Wenn jedoch der Mensch nichts über seine Hochbegabung weiss, wenn er nicht mit sich selbst im Reinen ist und sich als nicht OK erlebt, dann können viele Schwierigkeiten auftauchen. (Rot -)
Hochbegabte Kinder erleben all diese Punkte immer und zu jeder Zeit gleichzeitig. Deshalb spricht Dabrowski von einem hohen Empfindungsvermögen (OE = Overexitability). Diese Art zu empfinden ist extrem intensiv und sie zeichnet sich aus durch intellektuelle Begabung und Talente aber auch durch manche Schwierigkeiten. Das heisst die OE kann positiv sowie auch negativ sein. In diesem Artikel wird jeder Punkt detailliert beleuchtet.
Die oberen drei Punkte (Emotionale, Imaginative, Intellektuelle OE) müssen für Hochbegabte präsent sein. Die Kombination und die Intensität sind individuell. Alle fünf OE’s sind immer gleichzeitig aktiv und interagieren miteinander. Der Hochbegabte ist 24h am Tag damit beschäftigt zu regulieren, zu verdauen und zu verstehen. Besonders kleine Kinder brauchen darin intensive Begleitung, solange sie seelisch noch nicht ausgereift sind und ihre Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Sonst sind sie schnell überfordert.
