Definition Overexcitabilities in Zusammenhang mit Hochbegabung

Es gibt viele verschiedene Definitionen für Hochbegabung und unterdessen gibt es auch mehr Fachleute in diesem Bereich. Ein Spezialist auf diesem Gebiet war Kazimierz Dabrowski, ein polnischer Arzt, Psychiater und Psychologe, der von 1902 bis 1980 lebte. Seine Beobachtungen und Forschungen bilden sehr ausführlich und genau verschiedene Merkmale und das Wesen von hochbegabten Menschen ab. Er arbeitete mit besonders begabten und kreativen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Dabei stellte er fest, dass diese besondere Eigenschaften mitbringen, die er "Overexcitabilities" nannte und die als biologische Faktoren für die Persönlichkeitsentwicklung wichtig sind. Deshalb möchte ich hier die Overexcitabilities (OEs) näher erklären, insbesondere, weil die meisten davon bei meinem Sohn und einige auch bei mir selbst sehr ausgeprägt sind. Das Studieren der OEs hat mir sehr geholfen, meinen Sohn und mich selbst besser zu verstehen und Schwierigkeiten im Alltag zu minimieren.
Was bedeutet Overexcitabilities?

Ein passendes Wort in Deutsch gibt es nicht wirklich. Aus dem Englischen übersetzt bedeutet der Begriff so viel wie "Übererregbarkeit" oder "Hohe Sensibilität der Sinne". Diese Begriffe gefallen mir allerdings nicht so gut, denn sie beschreiben nicht im Mindesten, was Overexcitabilities tatsächlich sind. Man muss beachten, dass der Begriff ursprünglich aus dem Polnischen ins Englische übersetzt wurde. Deshalb werde ich des weiteren einfach den englischen Begriff Overexcitabilities bzw. OEs benutzen.
Doch was sind denn nun OEs?
Es ist die angeborene Tendenz, auf innere und äussere Reize verstärkt zu reagieren. Das bedeutet, dass eine Person mit OEs weniger Stimulation der Sinne braucht, um darauf zu reagieren, also ein sensibleres Nervensystem aufweist. Dies bedeutet wiederum, dass nicht nur schneller und intensiver auf Sinneseindrücke reagiert wird, sondern dass die Reaktion auch länger anhält und nachklingt. Personen mit OEs erleben intensiver, einfühlsamer, ausdauernder, energischer, u.v.m. als andere Menschen.
Dabrowski hat die Overexcitabilities in fünf Gruppen unterteilt:

Emotionale Overexcitabilitiy
Menschen mit emotionaler Overexcitability erleben Emotionen viel intensiver als andere Menschen. Zudem spüren sie sehr genau, wie es anderen Menschen geht. Sie weisen also eine sehr hohe Sensibilität auf - so ähnlich wie hochsensible Menschen. Sie sind extrem empathisch gegenüber allen Lebewesen. Selbst Stofftiere oder andere Sachen haben eine Seele und werden so zum Leben erweckt.
Sie empfinden auch tiefe Zuneigung und können sehr intensive emotionale Bindungen eingehen. Auch ihre Beziehung zu sich selbst ist sehr tiefgründig. Gleichzeitig sind sie aber gerade was Bindungen angeht, auch sehr verletzlich und sensibel. Oftmals verstehen sie das Verhalten von anderen Menschen nicht und Zurückweisung ist für sie besonders schlimm. Kommt es in einer Freundschaft zu einem Bruch, können sie nicht so schnell wieder Freundschaften schliessen.
Es kann auch sein, dass Menschen mit emotionaler OE keine tiefen Beziehungen eingehen können. Dies kommt daher, dass ihr Klavier doppelt so viele Tasten hat, wie das Klavier von normalbegabten Menschen. Und es findet sich dann niemand, der das Klavier mit ihnen spielen kann. Sie fühlen sich sehr oft unverstanden und deshalb auch einsam. Denn man muss beachten, dass nur ca. 2% der Bevölkerung hochbegabt ist.
Wenn man Kindern nicht erklärt/sagt, dass sie eine besondere Gabe in der Wahrnehmung und im Empfinden von Gefühlen und Emotionen haben und dass dies aussergewöhnlich ist, dann kann es vorkommen, dass sie sich völlig fehl am Platz fühlen. Es hilft ihnen nicht, sie als zu sensibel zu bezeichnen, sondern sie brauchen Hilfe, um ihre Emotionen schätzen und nutzen zu lernen. Sie merken sehr wohl, dass sie "anders sind" als andere Menschen, aber oftmals fehlt ihnen das Hintergrundwissen "warum" dem so ist.
Oft fühlen sich Menschen mit emotionaler OE in der Gruppe verloren. Sie bevorzugen den 2er Kontakt und Kinder bevorzugen den Kontakt mit Erwachsenen. Sie sind oftmals überfordert mit kindlichen Spielen oder Gebaren.
Menschen mit emotionaler Overexcitability fühlen Gefühle wie Angst, Wut, Freude, Sorgen, Schuldgefühle, Scham, depressive Stimmungen, Begeisterung, Glück, Langeweile, Gefühl von "nicht genug gut sein", Unterlegenheit, Einsamkeit, suizidale Stimmungen, etc. viel viel intensiver und ausgeprägter. Typisch für die Gefühlstiefe sind Äußerungen über den Tod, Anpassungsschwierigkeiten in neuen Umgebungen, das Gefühl des Unverstandenseins und Konflikte mit anderen über die Tiefe einer Beziehung. Gerade Kinder wünschen sich oftmals eine tiefgründige Beziehung zu anderen Kindern. Doch leider werden sie manchmal enttäuscht, weil normalbegabte Kinder eine solche Tiefe in der Beziehung nicht oder noch nicht bieten können. Dies kann zu Einsamkeit und Trauer führen. Auch hierbei brauchen diese Kinder Begleitung, um zu verstehen, dass mit ihnen nichts falsch ist, sondern dass andere Menschen die Fähigkeit dieser Wahrnehmung und dem Ausdruck dieser Gefühle nicht besitzen und vielleicht auch nie entwickeln werden.
Menschen mit emotionaler Overexcitability identifizieren sich oft mit den Gefühlen anderer. Sie können sich mit anderen mitfreuen oder mit ihnen mitleiden. Dies kann manchmal so weit führen, dass sie nicht mehr abgrenzen können zwischen den Gefühlen anderer und ihren eigenen Gefühlen. Es kann sein, dass sie die Gefühle übernehmen und so z.B. die Wut von jemand anderem ausagieren. Auch hier brauchen diese Menschen Hilfe im Erkennen von diesen Identifikationen. Des weiteren sollten sie lernen, wie sie sich abgrenzen können, damit sie dies nicht unbewusst dauernd tun.
Grosse Menschenmengen, ein Klassenzimmer, ÖV, etc. führen deshalb sehr schnell zu einer Überreizung. Diese Menschen brauchen sehr viel Zeit im sicheren Hafen für sich, wo sie nicht dauernd Gefühlen und Stimmungen anderer Menschen ausgesetzt sind.
Wenn sie sich den ganzen Tag anpassen müssen (und das müssen sie in der Schule, am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft zwangsläufig dauernd), dann führt dies zu einem sehr hohen Stresslevel. Deshalb kann es bei Kindern vorkommen, dass sie, wenn sie nach einem langen Tag nach Hause kommen, starken Emotionen ausgesetzt sind. Das Ventil platzt, das den ganzen Tag dafür gesorgt hat, dass sie angepasst und "ruhig" waren, all die Emotionen, die den ganzen Tag zurückgehalten wurden, kommen nun explosionsartig und ungefiltert an die Oberfläche.
Unter Stress haben sie mitunter Schwierigkeiten, die heftigen Gefühle zu kontrollieren, denken viel über den Sinn des Lebens und den Gang der Zeit nach und neigen eher zu Symptomen wie Schlafstörungen, Schüchternheit, Ängsten und psychosomatischen Beschwerden.
Selbstkritik ist ein grosses Thema für solche Menschen, besonders dann, wenn ihr Idealselbst (so, wie sie sich selbst idealisiert vorstellen und wünschen) nicht mit dem Realselbst (das Selbst, das sie in Realität sind) entspricht. Durch ihre ausgeprägte Vorstellungskraft können hochbegabte Menschen sich selbst in vielen Situationen visualisieren, was leider nicht immer in Realität umgesetzt werden kann.
Deshalb neigen Menschen mit emotionaler OE oft zu Gefühlsschwankungen. Dies kann eine regelrechte Achterbahn der Gefühle sein und innerhalb von kurzer Zeit umkehren. Sie neigen zudem zu starken und intensiven körperlichen Reaktionen und psychosomatischen Beschwerden.
Was kann helfen?
Wenn die Kinder keine Freunde finden, weil sie sich so anders fühlen, dann ist es nicht zielführend an ihnen zu arbeiten. Dann muss unbedingt das Umfeld des Kindes aufgeklärt werden! Dann müssen Mitschüler, Lehrer und auch Familienmitglieder über die Wesensart des Kindes aufgeklärt werden, damit sie ein Verständnis für das Anderssein des Kindes entwickeln können.
Bei regelmässigem Platzen des Ventils zu Hause kann es helfen, wenn das Kind Privatzeit in seinem Zimmer, eine lange Pause und vor allem Ruhe bekommen kann. Damit Aggressionen nicht gegen Menschen gerichtet werden, kann ein Boxsack, ein Wutkissen oder ein Trampolin helfen.
Bei uns ist es aber tatsächlich so, dass ich meinen Sohn fast tagtäglich (seit mein Sohn zur Schule geht) abfange. Es ist extrem wichtig, dass er seine Emotionen herauslassen kann, dass er über das Erlebte mit mir sprechen kann. Das hilft ihm, seine Emotionen zu sortieren, sie zu verstehen und einzuordnen. Es hilft ihm auch zu differenzieren. Dann merkt man beim "Darüber-sprechen" und Nachdenken, dass dies gar nicht meine Emotionen waren, sondern die von jemand anderem. Und dann hilft es, wenn man die Emotionen und Gefühle in Gedanken dieser Person oder diesen Personen zurückgeben kann.
Im Klassenzimmer ist mein Sohn sehr oft von den Gefühlen und Emotionen seiner Klassenkameraden/innen und der Lehrerin abgelenkt. Er nimmt wahr, wenn die Lehrerin gestresst ist oder wenn sie schlechte Laune hat. Genauso bei anderen Kindern. Und dies lenkt ihn ab. Dann kann er sich oftmals nicht so gut konzentrieren.
Da können Rituale oder Visualisierungen helfen. Hier ein Beispiel:
<<Das Kind kann sich z.B. vorstellen, dass es in einer Art Glaskugel oder in einem Gefährt sitzt (bitte unbedingt cool ausschmücken! - Ist es ein U-Boot, ein Raumschiff, eine feste Seifenblase, wie sieht der Sitz aus? Und was muss unbedingt mit in die Kugel/das Gefährt? - Stofftier, Buntstifte,etc.). In diesem Vehikel ist das Kind absolut geschützt. Es dringen nur die Energien, Gefühle und Emotionen zu ihm durch, die es will und die ihm gut tun. Es sieht durch die Glasscheibe alles, aber negative Einflüsse prallen am Glas ab und werden zum Sender zurückgestrahlt. Man kann sich auch vorstellen, dass das Glas ein Spiegel ist und alles zurückspiegelt, was von Aussen auf das Glas trifft. Das Kind sieht aber natürlich durch den Spiegel hindurch, als wäre es Klarglas.
Am besten stellt sich das Kind jedes Mal, wenn es seinen sichere Hafen verlässt vor, dass es in dieses Vehikel "einsteigt" und damit durch den Tag saust.>>
Imaginative Overexcitability
Die imaginative Overexcitability ist eng mit Kreativität verbunden. Menschen mit imaginärer Overexcitability sind nicht nur unendlich kreativ, sondern auch sehr erfinderisch. Sie denken in Bilder und sie verfügen über ein ausgeprägtes Kopfkino. Sie haben eine unerschöpfliche Fantasie und lieben entsprechend Filme, Anime, Manga und Geschichten. Sie sind visuell oftmals begabt bis hochbegabt und können sich Bilder, Details, Orte, Situationen, etc. visuell sehr genau und über sehr lange Zeit merken.
Kinder erfinden oft Begleitpersonen als Freundesersatz für sich (imaginär, Stofftiere, anderes Spielzeug).
Sie weisen einen ausgeprägten Sinn für Humor, Poesie, Wortspiel und Witz auf.
Sie träumen komplex und in Farbe und sind anfällig für Alpträume.
Sie lieben es selbst Spiele oder andere Regeln für Spiele zu erfinden. Rollenspiele oder auch Gesellschaftsspiele werden so immer wieder neu erfunden und ausprobiert.
Menschen mit imaginativer OE können immer wieder in Erinnerungen eintauchen und erleben das Geschehene dann so intensiv, wie es ursprünglich war. Das heisst sie erleben nicht nur das Geschehene im Geiste nochmals, sondern sie riechen manchmal sogar die Gerüche wieder oder hören im Kopf die Geräusche, die es damals gab.
Sie haben keine Toleranz für Langeweile und "brauchen" dauernd Neues. Neue Inspiration, neue Stimulationen, neues Hirnfutter.
Manchmal haben Kinder Angst vor Unbekanntem, da vieles vorstellbar, aber emotional noch nicht verarbeitbar ist. Da sie geistig ihrem Alter voraus sind, beschäftigen sie sich oft mit Themen, die für ihre zarte Seele noch nicht geeignet sind, sie können es facettenreich und sehr realistisch visualisieren, was wiederum zu Angst oder emotionalen Überreaktionen führen kann.
Die Phantasie dieser Kinder ist sehr lebendig, was unter anderem an der Fähigkeit zu detaillierter Visualisierung und an dem poetischen und dramatischen Ausdrucksvermögen zu beobachten ist. Animistisches und magisches Denken, wie z. B. das Beleben von Objekten oder Vermischung von Realität, Fiktion und Illusion, sind häufige Anzeichen imaginärer Overexcitability und nicht zwingend ein Hinweis auf ein krankhaftes Geschehen.
Unter Stress und Langeweile driften imaginativ besonders intensive Menschen gerne in ihre Fantasien und Tagträume ab.
Was kann helfen?
Eintauchen und Teilen dieser magischen Welten, sie als real akzeptieren. Ihre Fantasien nicht als Lügen oder Quatsch abtun.
Mein Sohn erfindet Geschichten, seit - wahrscheinlich immer schon - aber seit er sprechen kann (und das hat er sehr früh gelernt), teilt er sie mir mit. Wir erfinden oft gemeinsam Geschichten und spinnen sie auf lustige und fantasievolle Weise. Viele dieser Geschichten "leben" nur im Moment und erfreuen uns tagtäglich. Einige Geschichten werden aufgeschrieben und weiterverfolgt. Siehe dazu unser Buch! Aber oft ist dies gar nicht nötig, denn wir geniessen es einfach unserer Fantasie freien Lauf zu lassen und dies miteinander zu teilen. Da kann mein Mann oftmals nur staunen und er hat absolut keinen Bezug. D.h. er versteht dann weder unsere Geschichten noch unsere Freude daran. Als nicht HB kann er unseren Fantasien und Imaginationen überhaupt nicht folgen, wenn er uns zuhört. Das ist für ihn dann oftmals befremdend und komisch.
Wenn sie also nicht HB sind und ihr Kind schon - dann kann ich nur empfehlen, dass sie sich diese oftmals verrückten Geschichten anhören. Hören sie ihrem Kind einfach zu - mit voller Aufmerksamkeit denn wenn sie nebenbei eine Mail auf ihrem Handy beantworten oder durch Social Media scrollen, merkt das ihr Kind und es wird ihnen die Geschichte nicht weiter erzählen wollen, weil sie ja gar nicht richtig zuhören. Nehmen sie sich 10 Minuten Zeit und teilen sie ihrem Kind mit, dass sie jetzt für 10 Minuten voll und ganz Ohr sind... Mehr braucht es gar nicht! Und sie werden staunen, was für tolle Geschichten da entstanden sind...)
Sensorische Overexcitability
Sensorisch besonders feinfühlige Menschen erleben Informationen, die über unsere Sinne wahrgenommen werden - wie Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen - verstärkt und mit einer besonderen Lebhaftigkeit.
Die sensorische Overexcitability kann sich in einer gesteigerten Reaktion auf innere und äussere Reize zeigen. Sie kann sich zum Beispiel in der Unverträglichkeit bestimmter Textilien und Nahrungsmittel, Gerüche oder Geräusche ausdrücken. (Siehe "Das Sockenmonster") Dies kann sogar bis zu stark empfundenen Schmerz reichen, wenn man gewisse Töne, Geräusche, Gerüche, Berührungen oder sogar Worte nicht erträgt. Mein Sohn und ich hassen das Geräusch von Zugbremsen, lauten Motoren, Laubbläsern oder manchmal auch der Schrei eines Kindes. Wenn diese Geräusche an unser Ohr dringen, dann zucken wir zusammen und müssen unsere Ohren zuhalten. Auch Gerüche können uns regelrecht aus den Socken hauen. Deshalb trage ich immer einen Schal, damit ich meine Nase hineinstecken kann, wenn es mir zu intensiv wird. Zudem nehme ich Gerüche mit Farben und Formen wahr. D.h. ein Geruch ist dann zum Beispiel gelb und stachelig, oder spiralförmig und wunderschön grün, etc. Siehe dazu meine Zeichnung hier.
Auch die Wahrnehmung von Ästhetik ist sehr ausgeprägt. Ästhetik gilt als Lebensprinzip, Kraftquelle, Sinn vom Leben und die daraus resultierende Ablehnung von Dingen und Orten die nicht ästhetisch sind führen oftmals zum Unglücklichsein über das Hässliche. Unser Zuhause, ja selbst der Putzschrank hat eine gewisse Ordnung im ästhetischen Sinne. Dinge und Menschen, die diese Ästhetik durcheinander bringen, müssen sofort umrangiert oder ausrangiert werden...
Menschen mit ausgeprägter sensorischer OE sind aber auch zu extremem Genuss fähig. Sie zeigen eine ausgeprägte Wertschätzung für schöne Objekte, Schreibstile, Wörter, Bilder, Klängen, Musik, feine Düfte, auserwählte Stoffe oder Geschmäcker sehr intensiv und mit allen Sinnen geniessen. Wenn mein Sohn etwas zu essen bekommt, dass ihm voll und ganz mundet, dann schliesst er seine Augen und geht vollkommen im Erlebnis des Essens auf. Er riecht dann zuerst am Essen und saugt den Duft regelrecht in sich auf, dann kostet er einen kleinen Bissen und lässt ihn sich so richtig auf der Zunge zergehen. Es ist ein schönes Schauspiel, dem beiwohnen zu dürfen. Leider kommt es viel häufiger vor, dass er die Nase rümpft und das Essen verweigert, weil irgendetwas - sei es im Geruch, im Geschmack, in der Konsistenz oder im Aussehen - nicht OK ist... das kann für mich als Köchin sehr frustrierend sein...
Manche Menschen haben ein sehr sensibles Gespür für Wetterphänomene und haben zum Beispiel Mühe mit starkem Wind oder empfinden Regen auf der Haut als sehr unangenehm. Es kann sich auch in einer starken Lichtempfindlichkeit, Geräuschempfindlichkeit, Schreckhaftigkeit, Geruchempfindlichkeit, uvm. zeigen.
Menschen mit sensorischem OE haben oftmals ein grosses Interesse an Lust. Genuss von Essen, Sexualität, Verliebtsein, Konzerten, etc. und als Gegenpol ist auch die Unlust sehr oft sehr stark ausgeprägt. Dies führt zu Hochs und Tiefs, schwarz-weiss Denken und wieder einer Achterbahnfahrt.
Auf der anderen Seite kann sich sensorische Overexcitability als Ausdruck von emotionalen Spannungen auch in Überessen, einem zügellosen Leben, in Großeinkäufen oder dem starken Bedürfnis danach, im Mittelpunkt zu stehen, äußern.
Viele Kinder mit einer sensorischen OE haben ein monströses Chaos im Zimmer (und überall). Dies ist der Ausgleich der Ästhetik.
Was kann helfen?
Es hilft wenn die Kinder diese Intensität teilen können, wenn sie sich mitteilen können und sich ernst genommen und verstanden fühlen. Bei extremen Unverträglichkeiten hilft es, wenn sie den Auslöser meiden können. Man sollte sie nicht zwingen, etwas zu tun das ihnen so sehr gegen den Strich geht.
Wie kann man das räumliche Chaos in ihrem Zimmer angehen?
- Kind empfindet es nicht als chaotisch und störend. Es findet seine Dinge immer wieder, wenn wir Erwachsenen nicht in seinem Zimmer aufräumen gehen. Es kann sogar sein, dass es dies als extrem störend empfindet, wenn wir seine Ordnung durcheinander bringen und dann wird es wütend.
- verfügt es über das sequentiell analytische Denken? Wenn nein, dann kann es nicht aufgeräumt denken = es denkt holistisch und induktiv und nicht geordnet. Das kann dann auch in Mathe und ähnlichen Fächern zu anderen Denkprozessen führen als erwünscht.
- Oder das Chaos ist Ausdruck von seelischer Not = es möchte mit dem Chaos darauf aufmerksam machen.
Psychomotorische Overexcitability
Psychomotorisch sensitive Menschen sind von einer besonders grossen Energie beseelt. Dies zeigt sich in erhöhter körperlicher Aktivität (nicht mit ADHS zu verwechseln!) wie zum Beispiel extremer sportlicher Aktivität, oder der Vorliebe für schnelle Sportarten. Dadurch passieren gerade bei jüngeren Kindern aber auch oft Unfälle. Besonders dann, wenn sie im Kopf etwas bereits durchgespielt haben, aber ihr Körper die Abläufe noch nicht kennt. Diese Menschen können sich zu Höchstleistungen im Sport treiben und neigen dazu, ihren Körper an Grenzen zu bringen. Bewegung, Tanzen und Springen, d.h. das Auspowern ist befriedigend und wirkt lösend.
Wenn Kinder mit psychomotorischer OE stillsitzen müssen, dann ist das für sie eine Folter. Sie müssen ständig in Bewegung sein. Das Kind kann diese motorische Unruhe nicht willentlich steuern. Das heisst, auch wenn es in der Schule oder zu Hause bestraft wird, kann es dies nicht einfach "ausschalten". ES KANN NICHT STILLSITZEN.
Die psychomotorische OE kann sich aber auch in schnellem Sprechen ausdrücken. Kinder mit psychomotorischer OE können oft sehr viel und schnell sprechen und sie merken nicht, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist, um ihre Gedanken und Ideen mitzuteilen. Sie platzen dann vielleicht in ein Gespräch unter Erwachsenen und können auch nicht warten, bis sie an der Reihe sind. Es muss dann einfach alles sofort mitgeteilt werden. Sie sind sowieso mit vertrauten Bezugspersonen sehr mitteilsam und erzählen gerne ihre Fantasien und Ideen. Dies kann dann manchmal auch zwanghaft sein.
Bei Babies kann sich diese OE auch früh in einem reduzierten Schlafbedürfnis äussern. Manche Kinder kehren auch den Tag-/Nacht-Rhythmus um. Das kann für Eltern sehr herausfordernd sein.
Menschen mit psychomotorischer OE haben oftmals eine hohe körperliche Erregung und sind intensiv aktiv. Durch ihr schnelles Denken kommt der Körper oft nicht hinterher. Der Kopf ist ein Ferrari und der Körper nur ein Dreirad. Sie straucheln, stolpern, stossen sich oder ihre Hand schreibt einfach noch nicht so schnell, wie ihr Kopf denken kann... Auch der zwanghafte Handlungsdruck zeigt sich hier oft. Diese Menschen können oft nicht warten. Wenn z.B. eine Lehrperson eine Frage stellt, und das HB-Kind weiss die Antwort, dann ist es für das Kind eine Folter, nicht sofort antworten zu dürfen. Auch das Warten auf langsamere Kinder kann sehr schwierig sein.
Weitere Anzeichen sind eine deutliche Begeisterungsfähigkeit, Schauspielen, impulsive Handlungen, nervöse Angewohnheiten und Ticks (Fingernägel kauen, häufiges Händewaschen, o.ä.) oder zwanghaftes Organisieren und Konkurrieren. Psychomotorische Overexcitability ist nicht zu verwechseln mit Hyperaktivität, da diese Kinder bei ihren Interessen zu fokussierter Aufmerksamkeit und Konzentration fähig sind. Sie können bei ihrem Interessegebiet oft stundenlang konzentriert und fokussiert arbeiten.
Unter Stress führt eine psychomotorische OE zu einer verstärkten Nervosität, Impulsivität, Suchtverhalten, zwanghaftem Verhalten, Workaholics,... Kombiniert mit der intellektuellen OE kann es zu einer geistigen Getriebenheit kommen. "Ich kann nicht aufhören zu denken", was wiederum in ein Burnout führen kann.
—> Der Unterschied zu einem ADHS Kind besteht darin, dass das ADHS-Kind sich nicht lange auf die selbe Aufgabe konzentrieren kann. Wenn ein HB-Kind eine Aufgabe bekommt, das es interessiert, kann es sich stundenlang intensiv damit beschäftigen und sich darauf konzentrieren.
Was kann helfen?
Das Kind muss sich auspowern können - geistig sowie auch körperlich. D.h. der Schulunterricht sollte so gestaltet werden, dass sich die Kinder so oft wie möglich bewegen dürfen. Manche dieser Kinder lernen besser, wenn sie sich gleichzeitig bewegen dürfen. z.B. das kleine Einmaleins auf dem Trampolin üben, einen Text beim gehen lesen, etc.
Zur Vorbeugung von Unfällen ist es sinnvoll, die Kinder zu begleiten und dazu anzuregen zu trainieren. Auch wenn sie intellektuell die Bewegungs-Abläufe verstanden haben, heisst dies nicht, dass sie sie sofort körperlich umsetzten können… dies braucht oft sehr viel Geduld und Zuspruch… Besonders wenn das Schreiben Mühe bereitet kann dies zu sehr viel Frust bis zur Verweigerung führen...
Intellektuelle Overexcitability
Intellektuell intensive Menschen sind ganz besonders neugierig. Sie stellen ständig Fragen - dies kann bereits sehr früh im Alter von 1 - 3 Jahren beginnen. Die kindlichen Fragen zeichnen sich oft durch ihre aussergewöhnlichen Inhalte aus. Kinder zeigen untersuchendes und testendes Verhalten und lieben es, neue Dinge auszuprobieren. Dies tun sie dann solange, bis sie den Vorgang oder das Thema verstanden haben. Sie zeichnen sich ausserdem durch lange Phasen der Konzentration und Ausdauer in der Beschäftigung mit neuen Inhalten aus. Oftmals bringen sich diese Kinder Fähigkeiten wie lesen, schreiben oder rechnen selber bei und zeigen ein grosses Interesse daran.
Die intellektuelle OE zeigt sich ab dem 4. – 5. Lebensjahr in leidenschaftlichem Lesen, in detailliertem Planen und vorausschauendem, gedanklichem Verarbeiten von Handlungen oder Ereignissen. Häufig beobachtet man die Fähigkeit zu ausgedehnten intellektuellen Anstrengungen wie das Denken über das Denken und die Entwicklung eigener Wertehierarchien. Sie weisen ein sehr originelles und unabhängiges Denken und eine starke Komplexität im Denken auf. Diese Eigenschaften sind nicht mit denen schnell denkender Normalbegabter zu verwechseln, die als gute Schüler im Klassenverband integriert sind und bis zur Pubertät einen Entwicklungsvorsprung haben, der nach der Pubertät zur Norm hin ausgleicht.
Die intellektuelle OE "hat" man ein Leben lang. Das heisst auch im Erwachsenenalter suchen diese Menschen immer wieder neue Herausforderungen, haben eine unstillbare Neugierde und einen Wissensdrang. Sie eignen sich oft autodidaktisch Fähigkeiten und Wissen an, einfach nur des Spasses halber. Sie sind auch schnell unterfordert - wenn sie ein Interessengebiet ausgiebig studiert haben, dann wenden sie sich etwas Neuem zu. Dies führt in Jobs oft zu Unterforderung, Eintönigkeit und Langeweile.
Sie suchen ständig nach der Wahrheit, sind sehr wahrheitsliebend und hassen Ungerechtigkeiten. Sie suchen auch immer nach Verständnis. D.h. wenn sie bemerken, dass jemand ihr Verhalten oder das Verhalten von jemand anderem als komisch oder unlogisch taxiert, versuchen sie sich zu erklären und suchen nach einer übereinkommenden Lösung.
Die Sinnhaftigkeit einer Aufgabe ist enorm wichtig. Erscheint eine Aufgabe sinnlos, dann kann es zu Diskussionen oder sogar zu Verweigerung kommen. Menschen mit intellektueller OE entwickeln sehr oft neue Konzepte und Wege, sinnlose Aufgaben sinnvoll zu gestalten. Viele dieser Menschen weisen eine grosse Hartnäckigkeit beim Problemlösen und eine Leidenschaft für Genauigkeit auf.
Sie verfügen über eine hohe Ausdauer und Konzentration, bei Aufgaben und Tätigkeiten, die sie interessieren. Auch eine hohe intrinsische Motivation ist ihnen eigen. (bei Themen die interessieren und faszinieren)
Sie stellen oft kritische und testende Fragen, was Bezugs- oder Lehrpersonen manchmal zur Weissglut
bringen kann...
Diejenigen, die den Film Vitus von Regisseur Fredi M. Murer kennen, mögen sich vielleicht an die Szene in der Schule erinnern, in der Vitus von seiner Lehrerin darüber informiert
wird, dass Lehrer immer mehr wissen als die Kinder. Daraufhin fragt Vitus: "Wissen Sie, wer die Dampflokomotive erfunden hat?" "Natürlich weiss ich, wer die Dampflokomotive erfunden
hat!", antwortet die Primarlehrerin und zu den restlichen Kindern in der Klasse gewandt sagt sie: "Das war Richard Trevithick!". Vitus: "Dann können Sie mir sicher auch sagen, warum
nicht der Lehrer von Richard Trevithick die Dampflokomotive erfunden hat?"
Sie wollen wissen und verstehen und nicht blindlings glauben und folgen...Sie sind nicht autoritätsgläubig, sehr unabhängig - vor allem im Denken - und suchen Augenhöhe. Sie weisen ein ausgeprägtes moralisches Denken auf und sind sehr kritisch mit sich selbst und anderen, können sich aber auch selbst reflektieren.
Sie haben eine scharfe Beobachtungsgabe und sind sehr unabhängige und kritische Denker. Dank der visuellen OE können sie sich das Beobachtete sehr genau, detailreich und über lange Zeit merken.
Sie sind sehr sprunghaft in ihren Gedanken, so dass andere ihren Gedankengängen oftmals nicht folgen können. (Anm. das vermutlich auf den assoziativen Denkstil zurückgeht, bei dem immer direkt mehrere Querverbindungen zu einem Thema gesehen werden und daher nicht linear nur einem Thema gefolgt wird)
Auch divergente Denkstile sind verbreitet. Diese Menschen denken nicht sequentiell, sondern kreativ chaotisch und holistisch. Kinder verweigern sich dann zum Beispiel bei einem neuen Spiel die Spielanleitung zu lesen. Es versucht das Spiel selbst zu verstehen und zu erforschen. Oftmals gelingt das dann auch auf sehr unkonventionelle Weise.
Ausserdem kann es zu Perfektionismus und gemeinsam mit der imaginativen OE zu überhöhten Selbstansprüchen kommen. Es kann manchmal total frustrierend sein, wenn man stets "das Perfekte" visualisieren kann, es aber dann in der Realität nicht entsprechend umgesetzt werden kann. Gerade bei jüngeren Kindern führt dies oft zu Frustration, Wutanfällen und "schnelles Aufgeben". Wenn das Hirn so schnell rast wie ein Ferrari, die Hand aber erst die Geschwindigkeit eines Dreirads aufweist, dann ist das unglaublich niederschmetternd und frustrierend. Auch wenn die super Ideen, die man bereits vor dem inneren Auge klar sieht, nicht in die Realität umgesetzt werden können, weil das Material, die Fähigkeiten oder schlichtweg die Zeit fehlt, dann ist das genauso erniedrigend.
Oftmals haben diese Menschen auch Schwierigkeiten mit langweiligen Routinearbeiten und neigen zu Unordnung und Chaos, ganz einfach, weil ihnen das Konzept von Ordnung im Geiste fehlt.
Intellektuelle Overexcitability schließt moralische und intuitive Aspekte ein und geht somit über das Konstrukt der intellektuellen Intelligenz hinaus.
Unter Stress neigen sie dazu, sich zu verzetteln mit ihren vielen Gedanken.
Was kann helfen?
Es ist wichtig, dass sie ihr anderes Denken teilen können und dass man sie versteht (oder es zumindest versucht :-). Fokus auf ihr Potenzial, eigene Aktivitäten, Interessen und Wünsche so gut es geht ausleben dürfen.
