Wenn ich Eltern nur einen Tipp mit auf den Weg geben könnte, dann würde dies folgender sein:
Nehmen Sie Ihr Kind und dessen Bedürfnisse immer und zu jeder Zeit ernst und hören Sie ihm unvoreingenommen und liebevoll zu…
ganz egal, was das Umfeld, die Lehrperson oder andere Beteiligte sagen oder raten. Ihr Kind braucht sie als Mutter oder Vater, genauso wie junge Rauchschwalben am Anfang ihres Lebens die Eltern brauchen...
Ihr Kind ist das schwächste Glied in der Kette zwischen Elternhaus, Schule und System. Wenn es Auffälligkeiten und Widerstände zeigt, dann deshalb, weil es grosse Probleme hat. Sein Verhalten ist ein Hilfeschrei, weil es sich nicht anders Gehör zu verschaffen weiss. Es hat noch keine "besseren" Strategien entwickelt, um auf sein Leiden aufmerksam zu machen. Und dass es leidet, ist offensichtlich. Nicht wahr?
Ich weiss wie es sich anfühlt, wenn man im Umfeld nur auf Skepsis und Unverständnis stösst, wenn man als Helikoptermutter, Rasenmähermutter (was das genau sein soll, kapiere ich allerdings nicht...) oder Rabenmutter abgetan wird und wenn man keine, zu spät oder die falsche Hilfe bekommt, in der Begleitung von neurodiversen Kindern. Ich habe mir schon Vieles anhören müssen. Dass ich zu ehrgeizig sei (weil mein Sohn bereits vor dem Eintritt in den Kindergarten lesen konnte), dass ich ihn zu einem Genie erziehen wolle, dass ich ihn zu sehr behüten würde, dass ich auch mal loslassen müsse, uvm. All diese so achtlos dahingeschmissenen Rat-Schläge oder Kommentare sind sehr schmerzvoll und absolut NICHT hilfreich!!
Ich weiss wie es sich anfühlt, überfordert zu sein. Überfordert mit der Situation und im Gespräch mit Schule, Kind und anderen Beteiligten.
Es braucht sehr viel Kraft, Durchhaltewillen, den eisernen Glauben an sein Kind und sich selbst und den Mut andere Wege zu gehen.
Unser Sohn ist nun in der 6. Klasse. Seit dem ersten Kindergarten hat er bereits drei Mal das Institut gewechselt. Ich weiss, wie es sich anfühlt, wenn man sich als Mutter nicht gehört und nicht verstanden fühlt. Wenn man total alleine dasteht und es keine guten Lösungen für das Kind gibt. Ich weiss, wie es ist, wenn man nur Vorwürfe an den Kopf geschmettert bekommt und nur die Schwächen seines Kindes hervorgehoben werden, um damit Druck auszuüben. Ich weiss, wie es sich anfühlt, wenn man in einem Elterngespräch sitzt und das Gefühl hat, die Lehrperson(en) sprächen von einem anderen Kind. Einzig deshalb, weil sich das Kind im Unterricht so total anders verhält, als zu Hause. Ich weiss wie es sich anfühlt, wenn man mit dem Kind mitleidet, weil es nicht nur von Mitschüler/innen, sondern auch von der Lehrperson schlecht behandelt wird.
Das jüngste Beispiel gefällig?: Ich weise die Lehrperson per Mail darauf hin, dass mein Sohn im Deutschunterricht total unterfordert ist und mehr Hirnfutter braucht. Kurz zuvor hat sie ihn getadelt, weil seine Schrift nunmal nicht so sauber und schön ist. Er hat Schwierigkeiten auf Linien und in Kästchen zu schreiben (das kommt von seiner visuell-räumlichen Denkweise). Deshalb habe ich ihr dies in ein paar kurzen Sätzen versucht zu erklären. Was macht die Lehrperson? In der nächsten Unterrichtsstunde zeigt sie allen Kindern ein Youtube-Video eines Lehrers, der erklärt, wie man in Mathe korrekt in Kästchen schreibt und die Kommas setzen muss....
In der ersten Klasse habe ich die Lehrperson darauf hingewiesen, dass Leevi im Englisch unterfordert sei und dass sie bitte seine Arbeiten korrigieren und ihm Feedback geben solle. Offenbar hat auch diese Lehrperson meine Bitte als persönlichen Affront verstanden (Sorry an alle Lehrpersonen - dies ist kein persönlicher Affront, sondern lediglich der Versuch, einen gemeinsamen Konsens zu finden, und das Verständnis für die Gegebenheiten zu vermitteln...) und danach meinen Sohn besonders im Turnunterricht vor der ganzen Klasse fertig gemacht und ihn zu vielen Dingen gezwungen, die er nicht machen wollte und konnte. Sie haben also beide ihren Unmut darüber, dass ich als Mutter interveniert habe (offenbar haben sie das als Kritik an ihrem Unterricht oder noch schlimmer an ihrer Person verstanden???), auf übelste Weise am Kind ausgelassen. Wie erbärmlich....
Es gibt Lehrpersonen (bzw. Menschen ganz im Allgemeinen), die haben das Gefühl, sie müssten Kindern (bzw. anderen Menschen) Lektionen erteilen. Und dies meine ich jetzt nicht im Sinne von Stoff oder Wissen vermitteln. Dies meine ich im Sinne von, andere demonstrativ vorführen, Macht demonstrieren, und den anderen fertig machen. Sie wollen demonstrieren, dass sie besser sind, mehr wissen und Bescheid wissen und dass der andere noch unerfahren ist und weniger weiss. Dieses "Lektionen-Erteilen" ist arrogant und selbstsüchtig. Man tut es nicht, weil man aus tiefstem Herzen dem anderen etwas beibringen oder zeigen möchte. Man tut es, um sein eigenes Ego emporzuheben, um sich so darzustellen, als wüsste man mehr. Das ist ein reines Ego-Ding und hat nichts mit Wissensvermittlung, unterrichten und befähigen zu tun. Denn das sollte meiner Meinung nach eine Lehrperson wollen - Den Kindern entwicklungsgerecht Wissen zu vermitteln, sie zu befähigen, ihre Motivation und ihre Neugierde zu stärken und sie dazu anzuregen, selbst zu forschen und mit Freude zu lernen.
Darum hier ein Appell an alle Lehrpersonen.... überlegen sie sich bei Ihren Worten und Taten immer, ob es dem Kind zu Gute kommt oder ob es ihm schaden könnte. Denn eine Motivation, die erst einmal im Keller ist, holt man fast nicht mehr zurück. Eine Seele, die zutiefst verletzt wurde, heilt nur sehr langsam. Das Vertrauensverhältnis zum Kind ist mit solch kleinen fiesen Worten und Taten nachhaltig zerstört.... Und beweist dies, dass Sie eine gute Lehrperson sind???
Ich weiss wie es sich anfühlt zu zweifeln. An sich selbst. An seiner Wahrnehmung. An seinem Kind. Es ist furchtbar. Schmerzhaft. Und gerade diese Zweifel werden einem sehr gerne als Floh ins Ohr gesetzt. Um uns glauben zu machen, dass wir, also ich und mein Sohn, falsch sind. Und da gilt es stark zu bleiben... Für sich selbst und das Kind... Lassen Sie sich nicht einreden, mit Ihrem Kind wäre etwas falsch!!
Mag sein, dass ich für gewisse Menschen im Schulumfeld unbequem, sehr direkt und störrisch aufgetreten bin. Wenn es etwas gibt, was mich zutiefst anwidert, dann Menschen, die versuchen, andere zu manipulieren.
Wer kennt das Kind am besten? Bei mir ist es so, dass ich meinen Sohn am besten kenne. Wieso will mir also jemand, der ihn gerade erst kennengelernt hat, erklären, wie mein Sohn IST???
Darum - mein Rat an alle Mütter (und auch Väter), lassen Sie sich nicht einreden mit Ihrem Kind wäre etwas falsch. Ihr Kind ist goldrichtig so wie es ist. Es ist einzigartig. Wundervoll und toll. Es hat bloss aktuell Schwierigkeiten im System klar zu kommen und schreit um Hilfe... Hoffentlich schreit es noch. Denn wenn es verstummt ist, dann ist es womöglich zu spät?
Wir sollten die Gelassenheit und Ruhe eines Stuhles annehmen. Denn der muss sich auch mit jedem Arsch zufrieden geben. Unbekannt
Ich weiss, wie es ist, wenn das Kind innerhalb kürzester Zeit wieder unterfordert ist und es sich zu Tode langweilt in der Schule. Wenn die Ressourcen der Schule ausgeschöpft sind, wenn die Lehrperson und die Schule überfordert sind mit der Förderung des Kindes, wenn einfach nicht mehr drin liegt. Ich weiss auch wie es ist, wenn man von Lehrpersonen, Schulleiter/innen und dem Schulpsychologischen Dienst nicht ernst genommen wird, wenn man abgespeist wird, wenn das Gespräch verweigert wird, wenn das Problem nur auf das Elternhaus projiziert wird und man sich z.T. sogar gewisse Vorwürfe anhören muss, die nichts mit der Realität zu tun haben.
Ich weiss, wie es ist, wenn das Kind zu Hause wunderbar fröhlich, glücklich und zufrieden ist, aber in der Schule extremen Stress erfährt und dort nichts funktioniert.
Ich weiss wie zermürbend es sein kann, (für Eltern sowie auch für die Schule), wenn es einfach nicht funktioniert und die Situation nicht besser wird.
Mit der integrativen Förderung sind Schulen verpflichtet, alle Kinder zu integrieren, doch sie haben oftmals weder Ressourcen, noch das nötige Know-How noch die Möglichkeiten um hochbegabte Kinder optimal zu fördern und zu begleiten. Tatsächlich finde ich es schockierend, wie wenig manche Lehrpersonen über die Facetten von Hochbegabung wissen. Viele haben nach wie vor ein völlig falsches Bild und Vorurteile über Hochbegabung. Und dies ist verheerend. Ich wünschte mir, dieses Thema würde - genauso wie Defizite und andere Schwierigkeiten - im Studium zum Pädagogen ausführlich behandelt. Natürlich gibt es Ausnahmen. Doch was nützt mir eine Ausnahme-Lehrperson, die nicht an der Schule meines Kindes unterrichtet?
Leidtragend sind immer die Kinder. Und die gilt es zu schützen und zu unterstützen!! Was ist das Richtige FÜR DAS KIND? Was braucht das Kind? Was sind die Bedürfnisse des Kindes? Wo liegen die Schwierigkeiten FÜR DAS KIND?... Diese Fragen stellt man sich leider viel zu selten...
Liebe hat nichts damit zu tun, was man bekommen möchte, sondern nur mit dem, was man selbst geben will. Katharine Hepburn
Da hat irgend ein Gremium die Inklusion in der Schule erlassen, aber daran gedacht, dass Lehrpersonen auch entsprechend anders ausgebildet werden müssten, das hat man dabei wohl vergessen... Wie tragisch!!
An vielen Schulen gibt es unterdessen Förderprogramme. Talentworkshops, Mathe-AGs und wie sie auch alle genannt werden. Für viele Kinder sind das wunderbare Möglichkeiten und oftmals reichen sie auch völlig aus.
Für manche Kinder leider nicht. Für diese Kinder braucht es mehr, als einfach nur ein Förderprogramm in einem Fach am Mittwoch Nachmittag (dann, wenn alle anderen Kinder frei haben…). Es braucht dauernd, in jeder Lektion mehr Tiefe, mehr Inhalt, mehr mehr mehr Hirnfutter… Zudem ist es für hochbegabte Kinder extrem langweilig, wenn sie auf ihre Klassenkameraden warten müssen, obwohl sie den Stoff schon längst kapiert haben. Es ist für sie auch ätzend, wenn sie Hausaufgaben als Fleissarbeit erledigen müssen, obwohl sie den Stoff längst begriffen haben.
Denn das Kind ist während des allgemeinen Unterrichts unterfordert. Es ist gelangweilt, weil andere Kinder nicht so schnell lernen. Es ist unterfordert, wenn es Stoff wiederholen muss und wenn es Sachen machen muss, das es schon längst kapiert hat. Es ist unterfordert, wenn es Dinge in der Gruppe und im Klassenverband tun muss, die es schon längst geschnallt hat. Die jüngeren Kinder kämpfen zudem häufig damit, dass sie gewisse Fähigkeiten noch nicht besitzen (zum Beispiel warten können). Es ist für sie total zermürbend, wenn sie nicht in ihrem Tempo arbeiten können. Nicht weil sie arrogant oder besserwisserisch sind, sondern weil sie ganz einfach ausgebremst werden in ihrer natürlichen Entwicklung.
Sie brauchen schlichtweg mehr Hirnfutter als andere und in einem anderen Tempo und Intervall. Sie brauchen ein anderes Arbeitsumfeld. Frontalunterricht ist oftmals ätzend. Sie bräuchten theoretisch fächerübergreifende, forschende Möglichkeiten, sich den Stoff erarbeiten zu können. In einer normalen Schule ist dies ein grosser Challenge. Denn sehr hochbegabte Kinder legen ein Tempo an den Tag, dem man kaum folgen kann. Gleichzeitig sind gewisse Overexcitabilities extrem stark ausgeprägt, was dazu führt, dass diese Kinder täglich einen Spagat machen zwischen ihren geistigen Fähigkeiten und Bedürfnissen und ihren Overexcitabilities, die sie ausbremsen. Das ist so, als wäre der Kopf ein Ferrari und der restliche Körper bloss ein Dreirad.
Kommt hinzu, dass jedes Kind ein Individuum ist und die Kombination und die Ausprägungen von Hochbegabung und Overexcitabilities einzigartig sind. Es gibt Kinder, die sehr gut funktionieren und denen ein zusätzliches Heft mit Förderaufgaben im Unterricht genügt. Da sind dann aber auch die Kinder, die damit nicht genug Hirnfutter bekommen und für die es andere Lösungen bräuchte.
Dann gibt es im neurodiversen Spektrum viele Kinder, die visuell-räumlich denken. Dies führt im Unterricht ebenfalls oft zu Herausforderungen. Mehr dazu finden Sie hier.
Es braucht nicht einfach mehr vom gleichen Stoff, sondern differenziert, fächerübergreifend, spannend... Und zwar nicht irgendetwas - das nützt nichts. Es muss das richtige Hirnfutter, in der richtigen Menge und mit den richtigen Themen sein. Sie können sich bestimmt vorstellen, dass dies ein Ding der Unmöglichkeit ist. Und gerade in einer heterogenen Klasse, wo so viele verschiedene Kinder vorkommen, ist es verständlich, dass oftmals nicht mehr drin liegt. Ich mache hier auch niemandem einen Vorwurf. Mir ist durchaus bewusst, wie herausfordernd der Schulalltag mit allen Kindern und Themen zuweilen sein kann. Was ich mir allerdings wünschen würde ist, dass die Hochbegabung als genauso wichtig und "fördernswert" anerkannt wird, wie die diversen Defizite, die in der Schweizer Schulbildung sehr viel Sonderförderrecht erfahren... Was ich mir ebenfalls wünschen würde ist, dass der Dialog zwischen Eltern, Schule und Kind so geführt wird, dass es zum Wohle des Kindes ist. Dass man sich zuhört und die Bedürfnisse und Einwände von Eltern (und Kindern) ernst nimmt.
Und zum Schluss... ein paar tolle Adressen... mit denen wir gute Erfahrungen gesammelt haben:
Winterthur
Hier war mein Sohn für einige Jahre wunderbar aufgehoben und begleitet. Vielen Dank Team gsw! Ihr seit toll!!
Zentrum für Beziehung und Begabungsförderung, Zürich
Zu empfehlen für die Diagnostik, Elternberatung und Weiterbildung sowie die psychologische Begleitung von Kindern



